„Prinzessinnenjungs“ von Nils Pickert

Manchen mag das Cover von „Prinzessinnenjungs“ vage bekannt vorkommen. Es geisterte vor ein paar Jahren durch die sozialen Medien. Darauf zu sehen: Feminist, Journalist und Vater Nils Pickert in einem Rock, an der Hand sein Sohn, in einem Kleid. Sein fünfjähriger Sohn trage gerne Röcke und er wolle ihm ein Vorbild sein und zeigen, dass das Tragen von Röcken okay sei. Und er wolle die unweigerlich aufkommenden Anfeindungen auf seine Schultern nehmen, statt auf die seines Sohnes. Dafür hat Pickert sowohl viel Zuspruch, als auch viele Anfeindungen abbekommen. Nun ist Pickerts „Pladoyer für die Freiheit von Geschlechterrollen in der Erziehung unserer Söhne“ erschienen. Die Resonanz wird wohl – leider – ähnlich ausfallen.

Prinzessinnenjungs | Autor: Nils Pickert | Verlag: Beltz
Erschienen am: 11.03.2020 | Seiten: 254

Um eines direkt klarzustellen: Ich bin (noch) kein Vater. Muss Mann aber nicht sein, um dieses Buch zu lesen. Pickert nennt sein Werk zwar selbst ein „Buch zur Kindererziehung“, aber das ist eine schamlose Untertreibung. Es ist eher eine Gesellschaftsutopie. Und die Adressat*innen sind keinesfalls nur Familienväter. Oder sollten es zumindest nicht sein. Denn wenn sich jede*r ein paar Dinge aus „Prinzessinnenjungs“ zu Herzen nähme, dann ginge es nicht nur den Jungen, sondern allen in unserer Gesellschaft deutlich besser.

Weg mit den Zuschreibungen

„Prinzessinnenjungs“ behandelt vorrangig Probleme, über die Pickert in der Sozialisation seiner beiden Jungs gestolpert ist und die er als Hindernisse zu einer freien Persönlichkeitsentfaltung ausmacht – besonders aber nicht nur für Jungen. Die Menge an Post-Its im Buch zeigt schon an, dass ich einiges gelesen habe, was erinnerungswert war. Zum Beispiel über veraltete Rollenklischees. Warum gilt es als männlich, sich zu verprügeln, aber wenn sich Jungs streicheln, sind sie „Pussys“? Und wie unsinnig ist es eigentlich, mit dem Begriff „Pussy“ Schwäche zu implizieren?

Von frühester Kindheit an werden Bedürfnisse von Jungen missachtet: Nach Trost, nach Nähe, nach Schutz. Schließlich müssten Jungs ja stark sein und „ein Indianer kennt keinen Schmerz“. So werden Verletzungen, Enttäuschungen, Einsamkeit, Ohnmacht zum Schweigen gebracht, aber nicht behandelt. Und Jungen zu verschlossenen, in ihren Panzern gefangenen Männern, die Masken tragen und große Schwierigkeiten haben, ihre Emotionen zuzulassen.

„Es ist wichtig, diesen Aspekt so deutlich wie möglich herauszustellen, weil er in der Fabrikation von Männlichkeit von zentraler Bedeutung ist: Andere Personen, ganz besonders Mädchen und Frauen, sind für diese Art Männlichkeit nur Mittel zum Zweck, um mit sich selbst in anderen Jungen und Männern ins Gespräch zu kommen. Oder glauben Sie ernsthaft, es geht bei den Schulhofgesprächen unter Jungen oder bei dem, was Donald Trump als „Umkleidekabinengespräch“ bezeichnet hat, wirklich um die Mitglieder des anderen Geschlechts, die man „schon geknallt“ haben will oder „sich mal gönnen würde?“ Nein!“

Prinzessinnenjungs, S. 74

Was also tun? Pickert findet dafür viele gute Ideen, die nicht nur Väter betreffen, sondern unser aller Blick auf und Verhalten gegenüber Jungen. All die unbedachten Sprüche, die wir Kindern an den Kopf werfen. Verstehen sich ein Junge und ein Mädchen, dann heiraten die später sicher mal! Kein Platz für Freundschaften zwischen den Geschlechtern also. Auch mir als Lehrer hat Pickert den Blick auf manches geschärft. Dabei geht es in seinen Ratschlägen niemals darum, Jungs zu irgendetwas zu verpflichten. Es geht vielmehr darum, dass Jungs auch die „Rosa-Option“ verdienen, um ihnen mehr Räume zu eröffnen, sich selbst auszuprobieren und zu verwirklichen. Wieso sollte ein langhaariger pinkbegeisterter Junge, der im Drogeriemarkt Haarspangen kaufen will, „unmännlich“ sein?

Her mit einer besseren (pinkeren) Welt

Nils Pickert spricht dabei viele Dinge an und er beschönigt nicht. Es geht auch um sexuelle Gewalt gegenüber Frauen und Kindern, Homophobie, Pornographie, Verbrechen. Eindrücklich beschrieben wird auch die Inschutznahme von Tätern durch die Umkehr des Opfer-Täter-Verhältnisses:

„Wir wollen wissen, warum junge Frauen nachts alleine durch den Park gehen, aufrezend gekleidet sind oder sich in einer Bar betrinken, statt mit unserer Erziehungsarbeit dafür zu sorgen, dass das niemals und für niemanden eine Einladung zu irgendetwas ist. […] An dem Satz „Lass dich nicht vergewaltigen!“ ist nichts okay.“

Prinzessinnenjungs, S. 113

Täter schreibe ich bewusst ohne Gendersternchen, denn Straftaten haben nicht nur in unserer Gesellschaft ein Geschlecht. Laut Pickert sind nur 5,3% der in Deutschland inhaftierten Personen Frauen. Und genauso wie Pickert glaube ich, dass wir dagegen einiges tun könnten – auch und gerade in der Erziehung der Jungen, die später mal zu diesen gewalttätigen Männern werden. Und das wiederum – sehr feministisch – käme allen zu Gute. Das Buch mag nicht der Weisheit letzter Schluss und der Weg hin zu einer geschlechtergerechteren Welt mag noch weit sein, aber „Prinzessinnenjungs“ ist auf jeden Fall ein wichtiger Meilenstein auf diesem Weg. 5 von 5 Lesezeichen und eine Leseempfehlung nicht nur für Väter von mir.

Bewertung: 5 von 5 Lesezeichen

Der Song zum Buch

Dieser Beitrag ist verlinkt auf der LinkParty April von monerl #MiteinanderStattGegeneinander

13 Kommentare zu „„Prinzessinnenjungs“ von Nils Pickert“

  1. Hallo Nico,

    erst einmal möchte ich dir auch hier danken, dass du bei meiner kleinen neuen Blogger Aktion <a href="https://theartofreading.de/blogger-bubble/blogger-aktionen/review-of-the-month/"Review of the Month teilgenommen hast. 🙂

    Nun zu deiner Rezension. Ich bin begeistert. Noch bevor ich angefangen habe hier zu tippen ist das Buch auf meine diversen Wunschlisten gezogen. Und ich werde es wohl sehr bald käuflich erwerben.

    Ich finde diese Stigmatisierung der Geschlechterrollen auch absolut unnötig und für eine Gesellschaft im 20. Jahrhundert absolut unangebracht.
    Also ich mit meinem kleinen Mann schwanger war, hab ich immer gesagt: „Wenn er mal nen Tutu tragen will, dann soll er es bekommen. Das darf dann auch pink, lila und mit ganz viel Glitter sein.“ Und glaub mir, ich habe richtig komische Blicke von einigen Bekannten (m/w/d) bekommen. Warum? Die Antwort darauf war und ist mir egal.

    Einfach weil es hier um meinen Jungen geht und er soll sich frei entfalten können. Und da darf er, wenn er will mit Autos und Eisenbahnen spielen, oder eben auch gerne einen Puppenwagen vor sich her kutschieren und mit Stofftieren kuscheln. Wichtig, Hauptsache er hat Spaß daran.
    Ich habe mir vorgenommen, ihn in jeder Hinsicht zu unterstützen.
    Und dann kommt hinzu, dass er kuscheln mit Mama und Oma und Opa LIEBT und keine von uns es ihm verwehrt.

    Ich werde mein Bestes geben, meinen Jungen zu einem Mann zu erziehen, der keine Angst vor Gefühlen hat und sich auch immer bewusst sein kann, dass er diese jederzeit zeigen darf und es kein Zeichen von „Schwäche“, sondern STÄRKE ist.

    Wie hat Mattie Stepanek gesagt:
    „Seine Gefühle auszudrücken und mit anderen zu teilen ist eine echte Gabe.“

    Liebe Grüße
    RoXXie

    1. Liebe RoXXie,

      toll, dass du deinen Sohn so erziehst! Ich wünschte, das wäre die Regel und nicht die Ausnahme. „Prinzessinnenjungs“ wird genau das Richtige für dich sein und dich noch weiter in deiner Erziehung bestärken. Du wirst überrascht sein, wie viel von dem, was du oben geschrieben hast, auch im Buch thematisiert wird.
      Ich freue mich schon sehr darauf, wenn du es liest und bin gespannt, was du danach dazu zu sagen hast =)

      Ganz liebe Grüße,
      Nico

      1. Huhu nochmal…

        Ich werde mir dieses Buch in jedem Fall besorgen und du kannst dir sicher sein, dass ich dich in jedem Fall wissen lassen werde, welchen Eindruck es auf mich gemacht habe.

        Aber ich habe schon so ein Gefühl, dass ich mich darin sehr oft wiederfinden werde. 😉

        Cheerio,
        RoXXie

  2. Hallo lieber Nico,
    ich bin über Roxxie auf deinen Beitrag gestossen und das Buch klingt wahnsinnig interssant.
    Es gibt doch dort diesen Spruch.. „Was machst du, wenn dein Sohn einen Freund mit nach Hause bringt“ – „Ich weiss nicht, vielleicht Kaffee?“
    Den hab ich bei meinem Kind auch schon so oft gebracht und dafür Blicke geerntet, die kann man sich nicht vorstellen.
    Er ist inzwischen schon was älter, aber ich habe ihm auch früh genug gesagt, dass es egal ist, wie oder was er wird, solange er glücklich ist. Er wir trotzdem immer mein Sohn sein.

    Das Buch ist direkt mal auf meine Wunschliste gewandert.

    Liebe Grüße Melanie

    1. Hey Melanie,

      ich denke, die Blicke, die du üer dich ergehen lassen musstest, waren ähnlich denen, die ich zu Gesicht bekommen habe, als ich von einem Tutu für einen „Jungen“ gesprochen habe. *augenroll*

      😉
      RoXXie

    2. Liebe Melanie,

      schön, das zu hören. Wie schlimm ist es, dass du für so eine in meinen Augen selbstverständliche Aussage Wut und Ärger von anderen auf dich ziehst. Sehr schade… Naja, es ist noch ein weiter Weg. Ich glaube, auch du wirst dich das ein oder andere Mal in diesem Buch wiederfinden 🙂

      Liebe Grüße,
      Nico

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  4. Brigitte B.

    Hallo Nico,
    danke für den Buchtipp, werde ich lesen und dann an meine Tochter nebst Mann weiterreichen.
    Was ich (64 Jahre) nämlich völlig ok finde bei meinen Enkeln (Zwillinge, 4 Jahre, Junge und Mädchen), dass Tim auch mal einen Rock trägt, oder sich aktuell die Haare wachsen lassen will, wird von den Beiden (Mitte 30) sofort negiert bzw. der Rock wird ausgezogen (stand ihm übrigens gut!).
    Wenn ich diskutieren will, werde ich belächelt. Ich rede trotzdem weiter :).
    Manchmal komme ich mir „moderner“ vor, als meine Kinder.
    Gut, dass es Omas gibt, bei denen auch Haarspangen getragen werden dürfen oder Ketten oder Pumps.
    Ich habe noch viel Erziehungsarbeit vor mir und frage mich natürlich, was habe ich wohl verpasst, als meine Tochter klein war?
    Beste Grüße, schönen Feiertag wünsche ich – Brigitte

    1. Liebe Brigitte,

      ich habe deine Nachricht gerade meiner Frau vorgelesen und sie meinte Zitat: „Was für ne coole Oma!“ Dem kann ich mich nur anschließen =)
      Vielen Dank für deinen persönlichen Beitrag. Ich bin mir nicht sicher, ob es dich weiterbringt, wenn du dich fragst, was du falsch gemacht hast. Schlussendlich hat sich deine Tochter selbst entschieden, wie sie zu einem Sohn mit Rock stehen möchte und außer dir gab es in ihrem Leben noch viele andere mächtige Einflüsse.
      Toll, dass du trotzdem immer wieder das Gespräch suchst und vielleicht hilft dieses Buch ja dabei, ihren Blickwinkel auf das Verhalten ihres Sohnes ein wenig zu erweitern.

      Ganz liebe Grüße,
      Nico

  5. Lieber Nico,
    ich freue mich, dass du dieses Buch gelesen hast! Vor einiger Zeit bin ich drüber gestolpert und habe auch die Zeitungsberichte im Internet danach durchforstet, denn ich fand das super, was dieser Papa für seinen Sohn getan hat. Seitdem ist das Buch auf meiner WuLi.
    Im Kindergarten meiner Töchter gibt es auch einen Jungen, der ab und zu Kleider trägt. Ich habe noch nie was Negatives darüber gehört. Als ich ihn das erste Mal so gesehen hatte, musste ich erstmal stutzen. Aber dann fand ich es nett. Es ist eben ungewohnt. Ich merke selber, wie schwer es ist , aus seiner Erziehung herauszuschlüpfen und alles und sich immer wieder zu (hinter)erfragen. Man kann das lernen, es ist aber richtige Arbeit. Es ist ein Prozess, an dem man stetig dranbleiben muss, damit man sich weiterentwickeln kann. Das gilt für alle solche Themen, wie z.B. Rassismus, dicke Menschen, Transgender…
    In Ägypten werden z.B. diese langen Gewänder, die Kleidern ähneln, Galabeyya genannt, von Männern und Frauen getragen. Somit ist es ganz normal, wenn man dort oder in einem anderen Land der arabischen Welt einen Mann mit einem Kleidgewand sieht. Der Unterschied sind die Farben. Männer tragen gedeckte oder einfarbige Galabeyyas, die von Frauen sind bunt und oft mit Glitzer. Dort würde natürlich auch kein Junge oder Mann eine Galabeyya mit einer „Frauenfarbe“ tragen. So stößt man überall an die Grenzen der Kulturen. Wir Menschen sind noch ganz am Angang und müssen über Gleichheit und Ähnliches noch viel, viel lernen.
    GlG, monerl

    1. Liebe monerl,

      vielen Dank für deinen Einblick in andere Kulturen. Stimmt, es ist wirklich Arbeit, sich selbst und seine (Vor)Urteile andauernd zu hinterfragen. Wir alle haben spitzfindige, verletzende und manchmal auch sexistische und rassistische Gedanken in uns. Wichtig finde ich, das dauernd zu reflektieren und entsprechend gegenzusteuern. Dabei hat mir das Buch wertvolle Denkanstöße vermittelt. Ich bin sicher, du fändest auch einiges Interessantes darin zu lesen =)

      Ganz liebe Grüße,
      Nico

  6. Lieber Nico,
    das hört sich ja mal nach einem wirklich interessanten Buch an. Neue Denkanstöße finde ich immer willkommen und dass es endlich ein Umdenken geben muss, sehe ich auch als notwendig. Schöne Besprechung des Buches!

    Liebe Grüße
    Anja

  7. Pingback: Mach mir'n Kind - Ein Interview mit Melanie Amélie Opalka

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