„Steinerner Himmel“ von N. K. Jemisin

Erst „Zerissene Erde“ . Dann „Brennender Fels“ . Und nun „Steinerner Himmel“ – Endlich ist die Broken Earth-Trilogie auch im Deutschen vereint, die so gut war, dass Jemisin als erste Autorin überhaupt in drei aufeinander folgenden Jahren den HUGO-Award gewonnen hat. Und ehrlicherweise weiß ich nicht so recht, was ich noch Neues und Lobpreisendes über diese Reihe sagen kann, das nicht schon in meinen Rezensionen zu den ersten beiden Teilen gesagt wurde. Die Trilogie ist ein absoluter Meilenstein und ein must-read für alle, die gerne Fantasy und Science Fiction lesen.

Ich hatte das Vergnügen, diesen dritten Teil im buddy read mit Nadine von woerteraufreisen.de zu lesen. Durch unsere Besprechungen ist mir dann tatsächlich noch das ein oder andere aufgefallen…

Steinerner Himmel | Autorin: N. K. Jemisin | Übersetzt von: Susanne Gerold
Verlag: Knaur | Erschienen am: 01.07.2020 | Seiten: 432
Werbung: Rezensionsexemplar

Apocalypse Now

Zuerst eine kleine und möglichst spoilerfreie Zusammenfassung, worum es in den Büchern geht. Wer die Vorgänger gelesen hat und komplett auf Spoiler verzichten will, überspringt diesen Absatz einfach bis zur nächsten Überschrift

Die Erde steht in ewigem Krieg mit der Menschheit, denn sie hat ein Bewusstsein und es reichte ihr irgendwann mit der Ausbeutung. Immer wieder kommt es zu Beben, Tsunamis, Vulkanausbrüchen, die die Menschheit an den Rand der Auslöschung bringen. Kommen mehrere Katastrophen zusammen, nennen die Menschen dies eine „Fünftzeit“, in der es um das pure Überleben geht.

In einer solchen Fünftzeit spielt auch „Steinerner Himmel“, der Abschluss der Broken Earth-Reihe. Wir begleiten zwei mächtige „Orogene“, die die Erde spüren und manipulieren können, auf ihrer gefährlichen Reise: Essun versucht, der Erde ein Friedensangebot zu machen und die Menschheit zu retten. Ihre Tochter Nassun ist der Ansicht, dass das Böse manchmal nicht gereinigt, sondern nur vernichtet werden kann. Auch wenn dies den Tod aller bedeutet. Die Konfrontation zwischen Mutter und Tochter scheint unausweichlich…

Geschichte in Schichten

Richtig klar geworden ist mir erst jetzt die unglaubliche Vielschichtigkeit der Story. Es geht nicht nur um das Überleben der Apokalypse. Es geht auch um Familienbeziehungen, Mutterschaft und Erwachsenwerden. Um Verlust und Trauer. Gleichzeitig ist die Geschichte hochgradig politisch: Was passiert, wenn wir die Erde weiter so ausbeuten, wie wir es aktuell tun? Müssen wir dafür auch die Rechnung zahlen, wie in Jemisins Büchern?

Gleichzeitig lesen sich manche Stellen wie ein Kommentar auf die aktuelle Lage (nicht nur) in den USA, den Rassismus, die Diskriminierung, die Fremdenfeindlichkeit und den Machtmissbrauch. Die Autorin ist selbst Person of Color und im Zuge einer Offenlegung der Zahlungen von Vorschüssen für Autorinnen entbrannte kürzlich auch an ihrem Beispiel eine heftige Debatte über den strukturellen Rassismus im Literaturbetrieb. Dieser zeigt sich zum Beispiel an deutlich niedrigeren Vorschüssen für BIPoC Autor*innen.

Aber zurück zu den Büchern. Trotz – oder wegen – ihrer Fähigkeiten werden Orogene bestenfalls wie Bürger*innen zweiter Klasse behandelt, schlimmstenfalls durch Lynchmobs brutal ermordet. Wächter werden dazu ausgebildet, Orogene einzusammeln und in geschlossenen Einrichtungen, „Fulcrums“ genannt, so auszubilden, dass diese unterwürfig den Wünschen ihrer Herren entsprechen. Ungehorsam führt zum Tod oder Schlimmerem. Ist es da so verwunderlich, wenn eine Betroffene die ganze Welt vernichten will?

Vielleicht kann sie dafür sorgen, dass sie weiteratmet. Aber Atmen bedeutet nicht immer, auch zu leben, und vielleicht… vielleicht hinterlässt ein Genozid nicht immer Leichen.
Steinerner Himmel, S. 190

Ende – und was nun?

Von Anfang an war ich gespannt, ob der dritte Teil es schafft, alle Fäden der beiden vorangegangenen Episoden zusammenzuführen und alle Ereignisse zu erklären. Würde Jemisin es schaffen, dem Epos ein rundum befriedigendes und gelungenes Ende zu schreiben?

Zum größten Teil. Das Ende ist mein einziger, aber ein deutlicher Kritikpunkt für mich. Vieles klärt sich auf, einiges habe ich mir selbst zusammengereimt, manches blieb rätselhaft für mich. Nicht auf alle meine Fragen habe ich eine zufriedenstellende Antwort bekommen. Nachdem sich die Geschichte beinahe drei Bücher auf das Finale zubewegt hatte, war es für mich zu schnell vorbei. Es fühlt sich an, als fehlten vielleicht 50 Seiten am Ende. Aber vielleicht war das ja genau so geplant. Das Leben führt auch nie alle Fäden zusammen und für manche Dinge finden wir schlicht keine Erklärung. Wieso sollte es in einem Buch anders sein?

Während die gesamte Trilogie für mich uneingeschränkte 5 Lesezeichen verdient hat, möchte ich dem dritten Teil ein halbes Lesezeichen abziehen. Für die Art und Weise, wie mich Jemisin in Türsteher*innenmanier aus der Geschichte herausgeworfen hat. Wer weiß, vielleicht kehrt sie ja irgendwann zu ihrer zerbrochenen Erde zurück.

Der Song zum Buch

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Scroll to Top