“Schildmaid – Das Lied der Skaldin” von Judith und Christian Vogt

In meiner Prognose zu den besten Büchern 2022 hatte “Schildmaid – Das Lied der Skaldin” von Judith und Christian Vogt einen festen Platz inne. Eine feministische Geschichte im Viking Age? Hörte sich schon beinahe zu gut an, um wahr zu sein. Als nun die Aufforderung kam, ich solle mit den Girls auf Viking gehen, wer wäre ich da, nein zu sagen?

Schildmaid – Das Lied der Skaldin | Autor*innen: Judith und Christian Vogt
Verlag: Piper | Erschienen am: 24.02.2022 | Seiten: 448

Rezept für stärkende Brühe

Zutaten:

  • Alles, was Wikinger*innen-Geschichten ausmacht: Ein Schiff, eine Seefahrt in unentdeckte Gewässer, eine Klosterplünderung, Schildwälle, jede Menge Waffen, einen Holmengang (ritueller Zweikampf)
  • Eine Brise nordische Mythologie: grausame und tückische Gött*innen, Meeresungeheuer, Runen, Weissagungen, Jötunns (mythische Riesen), Berserker, Draugr (Untote)
  • Judiths und Christians Herzensthemen: Sichtbare Diversität auch bei den Hauptfiguren, Feminismus, Ausbruch aus starren Rollenbildern und binären Geschlechternarrativen, Kampf gegen das Patriarchat, progressive Phantastik

Das alles wird in einen großen Topf gegeben und unter Rühren aufgekocht. Heraus kommt “Schildmaid”, das gleichzeitig so viel mehr ist als die Summe seiner Teile. Wie eine Gemüsebrühe, die gleichzeitig wärmt, stärkt, gesund macht und (mich zumindest) den Lauf der Welt für eine kurze Zeit vergessen lässt. Auch wenn Antagonist Ivar echt zum Fürchten war!

Der Rhythmus der Erzählung um die außergewöhnliche Besatzung eines Langbootes und deren Abenteuer folgt dabei den Gezeiten. Wie Ebbe und Flut, so wechseln sich in “Schildmaid” spannungsgeladene mit ruhigen Abschnitten ab. Ein wenig wie in einem Videospiel: Im Social-HUB oder dem Lager werden Gespräche mit den Gefährt*innen geführt und Beziehungen gepflegt, auf Aufträgen außerhalb des Lagers geschehen die Abenteuer. Das Lager ist in “Schildmaid” allerdings mobil, denn es ist das namensgebende Schiff. Und auch auf dem Schiff geht es beizeiten alles andere als ruhig zu. Ich muss zugeben, diese Erzählform hat mir als Videospielveteranen viel Freude bereitet.

Das Loblied der Skaldin

Als jemand, der selbst einen Gebärdensprachkurs besucht und immer wieder mit gebärdenden Kindern zu tun hat, habe ich mich sehr über das Vorkommen von Gebärdensprache in “Schildmaid” gefreut. Dabei ist die Sprache nicht die definierende Eigenschaft der Person, sondern wird zum natürlichen Teil der Schiffsmannschaft, der nicht nur in einer Situation auch wichtige Vorteile bringt. Plotrelevante Gebärdensprache – ist das schon eine Weiterentwicklung zu plotrelevanten Sexszenen? Und was kommt als nächstes?

Egal, was als nächstes von Judith und Christian kommt (gerüchteweise eine Fortsetzung zu “Wasteland“!!!), ich werde es auf jeden Fall lesen. Schließlich hat mich “Schildmaid” nicht enttäuscht, sondern im Gegenteil alle meine Erwartungen erfüllt und übertroffen. Ich habe es geliebt, “mit den Girls auf Viking” zu gehen und war mehr als wehmütig, als die Reise ihr (verdientes) Ende fand. Das wird definitiv eines der besten Bücher, die ihr dieses Jahr lesen könnt, also wenn ihr bisher zu langsam wart, worauf wartet ihr noch? Greift zu!

Übrigens ist es mir ein Anliegen, in der Rezension noch eine Lanze zu Skade brechen, die sich ihre Beinamen “Störr-Skade” und “Skade Widderkopf” ehrlich verdient hat (das Artwork von ihr rechts stammt von Risto). Skade hat in den sozialen Netzwerken einiges an Unmut und Kopfschütteln abbekommen, aber ich muss gestehen, sie war mir von allen Personen in “Schildmaid” mit Abstand die Liebste. Ihren Zorn und ihre Sturheit konnte ich mit jeder Faser meines Körpers nachvollziehen. Ich stünde jederzeit an Skades Seite und ich würde sofort ihren Schild halten.

Enden möchte ich meinen kleinen Lesebericht mit einem kleinen Auszug einer meiner vielen Lieblingsszenen:

“Deine Kinder können zweiundzwanzig Eltern haben, wenn du es zulässt.” Skade spürte wieder Tränen auf den Wangen, wischte sie wieder weg. “Du musst sie nicht abtreten. Du musst nicht zurücktreten. Du musst sie nicht freigeben oder zurückstoßen oder aufgeben. Sie müssen sich nicht zwischen dir und uns entscheiden. Die größte, schrecklichste Macht, die es gibt, ist die Illusion, dass es nur eine mögliche Art und Weise gibt, wie wir leben können. Dass sie uns angeboren ist. Sie ist eine Lüge, und wenn das jemand weiß, dann bist du es.”Schildmaid, S. 335

Die Playlist zum Buch

Diesmal gibt es von mir keinen einzelnen Song zum Buch, die Autor*innen haben sich nämlich die Mühe gemacht und selbst eine komplette Playlist zu “Schildmaid” veröffentlicht:

8 Kommentare zu „“Schildmaid – Das Lied der Skaldin” von Judith und Christian Vogt“

  1. Mein Göttergatte wird es zum Geburtstag bekommen. Wir also noch ein paar Monate dauern. Aber dann melde ich mich gern!

    Ich habe letztens übrigens The God of Small Things gelesen. Auch aus feministischer Sicht ein sehr spannendes Buch. Durch das Kastensystem ist die Frage nach der Rolle der Frau nochmal vielschichtiger…

    Liebe Grüße!

  2. Hi Nico!

    Meine Rezension dazu ist heute online gekommen – du hast ja schon gesehen, dass es mich leider nicht so begeistern konnte. Von der Handlung und den Charakteren her fand ich es sehr gut skizziert, der SChreibstil allerdings hat mich sehr auf Abstand gehalten.
    Ich kam nach einer Weile zwar relativ gut rein, aber das packende Gefühl hat einfach gefehlt, mich “dabei” zu fühlen. Das war echt schade.

    Liebste Grüße und ein schönes Wochenende!
    Aleshanee

    1. Hey Aleshanee,

      ja wir hatten es ja schon drüber. Ich muss auch bei nächster Gelegenheit noch deine ausführlichen Worte dazu lesen. Schade, dass bei dir der Funke nicht übergesprungen ist, aber es wäre ja auch langweilig, wenn alle dieselben Bücher gut fänden =)
      Ich wünsche dir bei deinem nächsten Buch mehr Glück!

      Liebe Grüße,
      Nico

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