Comics und Graphic Novels,  Rezensionen

„Schattenspringer“ von Daniela Schreiter

Daniela Schreiter, Autorin, Zeichnerin und gleichzeitig Hauptfigur der Graphic Novel „Schattenspringer“, ist Autistin. Mithilfe der Zeichnungen möchte sie ihren Mitmenschen besser verständlich machen, welche Herausforderungen und Hindernisse der Alltag für Menschen mit Autismus bereithält. Schließlich sind diese Hürden für Nicht-Autisten oft gar nicht erkennbar. Insgesamt sind drei Bände der Geschichte erschienen, hier bespreche ich den ersten.

Das Cover von „Schattenspringer“ von Daniela Schreiter. Ein Mädchen, das zwischen Planeten umherhüpft, ist zu sehen.

Schattenspringer | Autorin: Daniela Schreiter | Zeichnungen: Daniela Schreiter
Verlag: Panini Comics | Seiten: 160 | Veröffentlicht am: 18.03.2014
Werbung: Rezensionsexemplar

Zur Autorin und zum Thema

Daniela Schreiter hat ihren ersten Comic mit vier Jahren gezeichnet. Heute lebt und arbeitet sie als Illustratorin und Comic-Zeichnerin in Berlin. Im Internet zu finden ist sie unter fuchskind.de. Bei ihr wurde eine Autismus-Spektrums-Störung diagnostiziert.

Laut Diagnose-Handbuch DSM-5 umfasst die Diagnose Defizite beim Aufbau sozialer Beziehungen und in der sozialen Interaktion sowie zusätzlich Stereotypien, Fixierung auf eingeschränkte Interessen oder Über- bzw. Unterempfindlichkeit gegenüber Reizen.

(Ich habe die Diagnosekriterien der DSM-5 gewählt, weil in der ICD-10 noch zwischen „Frühkindlichem Autismus“ und „Asperger-Syndrom“ unterschieden wird, was aber in meinen Augen eine willkürliche Trennung ist. In der 2018 erschienenen ICD-11 ist diese ebenso aufgehoben, allerdings habe ich hierzu im Internet noch recht wenig gefunden. Durch die Benennung eines „Spektrums“ kommt meines Erachtens besser zur Geltung, dass jeder Mensch mit Autismus individuelle Stärken und Schwächen hat und vor ganz eigenen Herausforderungen im Leben steht.)

Die Thematik ist mir nicht komplett fremd. Ich habe Sonderpädagogik studiert und bin nicht nur Lehrer, sondern habe in meinem beruflichen Alltag auch immer wieder mit Kindern und Jugendlichen mit Autismus zu tun, die ich hinsichtlich medialer Unterstützung berate. Kann ein Schüler mit Autismus zum Beispiel eine Präsentationsprüfung halten, obwohl er sich weigert, vor fremden Menschen zu sprechen? Gibt es vielleicht die Möglichkeit, dass er die Präsentation im voraus hält und diese mit einer Kamera aufzeichnet und während der Prüfung lediglich die Präsentation abgespielt wird? Bei solchen Fragen berate ich Lehrer*innen, Schüler*innen und Familien.

Ich bringe also Vorerfahrungen mit, trotzdem war ich auf einen Erfahrungsbericht von einer Autistin selbst sehr neugierig. Dass Daniela Schreiter sich entschieden hat, ihre Erfahrungen nicht nur aufzuschreiben, sondern sie auch zu zeichnen und damit für Nicht-Autisten noch viel erfahrbarer zu machen, finde ich eine grandiose Idee. Allein zur Schaffung von mehr Aufmerksamkeit für Menschen mit Autismus und den Umgang mit Ihnen möchte ich die „Schattenspringer“-Reihe allen Menschen ans Herz legen, die das hier lesen. Wobei natürlich trotzdem jeder Mensch mit Autismus komplett individuell ist und was für einen gut funktioniert, kann für den nächsten schrecklich schwierig sein. In „Schattenspringer“ geht es daher nur um Daniela Schreiters ganz persönliche Herausforderungen.

Ein beispielhaftes Zitat

„Irgendwie passte ich einfach nicht in diese Welt, sosehr ich mich auch bemühte. Scheinbar normale Dinge fielen mir unglaublich schwer und es gab keinen Menschen, mit dem ich mich identifizieren oder der mich nachvollziehen konnte.“

Daniela Schreiter: Schattenspringer, S.34

Zur Geschichte

„Schattenspringer“ handelt von Daniela Schreiters Erfahrungen in der Kindheit und frühen Jugend, besonders in der Schule. Immer wieder wundert sie sich über das merkwürdige Verhalten der anderen Kinder, die für Daniela „unberechenbare, unlogische Reizmaschinen“ waren und sich für Dinge interessierten, mit denen Daniela überhaupt nichts anfangen konnte. Und während Daniela verstand, dass sie die Welt der anderen besuchen musste, um sie verstehen zu könnten, wünschte sie sich insgeheim nur, dass jemand auch mal ihre Welt besucht.

Geschildert werden meist Alltagssituationen, die Nicht-Autisten bewältigen, ohne darüber nachzudenken. Für Menschen mit Autismus stellen dieselben Situationen aber ziemliche Herausforderungen dar. Für Daniela bedarf es zum Beispiel viel Vorbereitung, bevor sie telefonisch einen Arzttermin vereinbaren kann. Besonders beeindruckend geschildert finde ich die Anekdote, wie Daniela es zu ihrem Seepferdchen schafft.

Das durchaus ernste Thema wird dabei großteils locker und humorvoll behandelt. Ein ums andere Mal konnte ich mir ein Lachen nicht ganz verkneifen, zum Beispiel als es um wörtlich genommene Redewendungen geht. Wie zur Hölle soll man denn auch über seinen Schatten springen können? Und die Erinnerung an „The Secret of Monkey Island“ hat mir ein ziemlich großes Grinsen aufs Gesicht gezaubert:

Ein Auszug aus „Schattenschreiter“ von Daniela Schreiter. Es wird eine Szene aus dem Videospiel „The Secret of Monkey Island“ nacherzählt.

Zu den Bildern

Besonders schön fand ich die große Reichweite der Emotionen in den gezeichneten Gesichtern, auf jedem Bild ist sofort klar, wie sich die Figuren fühlen. Schade fand ich, dass die farbige Illustration nur die ersten fünfzehn Seiten anhält und danach monochrom wird. Auch ging mir durch die Erklärungstexte auf den Seiten stellenweise die Übersicht verloren. Man könnte fast sagen, die Reize auf den Seiten haben mich manchmal überflutet. Trotzdem fand ich „Schattenspringer“ hochgradig interessant und informativ, sehr liebevoll und aufwendig. Zu Informationszwecken für jede*n geeignet und gerade in Zeiten von (teils misslingender) schulischer Inklusion auch besonders wichtig. 9 von 10 Seepferdchen von mir!

Bewertung „Schattenspringer“ von Daniela Schreiter. Die Graphic Novel erhält 9/10 Seepferden.

6 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.