“Queerness in Videospielen” – ein Interview mit Nele Wobker

Dieser Beitrag erscheint im Rahmen des feministischen September 2022

Nele Wobker, auch bekannt als Nerdy Nele, schreibt als freie Autorin unter anderem für verschiedene Videospielmagazine wie Gamestar oder Gamepro. In Neles Texten geht es immer wieder auch um Geschlechtergerechtigkeit und Queerness, weshalb Nele die absolut ideale Interviewpartnerin für das Thema “Queerness in Videospielen” ist. Ich bin super froh, Nele für den diesjährigen #femtember gewonnen zu haben! Wer mehr über Nele erfahren möchte, findet auf Neles Webseite nicht nur verschiedene (Videospiel)Texte, sondern auch 63 (Fun-)Facts.

Hallo Nele, es ist mir eine Freude, dich hier auf meinem Blog begrüßen zu dürfen! Schön, dass du dich zu diesem Interview im Rahmen des #femtember bereiterklärt hast.

Vielen Dank. Ich habe mich riesig über die Einladung gefreut.

Als ich überlegt habe, einen Beitrag zu queerness in Videospielen zu machen, musste ich direkt an dich als Expertin denken. Vielleicht kennen dich einige Leser*innen aber noch nicht. Magst du dich selbst vorstellen?

Haha, erst einmal danke für das Kompliment! Mir fällt es zwar etwas schwer, mich selbst zu beschreiben, aber ich kann ja einfach bei den Eckpfeilern bleiben. Ich bin Freelancerin/Freie Autorin und beschäftige mich mit allem rund um Videospiele. Dazu gehören nicht nur soziokulturelle Aspekte (intersektionaler Feminismus, Queerness, Repräsentation, Mental Health etc.) sondern auch Spiele- und Gaming-Hardware-Tests, Guides und so weiter. Ein bisschen privater Kram: Neben Videospielen liebe ich Magic: The Gathering, queerfeministische, progressive Phantastik, Wikinger*innen, Drachen und Bogenschießen. Seit circa zwölf Jahren lebe ich vegan und braue leckeren Met ohne Bienenbeiwerk. Und ich bin pansexuell. Auf Pronomen konnte ich mich noch nicht so richtig mit mir einigen. Ich bevorzuge daher keine, finde es aber auch nicht schlimm, wenn mir jemand eines zuschreibt. „Er“ passt für mich jedoch am wenigsten, wohl auch aus Gewohnheit, weil “assigned female at birth”. Letztere Punkte hebe ich für gewöhnlich nicht extra hervor, im Kontext mit diesem Interview ist es aber vielleicht nicht unerheblich. 

Mit Ellies und Dinahs Kuss in „The Last of Us II“ scheint queerness so ganz langsam aus der Nische in die Mitte der Gamingwelt zu rutschen. Wo stehen Videospiele aktuell deiner Meinung nach mit Blick auf queere Repräsentation?

Ja, alle paar Jahre lässt eine queere Videospielromanze GamerGate und Co. in ihrer fragilen Männlichkeit vor Rage erzittern. Gäbe es keine Opfer, die diesem Hass ausgesetzt sind, würde ich diese selbsternannten Gatekeeper*innen nur belächeln. Aber sich drüber lustig zu machen, löst keine Probleme, im Gegenteil wird das Leid Betroffener damit relativiert und das geht gar nicht. Toxische Gaming-Communities sind eine reale Bedrohung für die Leben vieler, vieler Menschen und das muss ernst genommen werden. Aber da die Politik aktuell ja noch immer lieber wegsieht, schönredet, was nicht schönzureden ist und sich lieber mit Regenbogenfarben dekoriert, anstatt den Lebensalltag von queeren Personen zu verbessern, sie zu Wort kommen zu lassen und ihnen zuzuhören, sehe ich noch lange nicht, dass sich speziell und ausgerechnet im Gaming-Bereich etwas tut. Da Videospiele nie nur aus dem Medium selbst bestehen und ein permanenter und wechselnder Diskurs um diese herum besteht, ist die Ausgangsfrage nicht so leicht zu beantworten.

Eine diversere und aus meiner Sicht auch häufig glaubwürdigere Darstellung von Queerness gibt es in Indie-Spielen. Das mag daran liegen, dass diese Entwicklungsteams oft von Grund auf diverser aufgestellt sind und weniger bis kein Interesse daran haben, den klassischen „Gamer™“ (dem Stereotyp nach) anzusprechen. Auch wenn sich in den letzten Jahren schon viel getan hat, wird noch immer nur ein extrem kleiner Teil des queeren Spektrums abgebildet. Insbesondere AA- und AAA-Studios sowie große Publisher sind meiner Meinung nach noch immer viel zu vorsichtig, um sich eine bestimmte Zielgruppe, zu der nicht nur die Spieler*innen, sondern auch die Games-Presse gehört, nicht zu vergraulen. Es darf dort zwar gerne mal queere Charaktere geben, aber dann z. B. bitte nicht zu schwul, zu Schwarz, zu asexuell/aromantisch, zu dick. Bitte keine Menschen mit Behinderung, keine nicht-binären oder älteren Personen, keine trans Charaktere usw. Hinzu kommt das Ungleichgewicht in der Darstellung von Sexualität. Homosexuelle Männer dürfen sich in Spielen oft höchstens mal ein Küsschen geben (wenn überhaupt), wohingegen cis-heterosexuelle und cis-lesbische Beziehungen teilweise detailliert abgebildet werden. Zumindest auf eine heteroästhetische Art. Trans Charaktere im Zentrum der Story gibt es praktisch überhaupt nicht. Bodypositivity und körperliche Vielfalt ist auch etwas, was mir aktuell extrem in den meisten Spielen fehlt. Damit meine ich nicht nur besonders dicke, oder Menschen mit (sichtbarer) Behinderung. Auch „auffallend“ dünne Menschen existieren und erleben Diskriminierungen. 

Nur so als Beispiele. Das lässt sich natürlich beliebig weit ausführen und auffächern sowie auf kulturelle Aspekte ausweiten. Herkunft, Einkommen, Religion usw.: alles gehört dazu. Cis- und Heterosexismus sind auf jeden Fall weit verbreitet, genauso wie Allonormativität. Außerdem wird meist auf Makrolabel gesetzt, also Überbegriffe, die jede*r versteht (wie z. B. „schwul“, „lesbisch“, „bi“ etc.), was aber dafür sorgen kann, dass feinere Abstufungen der Spektren unsichtbar werden/bleiben, genauso wie eindimensionale Darstellungen von queeren Personen, eindimensionale Betrachtungen in den Köpfen der Spieler*innen zementieren können. 

Ich selbst fühlte mich bisher in keinem digitalen Spiel repräsentiert, auch wenn einzelne Aspekte vielleicht ab und an passen. Da ich aber sowieso am liebsten die Geschichten und Perspektiven anderer erlebe und insbesondere Rollenspiele sehr mag, stört mich persönlich das jetzt nicht so sehr. Ich freue mich aber dennoch extrem auf den „Hey, das könnte ich sein“-Moment in einem Spiel. 🙂

Ich kenne einige Spiele, in denen die Spieler*innen das Geschlecht ihrer Figur und ihre love interests in binären Kontexten frei wählen können (z.B. Dragon Age, Mass Effect). Das bildet aber nur einen kleinen Teil des queeren Spektrums ab (was du oben ja bereits hervorragend beschrieben hast). Was können Spieleentwickler*innen in Zukunft (noch) besser machen?

Im Prinzip gibst du die Antwort ja schon selber. In Spielen, in denen der Hauptcharakter selbsterstellt werden kann und permanent auf dem Bildschirm zu sehen und zu hören ist, erschwert es natürlich die Produktion, wobei das heutzutage bei dem Aufwand, den AAA-Teams ohnehin schon in ihre Spiele stecken eigentlich auch kein valider Grund sein dürfte. Da geht es dann aber natürlich auch wieder viel ums Geld und Einsparungen. Games wie Battletech oder der Indie-Titel „Princess in the Towerblock“, sind aber schon einmal gute Bespiele dafür, was mit weniger Mitteln möglich ist: In Battletech kann ich mir meine Hauptfigur ziemlich frei von Geschlecherstereotypen zusammenstellen und bekomme neben she und he auch they als Pronomen angeboten.

In Princess in the Towerblock darf zwischen prince, princess und princexx gewählt und im Spielverlauf boys- und girls-juice getrunken werden, mit dem wir also indirekt an einer möglichen Transition unseres Charakters teilhaben können. Es gibt also rein theoretisch viele einfache Wege, um mehr nicht-binäre Charaktere abzubilden. Es ist schade, dass davon so selten Gebrauch gemacht wird.

Ich fände es wichtig, dass queere Charaktere nicht ständig, beabsichtigt oder unbeabsichtigt, für den Geschmack weißer, heterosexueller cis Männer gestaltet würden, in dem hartnäckigen Irrglauben, diese würden den Großteil der Spieler*innenschaft ausmachen und noch dazu alle dasselbe mögen. Oft schmücken sich Spielestudios mit Queerness und queeren Charakteren, die aber offensichtlich zum großen Teil für ein Cis-Heteronormatives Publikum designt wurden, weil die Designer*innen eventuell selbst Teil dieses Publikums sind oder dies als Vorgabe erhalten. Es mangelt an Diversität. Schließlich existieren nicht nur queere cis Frauen, die keinerlei Behinderungen haben, jung sind und aussehen wie „makellose“ Models. Vor allem findet auch nicht jede*r so etwas anziehend, obwohl gerne suggeriert wird, dass mit Menschen, die so etwas nicht attraktiv finden, etwas nicht stimmen würde. Ich erinnere mich da gerade an eine Unterhaltung zwischen zwei Spielern, in der einer der beiden einen Crush auf Isabella aus Dragon Age II und Morrigan aus Dragon Age: Origins hatte. Ziemlich schnell ging es bei dem einen dann um die Brustgrößen der beiden Frauen. Der eine meinte, „früher“ hätte er immer Morrigan gemocht, aber seit sie in Dragon Age: Inquisition (angeblich) kleinere Brüste bekommen hätte, wäre nun Isabella sein Nummer 1. Der andere sagte, dass ihm vollkommen egal sei, wie groß die Brüste der Personen sind und dass er beide Frauen nicht mag. Daraufhin war der eine sich sicher, der andere müsse ja schwul sein, wenn er nicht auf Isabella stünde. Das klingt nach einem extremen Beispiel, ist in den unterschiedlichen Fandoms aber absolut keine Seltenheit. Zu Isabella könnte ich gerade sowieso noch einiges sagen, was scheinbar selbstverständliches Slutshaming unter „Fans“ angeht und aber zum Teil auch im Spiel selbst auftaucht, doch ich hole gerade wohl eh schon viel zu weit aus. Da ich lange Zeit Administratorin in vielen Videospielwikis, wie zum Beispiel Mass Effect und Dragon Age und Teil der Wikia-Gaming-Taskforce war, habe ich derartige Aussagen wirklich oft erlebt. Aber zumindest befand ich mich in der glücklichen und äußerst privilegierten Position, solche Personen sperren und entsprechende Kommentare löschen zu können. 

Worauf ich zu Beginn irgendwann einmal hinaus wollte: Mit den Spielen könnten auch die Communities wachsen und lernen. Weniger Heteroästhetik wäre ein Anfang. Dazu kommt neben der wenig vielfältigen Charaktergestaltung auch, wie queere Beziehungen dargestellt werden. Es findet zum Teil eine regelrechte patriarchale, männlich dominierte Aneignung queerer Weiblichkeit insbesondere, aber auch die anderer Formen von Queerness, statt.

Und selbst in progressiveren Produktionen (nach AAA-Maßstab) wie Mass Effect: Andromeda kommt bei rein homosexuellen Romanzen wesentlich schneller die Blende, als bei heterosexuellen. Cora Harper und Scott Ryder werden in Relation zu Gil Brodie und Scott Ryder, in aller Ausführlichkeit beim Akt gezeigt. Wer Sex mit Gil hat, bekommt hingegen nur eine Szene, in der die beiden Männer „hinterher“ (it‘s all in our minds …) oberkörperfrei zu sehen sind (knapp bis zur Brust und nur kurz). Lesbe Suvi und Sarah Ryder halten sogar nur Händchen – mit Handschuhen! Mir geht es nicht darum, dass es in digitalen Spielen mehr Sex geben sollte, sondern um eine gleichberechtigte und facettenreichere Darstellung, wenn es denn dann Sex gibt. Das heißt: Wenn ich mir in Mass Effect: Andromeda in der heterosexuellen Beziehung zu Cora Harper diese splitterfasernackt beim Sex im nächsten Abstellraum zu sehen bekomme, will ich auch, dass meinem homosexuellen Ryder mit seinem Partner Gil dieselbe Aufmerksamkeit zuteil wird. Das Eine zu zeigen und das andere nicht, suggeriert subtil, mit letzterem würde man eine Grenze überschreiten. Dass daran etwas „nicht in Ordnung“ sei. Wenn Cis-Het-Sex in Spielen angekommen ist, warum denn dann kein queerer, der nicht wieder einfach nur eine Show für die „Gamer™“ sein soll? 

Um solche Missstände und Unverhältnismäßigkeiten auszugleichen, müssen tatsächlich diverse Teams an so einem Spiel arbeiten. Für manche scheint aber leider schon „divers“ zu sein, wenn das Team nicht nur aus Männern besteht – übrigens ein Problem, das der deutsche Games-Journalismus auch hat. Es reicht auch nicht, den einen Vorzeigeschwulen zu haben, der kaum Text hat und nicht einmal zum Squad gehört, wie in Andromeda. Auch queere Menschen sind unterschiedlich, die queeren Communities bestehen aus verschiedensten Menschen von überall auf der Welt. Warum gibt es beispielsweise keine autistischen, queeren Protagonist*innen? Warum keine Schwarzen trans Frauen? Oder queere Figuren, die arm, alt oder dick sind oder eine Hautkrankheit (oder generell Krankheiten) haben? Wo sind die nicht-binären Charaktere? Warum kann ich mir in fast keinem Rollenspiel die Pronomen meiner Hauptfigur selbst aussuchen? Wo sind die asexuellen Menschen in Spielen mit Romanzen und generell? Und so weiter. Um glaubhafte queere Charaktere abbilden zu können, müssen auch zahlreiche andere Faktoren neben Gender und Sexualität diversifiziert dargestellt und miteingebunden werden. Vielleicht hat man sich, um auf Mass Effect: Andromeda zurückzukommen, gegen eine gleichberechtigte Darstellung in der Brodie-Romanze entschieden, weil die Beteiligten nicht wussten, wie schwuler Sex aussehen kann. Wie homosexuelle Beziehungen aussehen können. Das ist ein schlichter, möglicher Grund, den man in einem vielfältigeren Entwicklungsteam hätte ausräumen können. Falls das denn dann der Grund war und nicht etwa, wie vorhin angedeutet, dass man Angst hatte, Gamergate, Fox News oder weiß der Geier wen gegen sich aufzubringen. Hass ist natürlich eine ernstzunehmende Bedrohung für Entwickler*innen, die neue, progressivere Wege einschlagen wollen. Gerade deshalb muss sich auf allen Ebenen, vor allem den politischen, etwas tun. Es kann nicht angehen, dass Charaktere wie Jack aus Mass Effect 2 und 3, die ursprünglich polyamorös und pansexuell sein sollte, aus Angst kurzfristig straight-gewaschen werden, „weil Amerika nicht bereit“ gewesen sei. Hier ist deutlich zu spüren, wie groß die Macht der Medien ist und wie vorsichtig die AAA-Spieleindustrie. Ich mag BioWare und die meisten Spiele aus dem Haus sehr (es sind sogar meine liebsten!), aber ich sehe darin gleichzeitig auch unheimlich viel verschenktes Potenzial. Es wird Zeit, dass queere Entwickler*innen nicht nur finanzielle Unterstützung, sondern auch Schutzräume innerhalb der Branche bekommen. Mich macht wütend, dass Jack bis heute nicht die Person sein darf, die sie ist, weil irgendwelche toxischen, fragilen Arschlöcher Druck und Angst verbreiten.

Ich wünsche mir mehr Spiele mit diversen Charakteren, die nicht in Fantasywelten leben und womöglich anderen Spezies angehören. Ich wünsche mir mehr Autor*innen, die sich trauen (können), wirklich vielfältige, queere Charaktere und Romanzen zu erschaffen. Ich wünsche mir Spiele mit Studios dahinter, die kein Geheimnis daraus machen, (links)politisch zu sein. Nichts und niemand ist unpolitisch. Das geht überhaupt nicht. Warum also nicht klarer Flagge zeigen? Ich kann diesen „Spiele sind unpolitisch“-Bullshit nicht mehr hören.

Generell braucht es aber auch mehr Mut. Wenn wir uns alle immer nur an „Hat sich die letzten 30 Jahre bewährt“ halten, kann nichts Neues entstehen. Gerade bei Videospielentwickler*innen im AAA-Bereich besteht jedoch viel Druck, zuverlässige Verkaufszahlen zu generieren. Das Problem muss also bei einer noch viel tieferen Wurzel gepackt werden. Einer zutiefst kapitalistischen Wurzel. Es gibt viele queere Entwickler*innen, die großartige, besondere, progressive Spiele dem Einheitsbrei entgegensetzen (und nichts gegen den Einheitsbrei; viele dieser Spiele wie Assassin‘s Creed Valhalla mag ich selbst sehr gerne). Woran es fehlt, ist finanzielle Unterstützung. Daniel Ziegener hat dazu bei Superlevel mal ein fantastisches, ehrliches Interview mit ebensolchen Entwickler*innen im Rahmen des Queerbundles bei itch.io geführt und wir haben in einer kleinen Gruppe ein paar Spieleempfehlungen aus dem Bundle zusammengestellt. Das Bundle kostete regulär (es gab auch eine Variante für Leute, die sich vollen Preis gerade nicht leisten können) in etwa so viel, wie ein einzelnes AAA-Game im Schnitt kostet. Der Unterschied war allerdings, dass man dafür nicht einfach nur ein einziges Spiel bekommt, dessen Geldwert mit Faktoren wie „Spielzeit“ aufgewogen wird, sondern über 500 Spiele! Und diese hätten vielfältiger kaum sein können. Also im Grunde ist die passendere Frage auf meine Antwort nicht, „Was können die Entwickler*innen besser machen?“, sondern, „Was muss passieren, damit Entwickler*innen bessere Spiele machen können?“.

Leider hat die Gamingwelt neben inklusiven Ansätzen auch ziemlich toxische Seiten. Sexismus, Belästigung und generell schlechte Arbeitsbedingungen in Spielefirmen, aber auch unangebrachtes bis strafbares Verhalten in der Community. Vom Aufschrei nach Ellies Kussszene in TLOU 2 über #gamergate, Hasskampagnen gegen Entwickler*innen und so weiter. Die Liste ließe sich vermutlich endlos weiterführen. Auch du als Videospieljournalistin bist davon betroffen, einige Beispiele davon finden sich z.B. in einem Artikel von dir auf hateaid.org. Hast du Ideen, wie mensch den generellen Umgang in der Gamingwelt freundlicher und offener gestalten könnte?

Ich sage es immer wieder: Die Veränderung muss von innen heraus kommen. Neben den diverseren Entwicklungsstudios sollte auch die Berichterstattung, zu der Streamer*innen genauso gehören wie die Fachpresse, entsprechend der Diversität gefördert werden. Gaming-Plattformen wie Steam müssen endlich mal zusehen, dass sie ihr Nazi-Problem in den Griff bekommen. Hasskommentare zu melden sollte einfacher, schneller und effektiver funktionieren oder noch besser: präventiv verhindert werden. Opfer von übergriffigem, feindseligen Verhalten dürfen nicht im Stich gelassen werden. Schutzräume müssten errichtet werden, entsprechend geschulte Mods eingestellt und hilfreiche Handlungsleitfäden kostenlos, barrierefrei und leicht zugänglich zur Verfügung gestellt werden.

Außerdem muss in der Gesellschaft unbedingt ankommen, dass Gleichberechtigung und intersektionaler Feminismus uns alle etwas angeht und vor allem aufhören, trans- und somit menschenfeindlichen Personen wie J.K. Rowling ihren Müll abzukaufen. Feminismus ist nur echt, wenn er intersektional ist. Alles andere ergibt für mich keinen Sinn. In „TERF“ steckt kein Feminismus, weswegen ich auch einfach von Anti-Feminist*innen spreche und nicht von Terfs. Faschist*innen können keine Feminist*innen sein. 

Legen wir den Fokus wieder auf das Positive: Meine liebsten queeren Videospielcharaktere sind Ellie aus „The Last of Us“, sowie Chloe und Alex aus verschiedenen „Life is Strange“-Teilen. Welche Figuren sind deine liebsten?

Oh, ich liebe Ellie! Auch wenn sie als queerer AAA-Videospielcharakter meiner Meinung nach nicht besonders „mutig“ dargestellt ist. Dennoch hat Ellie mit dafür gesorgt, dass Queerness überhaupt auch außerhalb der Indie-Szene stattfindet und vielleicht sogar am wichtigsten: in einem Action-Titel.

Um bei meinen Lieblingen aus bekannten Spielen zu bleiben: Ich mag wie gesagt ebenfalls Ellie sehr gerne, aber auch Bill aus dem ersten TLoU-Teil.

Meinen Hawke aus Dragon Age II, der Magier und mit Fenris zusammen ist, meine verschiedenen queeren Inquisitor*innen aus Dragon Age: Inquision, die mit dem Eisernen Bullen, Dorian und Sera liiert sind und meine queeren Mass-Effect- Protagonist*innen mag ich auch sehr. Die Dragon Age und Mass Effect-Spiele habe ich halt echt oft und mit verschiedensten Charakteren gespielt und kenne auch die Sekundärmedien drumherum in- und auswendig. In diesen Multiversen gibt es herrlich viele (weitere) queere Charaktere. Und da warten auch noch viele fantastische Charaktere, z. B. aus den Dragon-Age-Comics darauf, es endlich in die Spiele zu schaffen. Ich freue mich beispielsweise sehr auf Tessa und hoffe, dass auch Charter mehr Bildschirmzeit bekommt, als in Dragon Age: Inquisition. Die Romanze zwischen Kaiserin Celene und Briala wird im Roman „Das maskierte Reich“ auch ausführlicher als im Spiel geschildert, bzw. ist der Roman ein Teil der Vorgeschichte zu Inquisition. Wie es mit Krem, Hauptmann der Sturmbullen weitergeht, würde ich auch gerne erfahren.

Dass viele meiner queeren Lieblingsfiguren selbsterstellte Rollenspielcharaktere oder NPCs sind, spricht übrigens dafür, dass es noch viel zu wenige vordefinierte, queere Charaktere in Videospielen gibt.

Meinen pansexuellen Alexios aus Assassin‘s Creed: Odyssey und meine beiden queeren Eivors aus AC: Valhalla finde ich auch toll. Tyler aus Tell Me Why mag ich ebenfalls sehr.

Bei Indie-Titeln ist die Liste natürlich deutlich länger. Super finde ich Brandeis, Donovan und Larissa aus The Red Strings Club, aber noch besser eigentlich zwei Charaktere aus einem anderen Spiel des Studios und zwar Bonachera und Garza aus De Tres Al Cuarto (gehört zur „Essays on Empathy“-Sammlung). Dann natürlich Mae aus Night in the Woods, wobei man bei diesem Spiel die schlimmen Vorkommnisse rund um einen der Entwickler nicht vergessen darf.

Dann noch Fog and Sea aus dem gleichnamigen Spiel, vor allem Fog … und 1.000 andere, die mir gerade nicht einfallen.

Und zum Abschluss noch eine Frage off topic: Auf welche noch nicht erschienenen Videospiele freust du dich am meisten?

Dragon Age 4, Mass Effect 4 (bzw. 5 je nachdem, wie Andromeda mitgerechnet wird), Blueberry, Brassica: A Marry Tale (da fehlen noch die letzten Kapitel), Dwarven Destiny (war zuletzt noch unfertig, aber schon spielbar), Metal: Hellsinger, GreedFall 2, The Elder Scrolls 6, Frank & Drake, PRIM, Brewmaster, Radiolight, God of War: Ragnarök, The Dark Pictures Anthology: The Devil in Me und auf alles, was von Deconstructeam noch kommen mag. Außerdem wünsche ich mir mal eben noch Videospielumsetzungen zu dem Romanmultiversum von Noah Stoffers „Berlin“. Berlin hat mit seinem Fantasy-Steampunk-Setting einen besonderen Nerv bei mir getroffen und ich liebe Mathilda sooo sehr! Generell gibt es in der deutschsprachigen, progressiven Phantastik so viele großartige Schriftsteller*innen … Spontan fällt mir da beispielsweise auch noch Elea Brandts düsteres Ghor-el-Chras aus Opfermond und Mutterschoß ein. Auch das wäre prädestiniert für eine Videospielumsetzung. Ich belasse es deshalb lieber bei Noah und Elea, bevor ich hier jetzt in weitere Aufzählungen verfalle.”. Aber noch mal, um sicherzugehen: Da gibt es echt viele Welten, die ich gerne als Videospielumsetzung erleben würde.

Vielen herzlichen Dank, dass du dir die Zeit genommen und dieses Interview mit mir geführt hast.

Ich danke für die Einladung. War mir ein Vergnügen.

2 Kommentare zu „“Queerness in Videospielen” – ein Interview mit Nele Wobker“

  1. Ow wow.

    Ich spiele schon seit zehn Jahren nicht mehr, und auch davor nur selten.

    Mir fällt spontan Fallout ein — dort konnte man als Frau auch eine Frau heiraten, wurde dann allerdings vom Vater dieser Frau verfolgt. Damals fand ich das schon extrem fortschrittlich. Im Lichte dieses Interviews sehe ich es allerdings eher wieder als “Häppchen”, das den Gamer*TM glücklich machen soll.

    Danke für die tollen Einblicke!

    1. Hallo Katharina,

      ich spiele selbst gern und leider läuft in dem Bereich – wie auch im Literaturbetrieb – einiges noch ziemlich schief. Deshalb fand ich den #femtember als passenden Rahmen, um ein bisschen Licht auf die teils toxische Kultur im Gaming zu werfen. Ich bin sehr froh, dass Nele sich zum Interview bereiterklärt und auch so ausführliche und tolle Antworten gegeben hat.

      Liebe Grüße,
      Nico

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