„Zauberklingen“ von Joe Abercrombie

Mein Buch des Jahres 2019 war „A Little Hatred“ von Joe Abercrombie und ich habe hier bereits ausführlich über das Buch geschwärmt, es war für mich das Buch des Jahres 2019 und ich habe bereits zwei signierte Editionen bei mir im Regal stehen. Seit dem 10. Februar ist nun auch die deutsche Übersetzung mit dem Titel „Zauberklingen“ im Buchhandel erhältlich. Dank dem Bloggerportal hatte ich das große Vergnügen, die Geschichte noch einmal auf deutsch zu lesen. Dabei fand ich die Übersetzung größtenteils sehr gelungen, bin aber von einer Entscheidung wahnsinnig genervt.

Zauberklingen | Autor: Joe Abercrombie | Übersetzt von: Kirsten Borchardt
Verlag: Heyne | Erschienen am: 10.02.2020 | Seiten: 768
Werbung: Rezensionsexemplar

Zur Handlung

(Warnung: Wer meine Rezension des englischen Buches bereits gelesen hat, stößt hier auf einige… Parallelen und blättert am besten bis zur Überschrift „Das Übersetzungsproblem“ weiter.)

„Zauberklingen“ ist der Beginn einer neuen Trilogie, spielt aber gleichzeitig in einer Welt, in der bereits sieben Bücher erschienen sind. Beim erneuten Lesen habe ich versucht, mich in eine Person hineinzuversetzen, die noch keines der Vorgängerbände gelesen hatte und musste gestehen, dass das stellenweise nicht so leicht war. Die Geschichte ist voller Andeutungen auf frühere Ereignisse und gestorbene Held*innen und wer vom Aufbau der Welt noch nichts weiß braucht definitiv länger, sich in die Geschichte einzufinden. Trotzdem funktioniert die Handlung auch losgelöst von den übrigen Büchern und „Zauberklingen“ eignet sich als Einstieg in die Welt von Abercrombie. Es schadet aber auch nicht, das ein oder andere Buch bereits gelesen haben.

Die Handlung spielt in einer sich entwickelnden Welt: Die Industrialisierung hat Einzug gehalten und mit ihr unfassbarer Reichtum – und Armut. Die Magie zieht sich zurück, an ihre Stelle treten Geschäftsfrauen und Banken. Ich fand das Szenario ziemlich unverbraucht und wahnsinnig spannend. Es ist rauh, es ist düster, es fließt Blut, wie von Abercrombie gewohnt. Ein Teil der Handlung spielt in einem Elendsviertel, viele Charaktere sind mittendrin im Klassenkampf.

Ganz viel Charakterliebe

Sagte ich gerade „Charaktere“? Ach ja, die Charaktere. Und was für Charaktere das sind! In einem Interview mit dem Guardian spricht Joe Abercrombie offen darüber, dass seine früheren Werke doch recht männerdominiert waren. Man müsse aber nur zehn Sekunden nachdenken, schon könne man die Welt viel diverser bevölkern und viel mehr wichtige Figuren auch weiblich machen. Eine richtig gute und wichtige Einstellung! Es ist wohl, nicht nur von den Charakteren her, sondern auch von den politischen Ansichten, die immer wieder durch die Handlung transportiert werden, ein wahrhaft feministisches Fantasy-Buch. Meine drei liebsten Figuren in „A Little Hatred“ waren:

Rikke

Rikke ist die Tochter des Hundsmanns, eines großen Kriegsherrn im Norden. Sie ist gesegnet – oder verflucht, das kommt auf den Standpunkt an – mit der Gabe des „Langen Auges“. Sie sieht Visionen der Zukunft, leider sind diese nicht immer so klar und leider verliert Rikke während der Visionen vollkommen die Kontrolle über ihren Enddarm, was ihr einen leicht zweifelhaften Ruf eingebracht hat. Als junge Frau muss sie mit den Herausforderungen des Erwachsenwerdens fertig werden inmitten einer vom Krieg verwüsteten Welt. Sie ringt darum, einen Platz für sich im Leben zu finden und gleichzeitig die, die ihr am nächsten stehen, zu beschützen.

Savine dan Glokta

Auch Savine hat einen berühmten Vater. Sand dan Glokta ist Großinquisitor des Königs und vermutlich der meistgefürchtete Mann des Reiches. Zuhause in den erlesensten Zirkeln, verbringt sie die Tage als gerissene Investorin, für die Profit über allem anderen steht. Schön, schlau und rücksichtslos wähnt sie sich unbesiegbar. Bis sie mitten in einen blutigen Arbeiteraufstand gerät und plötzlich auf die Hilfe derer angewiesen ist, die sie zuvor so verachtete.

Kronprinz Orso

Orso ist der Inbegriff eines guten Kronprinzen – zumindest aus dem Blickwinkel derer, die hinter den Kulissen die Strippen ziehen: Er ist faul, egoistisch, träge und ständig auf Drogen. Wenigstens ist er sich seiner vielen Schwächen bewusst und eigentlich, ja eigentlich würde er wahnsinnig gerne wenigstens einmal in seinem Leben etwas wirklich Sinnvolles tun. Wenn das nur nicht mit so wahnsinnig viel Aufwand verbunden wäre…

Im Laufe der Handlung trifft frau* noch auf viele weitere einzigartige Charaktere, teils alte Bekannte, teils neue Gesichter. Alle haben nachvollziehbare Beweggründe, niemand ist nur böse oder gut. Ich habe mit ihnen allen mitgefiebert.

Das Übersetzungsproblem

Kommen wir zum Problem der deutschen Fassung. Textlich ist die Übersetzung richtig gut gelungen, auch wenn sich einige der düsteren Rufnamen im Englischen doch ein wenig cooler anhören als auf Deutsch. „Stour Nightfall“, „Black Calder“ und „Scale Ironfist“ gefallen mir einfach besser als „Stour Dunkelstund“, „der schwarze Calder“ und „Scale Eisenfaust“. Aber das sind Kleinigkeiten.

Keine Kleinigkeit finde ich den deutschen Titel und das Cover. Irgendwann traf jemand im Verlag wohl die Entscheidung, Joe Abercrombies Bücher (übrigens deutlich abweichend von den englischen Originaltiteln) die „Klingen-Saga“ zu nennen. Das mag bei Teil eins bis drei „Kriegsklingen“, „Feuerklingen“, „Königsklingen“ noch einigermaßen funktioniert haben. Nun sind wir aber bei Teil 8, jeder Titel mit einem „-klingen“ am Ende, so dass man die Teile kaum unterscheiden kann. Und irgendwann sind den Leuten wohl die Ideen ausgegangen, welche Wörter sie vor die „-klingen“ stellen können. Ganz ehrlich? „Zauberklingen“ haben mit dem Buch rein gar nichts zu tun. Es kommt kein einziges verzaubertes Schwert darin vor und die Welt durchläuft gerade eine industrielle Revolution, Magie kommt nur am Rande vor. Wie kommt man da auf die Idee des Titels „Zauberklingen“? Wer hält denn mit einer solchen Härtnäckigkeit an dieser Klingen-Idee fest, dass sich niemand traut, so etwas mal anzumerken?

Und dann das Cover. Eine frühindustrielle Fabrik, ein Elendsviertel, meinetwegen ein Hund als Symbol für die Tochter des Hundsmanns hätten alle weit mehr mit dem Buch zu tun gehabt, als dieser Adler. Inhaltlich hat das Buch seine fünf von fünf Lesezeichen total verdient, aber Cover und Titel sind für mich ein absoluter Reinfall.

Bewertung: 5 von 5 Lesezeichen

PS: Heyne hat sich in mittlerweile in einem humorvollen Tweet zum Titel geäußert:

https://twitter.com/HeyneFantasySF/status/1231913410398425089

Der Song zum Buch

7 Kommentare zu „„Zauberklingen“ von Joe Abercrombie“

  1. Hallo Nico,

    das Namen eingedeutscht werden find ich auch immer blöd. Das hat mich bei „Game of Thrones“ teils richtig irritiert. Ich dachte an sich ja, dass es sich bei solchen Charakternamen um ‚Eigennamen‘ handelt, die man einfach nicht anpackt.
    Ähnlich geht es mir mit Buchtiteln. Oft haben die deutschen Titel rein garnichts mit den Originaltiteln zu tun und dann meist auch wenig mit dem Buch an sich. Wie in deinem Fall. Was ich immer wieder schade finde und mich auch oft abschreckt, die deutschen Versionen zu kaufen und zu lesen. 🙁

    Ich habe von der Reihe noch nie gehört. Aber es freut mich, dass du bisher soviel Spaß hattest und Unterhaltung genossen hast.
    Ich werde die Augen mal offen halten nach den Büchern.

    Liebe Grüße und einen schönen Sonntag,
    RoXXie

    1. Hallo RoXXie,

      ja bei „Game of Thrones“ fand ich es noch schrecklicher, da hast du Recht. Liest du dann viele englische Originale? Dadurch, dass es im englischsprachigen Raum eher Sondereditionen, signierte Exemplare und so weiter gibt, lese ich den größeren Teil meiner Bücher auf Englisch.

      Liebe Grüße und einen schönen Sonntag,
      Nico

      1. Guten Abend Nico,

        zum größten Teil greife ich auf die englischen Original zurück und hatte dann beim Lesen auch immer viel mehr Spaß und Freude an den Büchern. Auch wenn sich am Inhalt ja nichts weiter ändert.

        Auf die Sondereditionen oder signierten Exemplare bin ich jetzt nicht so fixiert. Obwohl ich mich so manches mal gefragt habe, wie du immer an diese Bücher kommst? 😉

        Cheerio,
        RoXXie

        PS: Die Umgestaltung deines Blogs gefällt mir gut. War gerade etwas verdutzt, da heute Mittag noch das alte Layout zu sehen war. 😉

        1. Liebe RoXXie,

          schön, dass du meist auf Englisch liest, das tue ich auch. Eine Übersetzung kann schon manchmal etwas kaputt machen. Ich habe schon seit langem vor, mal einen größeren Beitrag zu Sammlereditionen etc. zu machen, komme aber nie dazu. Nach März dann vielleicht. Häufig komme ich über die Online Shops von Goldsboro Books und Anderida Books an die Sonderausgaben. Autor*innen, die ich mag, folge ich auf Twitter, meist kann ich da aufschnappen, wenn deren Bücher bei anderen Verlagen in einer besonderen Auflage erscheinen.

          Liebe Grüße,
          Nico

          1. Tagchen,

            also solltest du solch einen Beitrag einmal bringen, dann werde ich ihn auf jeden Fall lesen.
            Ich finde es interessant, welche Wege Menschen gehen, um etwas Besonderes zu bekommen. 😉

            Ja, die Übersetzungen können da schon manchmal Schaden anrichten. Im Moment überlege ich, ob ich mir die „Shatter Me“ – Reihe von Tahere Mafi auch auf Deutsch zulegen soll. Aber erst einmal, werde ich nach einer Leseprobe Ausschau halten. Denn vom englischen Original – Schreibstil bin ich total begeistert. Kann mir aber nicht vorstellen, ob dies auch auf Deutsch so gut kommt.

            Cheerio,
            RoXXie

          2. Liebe RoXXie,

            das ist eine gute Idee mit den Leseproben, mittlerweile wird das ja auch von vielen Verlagen angeboten. Ich habe vor meinem Blog eigentlich nur englische Bücher gelesen, nun variiert das aber viel mehr, sonst wäre es für die Leser*innen ja auch langweilig.

            Liebe Grüße,
            Nico

  2. Pingback: "Daisy Jones and The Six" von Taylor Jenkins Reid - Im Buchwinkel

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