„Trotz alledem“ von Hannes Wader

„Ein Mann, ein Wort.“ Dieses ohnehin sexistische Sprichwort trifft sicher nicht auf den Liedermacher Hannes Wader zu, schließlich ist seine Autobiographie ganze 592 Seiten dick. Die Leser*in begleitet dabei nicht nur Wader auf seinem Lebensweg, sondern wird auch zur Zeitzeug*in deutscher Geschichte von der Nachkriegszeit bis in die 2000er.

Trotz alledem | Autor: Hannes Wader | Verlag: Penguin
Seiten: 592 | Erschienen am: 28.10.2019

Mir persönlich war Hannes Wader vor der Lektüre vor allem in Kombination mit Reinhard Mey und Konstantin Wecker ein Begriff, auch durch ihre deutsche Interpretation von „Bella Ciao“, das ja aktuell durch eine gewisse Fernsehserie eine ziemliche popkulturelle Relevanz bekommen hat. Ich dachte mir angesichts der Autobiographie also: Interessante politische Einstellung, auf dieses Leben bin ich neugierig. So machte ich mich ganz unverfangen an diesen dicken Schmöker.

(Persönliche) Geschichte

Hannes Wader wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf, Vater und Onkel kamen irgendwann – körperlich und geistig verwundet – aus dem zweiten Weltkrieg zurück. Seine prägenden Kindheitsjahre beschreibt Wader sehr ausführlich und es dauert, bis aus Wader der auf Bühnen tourende Liedermacher wird, als den ihn heutzutage wohl vor allem die ältere Generation kennt.

Dabei verknüpft Wader sein persönliches Schicksal immer wieder mit den aktuellen Ereignissen in Deutschland, so dass sich das Buch für mich manchmal wie eine Zeitreise anfühlte. Besonders spannend fand ich zum Beispiel die Zeit, in der die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) unter den Studierenden viel Zulauf fand und auch Wader selbst vom CDU-Wähler zum Parteimitglied avanciert. Das Ganze gipfelt in der jahrzehntelangen Beobachtung Waders durch den Verfassungsschutz, da Wader auch in Kontakt mit der RAF-Terroristin Gudrun Ensslin kam. Dazu habe ich dann selbst noch ein wenig recherchiert und einen interessanten Artikel des Spiegels von 1971 ausgegraben.

Wader gibt dabei zu, dass er unbedingt selbst entscheiden wollte, wie viel Platz er den einzelnen Ereignissen in seiner Geschichte zugesteht, weshalb verschiedene Versuche anderer Autor*innen, eine Biographie über ihn zu verfassen, allesamt irgendwann scheiterten.

Kritikfähigkeit

Durchbrochen wird Waders (Lebens-)Geschichte immer wieder von Fotos und selbstkritischen Überlegungen. Er geht für mich durchaus hart mit einigen seiner Charakterzüge ins Gericht, auch wenn er diese nie wirklich ändern oder ablegen konnte beziehungsweise wollte. Trotzdem, nicht jeder spricht so offen und ehrlich über seine Fehler, zum Beispiel hier:

„Mal schwächer, mal stärker spürbar, wird mich ein Grundgefühl der Verlassenheit und Traurigkeit durch meine Kindheit – ja, mein ganzes Leben hindurch – begleiten. Überempfindlich und unfähig, das, was um mich herum geschieht, als getrennt von mir betrachten und erleben zu können, beziehe ich alle Ereignisse unmittelbar und ungefiltert, ohne eine innere, die Wucht der Eindrücke mildernde Pufferzone, auf mich.“

S. 26

Musikalische Untermalung

Nach eigener Aussage basieren alle von Waders Liedern in der ein oder anderen Form auf Ereignissen aus seinem Leben und er fügt seine Liedtexte auch immer wieder an passender Stelle ein. Das habe ich als Einladung dazu aufgefasst, mich durch Waders Liederwerk zu hören, was zum Beispiel ganz gut mit dem gleich betitelten Album „Trotz alledem“ geht. Auch wenn mir längst nicht jedes Lied gefällt, fühlte ich mich gut unterhalten mit der Autobiographie zu diesem Leben, das in vielerlei Hinsicht weit von meinen eigenen Plänen abweicht. Wer ein paar von Waders Liedern kennt und jetzt neugierig ist, der greife zu! (Diesmal keine Bewertung, weil ich Autobiographien schwierig zu bewerten finde).

Der Song zum Buch

3 Kommentare zu „„Trotz alledem“ von Hannes Wader“

  1. Hannes Waser ist mir noch präsent, aber eher im Zusammenhang mit Franz-Josef Degenhardt und Georg Kreisler, irgendwie gehörten die in meiner Jugend alle zur DKP, die damals (fast 50 Jahre her) auch durchaus für mich ihren Reiz hatten.

    Im trauten Kreis der SDAJ lauschten wird diesen Troubadouren, auch live auf diversen Camps und Freizeiten, wobei mir Hannes Wader irgendwie immer zu schicksalsbeladen und mit vielzuviel Botschaft rüberkam.
    Da waren mir das böse Tauben-Vergiften im Park von Kreisler oder die Schmuddelkinder von Degenhardt doch um Einiges lieber.

    Aber danke für die Vorstellung, interessant wird das Lesen der Biographie von Wader schon für mich werden, ist er doch im weitesten Sinne auch ein Begleiter meiner Jugend. Hab´schon lange nicht mehr die Platten gehört, sie werden wahrscheinlich zur Begleitung beim Lesen bei mir abgespielt werden.

    Beste Grüße – Brigitte

    1. Liebe Brigitte,

      ich musste erstmal SDAJ googlen 🙂 Über seine Zeit bei der DKP und seine Freundschaft zu Degenhardt schreibt Wader im Buch ebenfalls, Georg Kreisler ist mir gerade zumindest nicht mehr im Kopf. Da Wader viel über über bestimmte Konzerte schreibt, werden bei dir sicher an der ein oder anderen Stelle Jugenderinnerungen aufkommen. Ich wünsche dir eine ganz fabelhafte Zeitreise mit dem Buch.

      Liebe Grüße,
      Nico

  2. Hallo Nico,

    danke für deine Wünsche, ich werde bestimmt mein Vergnügen an der Zeitreise haben. In letzter Zeit schreiben ja recht viele meiner Altersgenossen ihre Biographien, immer wieder schön.

    Sozialistische Deutsche Arbeiter Jugend, die Jugendorganisation der DKP, die haben das damals in den 70igern ganz geschickt angestellt, ich war auf einigen ihrer Jugendcamps mit Bands und eben diesen Troubadouren; da kamen schon mal so ein paar tausend Jugendliche zum Feiern zusammen, zum Schlafen gab es große Zelte ( wo durcheinander Jungs und Mädels schliefen (oder auch nicht :)) und Verköstigung (und Alkohol) gab´s da auch genug. Nur Toiletten NIE.
    Ich kann mich nicht erinnern das es sowas bei den Sozen gab, bei den angeblichen Christen sowieso nicht.
    Sodom und Gomorrha sozusagen :).

    Morgen hole ich das Buch im Laden ab, freu mich, Platten und Räucherstäbchen und Jasmintee stehen bereit,

    beste Grüße – Brigitte

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