„Vom Wacholderbaum“ von Núria Tamarit

Als Schriftsteller haben es die Brüder Grimm echt geschafft. Auch 160 Jahre nach ihrem Tod wird ihr Material noch neu aufgelegt und interpretiert. Und dabei mussten sie sich die Geschichten nicht einmal selbst ausdenken! Sehr clever. Nun hat die super spannende spanische Künstlerin Núria Tamarit das Märchen “Vom Wacholderbaum“ in einen Comic verwandelt. Lohnt sich die Rückkehr zu der alten Geschichte?

Vom Wacholderbaum | Text und Zeichnungen: Núria Tamarit | Übersetzt von: Lea Hübner
Verlag: Reprodukt | Erschienen am: 10.10.2022 | Seiten: 72
Werbung: Rezensionsexemplar

Schnipp Schnapp Kopf ab

Alle, die keine Spoiler zur Handlung des Märchens lesen möchten, überspringen diesen Abschnitt bitte. “Vom Wacholderbaum” handelt – für alle, die es nicht kennen – von einer Stiefmutter, die den Sohn des verwitweten Mannes nicht annehmen will und schlecht behandelt. So schlecht, dass der eines Tages “versehentlich” seinen Kopf verliert. Die böse Stiefmutter lässt es aber durch eine List so aussehen, als habe ihre eigene Tochter dem Jungen den Kopf abgeschlagen. So wird dem Vater eine Lüge aufgetischt (im wahrsten Sinne des Wortes) und die Tochter schweigt aus Schuld. Als sie aber ihren Stiefbruder unter dem Wacholderbaum begraben will, verwandelt der sich in einen Vogel und bringt mit seinem Gesang die Wahrheit über die grauenvolle Tat ans Licht.

An dieser Stelle ein paar Worte zur wiederkehrenden Figur der “bösen Stiefmutter” in Märchen. Es ist doch spannend, in wie vielen Märchen eine ältere Frau zur Antagonistin der Hauptfigur wird, häufig auch noch magische Kräfte hat, also eine Hexe ist, und am Ende für ihre Untaten bezahlen muss. Wir leben doch nicht etwa in einer Gesellschaft voller jahrtausendealtem internalisiertem und strukturellen Frauenhass? Oh, Moment, doch.

Ich habe aber auch noch ein wenig gegoogelt und erfahren, dass in den frühen Versionen vieler Märchen gar keine Stiefmütter vorkamen, ihre Rollen waren vielmehr besetzt durch leibliche Mütter. Böse Mütter entsprachen allerdings ganz und gar nicht dem Idealbild der heteronormativen Familie, weshalb sie nach viel Kritik wohl in späteren Versionen der Märchen durch Stiefmütter ersetzt wurden. Simone schreibt auf booksandbabies.de:

Bleibt man bei der Betrachtung der 200 KHM (Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm), so lassen sich insgesamt 14 Stiefmütter identifizieren, wobei in den späteren Versionen wesentlich mehr hinzukamen. Die Rolle der bösen Stiefmutter schien den Lesern zu gefallen und so wurden aus den verachtenswerten, hartherzigen Müttern die bösartigen Stiefmütter. In der Gegenwart der Grimms waren Stiefmütter keine Seltenheit, anders als noch in der Vergangenheit. Ursache dafür waren Krankheiten wie das Kindbettfieber, das verstärkt im 19. Jahrhundert auftrat, als die Kinder vermehrt im Krankenhaus und nicht mehr daheim zur Welt gebracht wurden. In den Krankenhäusern waren die Hygienestandards unzureichend und führten so zu einer erhöhten Sterblichkeitsrate.booksandbabies.de

Ich will hier gar keine Diskussion über Sinn und Relevanz klassischer Märchen aufmachen, aber es lohnt sich in meinen Augen durchaus, die Inhalte zu hinterfragen und zu reflektieren.

Wie schön es leuchtet

Aber zurück zum Comic und zu den Illustrationen von Núria Tamarit. Ebenso wie bei “Toubab – Zwei Münzen” haben die Bilder einen einzigartigen und persönlichen Stil. Dabei unterscheiden sich die beiden Comics durchaus in Nuancen. In “Vom Wacholderbaum” haben die Figuren übergroße Knopfaugen und die Gesichter sind ein wenig detaillierter. Das passt gut zur Handlung, die den Fokus auf die Interaktion zwischen den Figuren legt.

Insgesamt hat mich “Vom Wacholderbaum” gut unterhalten, was besonders an Tamarits tollen Zeichnungen liegt. Schade fand ich, dass sie das Märchen “nur” in Comicform nacherzählt und der Geschichte keinen eigenen Twist gegeben hat.

Der Song zum Comic

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Scroll to Top