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Wer übersetzt eigentlich unsere Bücher? Ein Interview mit Kerstin Fricke

Früher musste frau* teils lange warten, bis die deutsche Übersetzung einer geliebten Fortsetzung im Handel erschien. Ich erinnere mich noch lebhaft an die für mich quälende Wartezeit beim fünften Teil von Harry Potter, die einfach nicht vorüber gehen wollte. Damals machte ich mir noch keine Gedanken aber in den letzten Jahren fragte ich mich doch immer öfter: Wer übersetzt eigentlich die ganzen Bücher für uns und wie sieht dieser Beruf so aus? Zum Glück habe ich eine Frau getroffen, die mir so einige Antworten auf meine Fragen geben konnte.

Ein Foto von Kerstin Fricke

Kerstin Fricke lernte ich bereits früh in meiner noch jungen „Karriere“ als Buchblogger kennen. Es stellte sich heraus, dass Kerstin ein Buch auf Deutsch übersetzte, das ich bereits auf Englisch gelesen hatte: „Das Reich der zerbrochenen Klingen“ von Anna Smith Spark. Weil die Sprache und der Satzbau im Buch teilweise aus gewohnten Bahnen ausbrechen, begann ich, mich mehr für die Arbeit der Übersetzer*in zu interessieren. Es arbeiten ja außer der Autor*in und der Coverdesigner*in noch so viele weitere Menschen an einem Buch mit… Umso mehr freue ich mich, mit diesem Interview ein wenig Licht auf die Aufgaben und Herausforderungen einer Übersetzer*in scheinen zu können. Vielen Dank an Kerstin Fricke, dass sie sich für das Interview bereitgestellt hat!

Das Interview

Liebe Kerstin,
wir haben uns ja schon recht früh in meiner Bloggerkarriere kennengelernt, weil du gerade ein Buch übersetzt hast, das mir sehr gut gefiel und bereits auf Englisch in meinem Bücherregal steht: „Das Reich der zerbrochenen Klingen“ von Anna Smith Spark. Bevor mein Projekt Buchblog gestartet ist, habe ich mir wenig Gedanken um Bücherübersetzungen gemacht. Schließlich hatte ich schon seit längerem angefangen, Bücher auf Englisch zu lesen. Mir dauerte das Warten auf eine Übersetzung zu lange, außerdem finde ich teilweise die deutschen Übersetzungen der Charakternamen eher komisch als gut. Aktuelles Beispiel dafür: Die „A Song of Ice and Fire“ Übersetzungen von George R.R. Martin. „Jon Snow“ hat für mich einen viel besseren Klang als „Jon Schnee“. Und bei „Euron Graufreud“ gruselt es mich direkt. Man könnte also sagen, durch dich ist die Arbeit einer Übersetzer*in erst in meinen Blickpunkt gerutscht. Umso schöner also, dass du dich zu diesem Interview bereit erklärt hast. Kommen wir zu meinen Fragen.

Lieber Nico, ein paar einleitende Worte als Ergänzung zu deinen würde
ich gern noch anbringen. Es freut mich, dass ich dein Augenmerk ein wenig auf meinen Job gelenkt habe, denn es ist mir durchaus ein Anliegen, die Arbeit der Übersetzer ein wenig mehr in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Oftmals finden wir nämlich nur Erwähnung, wenn es mal wieder etwas an der deutschen Fassung auszusetzen gibt (woran der Übersetzer nicht immer allein schuld ist, denn ich denke, die oben erwähnte Eindeutschung der Namen aus »Game of Thrones« war eine Verlagsentscheidung, die ich zwar nicht schön finde, aber durchaus nachvollziehen kann). Mosern ist immer leicht, aber wie viel Arbeit in so eine Übersetzung (und auch alle Schritte danach) fließt, machen sich viele gar nicht bewusst.

Zuerst einmal zu deiner Vergangenheit: Was wolltest du als kleines Kind werden?

Ich wollte aus mir heute unerfindlichen Gründen Ärztin werden, bis ich irgendwann zu Grundschulzeiten mal ein sehr abschreckendes Operationsvideo im Fernsehen gesehen habe – jedenfalls bilde ich mir ein, dass es so was gewesen sein muss, erinnern kann ich mich nur noch an sehr viel Blut. Danach war ich viele Jahre ahnungslos, was ich mal werden möchte.

Wie kamst du zu deinem Beruf als Übersetzerin? Könnte man sagen, dass du dein Hobby zum Beruf gemacht hast?

Ja, das kann man eindeutig so sagen. Ich bin nämlich während meines Informatikstudiums über eine Freundin dazu gekommen, als Nebenjob an Spieleübersetzungen mitzuarbeiten – und Computerspiele waren schon
sehr lange eines meiner Lieblingshobbys und sind es auch heute noch. So bin ich dann nach und nach in die Übersetzerbranche reingerutscht, und heute übersetze ich nicht nur Spiele, sondern auch Romane, Graphic Novels, Comics und Sachbücher.

Ich bin selbst Lehrer und habe einen einigermaßen privilegierten Arbeitsalltag, weil ich einen Teil der Arbeit zuhause erledigen und mir selbst einteilen kann. Wie sieht ein typischer Arbeitstag für dich aus?

Im Normalfall unterscheidet sich mein Arbeitstag nicht so sehr von dem einer Festangestellten, abgesehen davon, dass ich das Haus nicht verlassen muss. Im Allgemeinen sitze ich so zwischen sechs und neun Stunden am Rechner, je nach Arbeitspensum und Prokrastinationsanfällen während des Tages.
Wenn es stressiger wird, verzichte ich auch schon mal auf einen geregelten Feierabend (und manchmal sogar aufs Wochenende), um Aufträge fertigzustellen, dafür kann ich in ruhigen Phasen aber auch einen Tag spontan freimachen und mich im Park in die Sonne setzen oder mit Kolleginnen treffen.

Kommen wir nun zu den Büchern, mit denen du arbeitest. Wie läuft der Auswahlprozess dafür ab? Schickt dir ein Verlag einfach ein Buch zu? Oder kannst du selbst auswählen, was du übersetzt?

Meist bekomme ich eine Anfrage per E-Mail, ob ich Zeit und Lust habe, ein bestimmtes Projekt (ein Buch oder manchmal auch eine ganze Reihe) zu übernehmen. Außer Ja oder Nein zu sagen und über Seitenpreis und Abgabetermin zu verhandeln, bleibt mir da nicht viel Spielraum. Ganz selten schlage ich Verlagen mal Bücher vor, die ich gern übersetzen würde oder die meiner Meinung nach auf Deutsch erscheinen sollten, aber bisher hat sich da leider noch nie etwas draus ergeben.

Gibt es Bücher, die du lieber übersetzt als andere? Welches deiner übersetzten Bücher hat dir persönlich bisher am besten gefallen?

Puh, knifflige Frage. Generell übersetze ich natürlich am liebsten Büchern aus Genres, die ich privat auch gern lese, also Scifi-, Fantasy- oder Spannungsliteratur. Wenn der Roman dann auch noch gut geschrieben ist und mich fesselt, fliegen die Seiten manchmal nur so dahin und die Arbeit macht richtig Spaß – wobei das durchaus auch bei anderen Genres vorkommen kann, denn wie als Leserin werde ich auch als Übersetzerin gelegentlich überrascht, wenn ich ein Projekt übernehme, das mich nicht auf den ersten Blick begeistert hat (ich mache das ja, um mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen, da kann ich nicht immer so wählerisch sein), und es sich dann doch als tolles Buch entpuppt. Einen Titel als Favoriten herauszupicken fällt mir sehr schwer, weil es immer wieder neue gibt, die mir aus den unterschiedlichsten Gründen ans Herz wachsen.
Das oben erwähnte Buch »Das Reich der zerbrochenen Klingen« von Anna Smith-Spark hat mir beispielsweise Spaß gemacht, weil es durchaus anspruchsvoll und teilweise sehr knifflig war, die Sprache auf Deutsch ähnlich wiederzugeben. »Der Präparator« von Mike Omer ist ein Superkrimi, den ich auch in meiner Freizeit gern gelesen hätte, »Tiere in Gefahr: So können wir ihnen helfen« hat mich mit den unglaublich schönen Illustrationen und dem sehr wichtigen Thema begeistert, bei »Psychose« von Blake Crouch habe ich mitgefiebert und konnte gar nicht schnell genug tippen … Die Liste ließe sich noch weiter fortsetzen, da ich das Glück hatte, relativ viele Titel zu übersetzen, die genau meinem Geschmack entsprechen, daher kann ich mich nicht auf ein Buch festlegen. Fakt ist, ich habe beim Übersetzen schon geschmunzelt, laut losgelacht, auch schon ein paar Tränen vergossen und konnte manchmal nicht schnell genug tippen, weil ich unbedingt wissen wollte, wie es weitergeht …

Letztes Jahr war ich an einer Lesung von Salah Naoura, der selbst lange Kinderbücher ins Deutsche übersetzt hat und dann irgendwann anfing, selbst Kinderbücher zu schreiben. Wann erblickt dein erstes Buch das Tageslicht?

😀

Gute Frage. Momentan habe ich keine diesbezüglichen Ambitionen, aber wer weiß, vielleicht eines Tages …

Auf deinem Blog https://lass-den-wookie-gewinnen.de habe ich gelesen, dass du auch an den Synchronisationen von Videospielen mitgearbeitet hast. Ich zocke selbst gerne. Verrätst du mir einige der von dir mitsynchronisierten Titel?

Das ist nicht ganz richtig. Bei der Synchronisation werden im Allgemeinen nur die bereits übersetzten Texte eingesprochen. Übersetzt habe ich allerdings schon eine ganze Menge Spiele, im Laufe der Jahre bestimmt schon über zweihundert. Zu den bekanntesten Titeln gehören wohl World of Warcraft, Red Dead Redemption und Battlefield 4. (Falls du mal in meinen Referenzen stöbern magst: https://www.kf-uebersetzungen.de/referenzen/games/)

Ich stelle mir vor, dass die private Leselust auch darunter leiden kann, wenn man beruflich so viel mit Büchern zu tun hat, wie du. Wie beeinflusst deine Arbeit dein privates Lesevergnügen?

Es kommt durchaus vor, dass ich mal eine Zeitlang keine Lust aufs Lesen habe, weil mich die Projekte, an denen ich gerade arbeite, beschäftigen und mir einfach die Ruhe fehlt – dann sitze ich abends lieber vor dem Fernseher und fröne der Seriensucht oder zocke an der PS4. Allerdings habe ich durch meine Arbeit auch schon viele Autoren kennengelernt, von denen ich sonst nie etwas gehört hätte, und mich durch so einige Backlists gelesen. Außerdem stoße ich auch beim Recherchieren oft auf Bücher, die dann in mein Regal wandern, zuletzt musste beispielsweise »Whoever Fights Monsters« von Robert Ressler hier einziehen, weil die Hauptfigur in einem Krimi derart begeistert von diesem Buch war …

Und zum Abschluss: Trinkst du beim Lesen lieber Kaffee oder Tee? 🙂

Beides! Ohne Kaffee komme ich morgens schlecht in die Gänge, aber auf dem Schreibtisch steht eigentlich immer eine Tasse Tee.

Vielen, vielen Dank für die Beantwortung der Fragen und die
Zeit, die du dir extra nimmst, liebe Kerstin!

Aber gern! 🙂 Danke für dein Interesse!

Wer jetzt noch mehr über Kerstin Fricke erfahren und dabei nicht zurück durch den Text und die Links suchen möchte, wird hier fündig:

PS: Auf ihrem Blog findet man immer wieder Rezensionen, aber auch Hintergrundinfos zu Übersetzungsprojekten und kann Bücher gewinnen. Ein Besuch lohnt sich also in jedem Fall!

5 Kommentare

  • Scarlett

    I have read novels in English, mostly historical fiction ones, making use of German words out of context and or tense and it drives me bananas. And it is not just the self pub’d ones, even big authors / publishers among them. If it’s an author I am reviewing for, I politely forward them the mistakes I found. I think to be able to translate books correctly with sense takes knowledge of not only the language itself but it encompasses a broader knowledge/familiarity in the usage of metaphors, similes, customs, courtesies, and the (Umgangssprache) slang that is actually in use and how to place it. Literal translations do not work. A problem I run into almost daily in my personal life.
    I have no doubt it’s a challenging, detailed, perhaps difficult task to do but it’s also rewarding I can imagine, when the product is well received and correctly executed.
    Interesting interview. Thanks, Nico.

    • Nico aus dem Buchwinkel

      Dear Scarlett,

      thank you for your infos „from the other side“. I imagine some texts you read like the info texts that can be found at historical tourist attractions. Sometimes there is a German translation but it is helpful as often as not. During my last visit to Sweden I often preferred the English tourist translation to the German, because it was a lot more coherent.

      I think another difficulty – especially in fantasy/scifi books is the use of invented words or names that only exist in that particular book’s universe. How could one translate those words?

  • Maria

    Lieber Nico,

    ich habe grade endlich mal deinen Blog durchstöbert und bin ganz begeistert, du hast echt sehr interessante Beiträge und mich sehr inspiriert, meinen eigenen Blog hier und da noch etwas auszubauen – keine Angst, ich klaue dir nichts, bin lediglich grad sehr kreativ stimuliert worden! 🙂 Dieses Interview finde ich ganz besonders toll, weil ich selbst freie Übersetzerin und Lektorin bin und es ganz wichtig finde, dass diese „Hinter-den-Kulissen“-Berufe mehr Aufmerksamkeit bekommen.

    Falls du mal Lust hast, einen Gastbeitrag für den Female Writers Club zu schreiben, gern auch zu etwas buchfremden, das irgendwie mit Frauen/Feminismus zu tun hat, ich würde mich sehr freuen!

    Liebe Grüße,
    Maria

    • Nico aus dem Buchwinkel

      Liebe Maria,

      Ich habe keine Angst, dass du mir etwas klauen könntest, ganz im Gegenteil 🙂 Wenn du eine Frage zur Umsetzung von etwas auf dem Blog hast, dann immer raus damit! Ich helfe gerne, so gut ich kann. Zu deiner Idee mit dem Gastbeitrag: Sehr sehr gerne! Ich melde mich mal bei dir per Mail.

      Liebe Grüße,
      Nico

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