Neil Gaimans Comicwelten

Dieser Beitrag ist Teil des Themenmonats #Comicmärz

Manche kennen Neil Gaiman vielleicht aus Buchautor, zum Beispiel von „Niemalsland“ oder „Nordische Mythen und Sagen”. Anderen ist er ein Begriff durch die Serien zu seinen Büchern, „American Gods“ und „Good Omens“. Und wieder andere haben vielleicht schon die Verfilmung eines seiner Werke gesehen, „Coraline“ oder „Der Sternwanderer“.

Neil Gaiman ist aber nicht nur einer meiner Lieblingsautor*innen, weil er fantastisch schreibt, sondern weil er auch ein wahnsinnig sympathisches und einnehmendes Auftreten hat. Hörens- und sehenswerte Beispiele hierfür sind unter anderem die Audioaufnahme „An Evening with Neil Gaiman and Amanda Palmer“ (z.B. auf Spotify zu finden), sein feministisches Gedicht „The Mushroom Hunters“ oder seine Zusammenarbeit mit der UN Flüchtlingshilfe. In seiner Sammlung nonfiktionaler Texte „The View from the Cheap Seats“ ist unter anderem ein sehr bewegender Text über einen Besuch in einem Flüchtlingscamp zu lesen.

Ein sehr umtriebiger Mensch also, dieser Neil Gaiman. Wen wundert es da, dass es auch jede Menge Comics von Neil Gaiman gibt? Ein paar davon möchte ich im Rahmen des #ComicMärz näher vorstellen.

Das „Sandman“-Epos

Bevor Neil Gaiman Bücher schreib, machte ihn eine Comicfigur mit Namen „Dream“ berühmt. Gaimans Epos „The Sandman“ aus dem DC Universum umfasst 75 Hefte und wurde von 1989 bis 1996 veröffentlicht. Gaiman arbeitete mit verschiedenen Künster*innen zusammen, darunter Dave McKean und Mike Dringenberg. Mittlerweile gibt es die ganze Geschichte gesammelt in zehn Sammelbänden, von denen ich vier bereits gelesen habe und der Rest ziemlich weit oben auf meiner Wunschliste steht.

Hauptfigur ist Dream, oder Morpheus, einer der sieben Ewigen (die übrigen sind Destiny, Desire, Despair, Delirium, Destruction und Death). Dream herrscht über das Land der Träume und begegnet in seinen Geschichten auch zahlreichen mythologischen und historischen Charakteren sowie Superheld*innen, etwa Shakespeare, Luzifer und Loki. Dabei lernt Dream, dass er – obwohl unsterblich – nicht vor Fehlern gefeit ist und sich verändern muss, will er mit der Welt Schritt halten. Die verschiedenen Episoden haben einen umspannenden Handlungsbogen, der aber immer wieder durch alleinstehende Geschichten unterbrochen wird.

Literarisch soll die komplette Serie wahnsinnig gut gemacht sein mitsamt Aufbau und Niedergang eines tragischen Helden. Das kann ich freilich noch nicht bezeugen, da ich mit Band vier noch mittendrin stecke. Für mich ist „The Sandman“ ein wahnsinnig faszinierendes, aber auch enormes Epos, für das frau* sich viel Zeit nehmen muss. Für Comiceinsteiger gut ist, dass die Reihe in sich abgeschlossen ist, es einen festen Start- und Endpunkt gibt und keine Vorkenntnisse aus anderen Comicreihen benötigt werden.

The DC Universe by Neil Gaiman

Der Band enthält eine Sammlung von Kurzgeschichten im DC Universum, hauptsächlich zu Batman und Bösewichten Gothams, aber es ist auch eine Geschichte zu Superman und Green Lantern mit dabei. Herzstück der Sammlung ist aber die mehrteilige Kurzgeschichte „Whatever happened to the Caped Crusader“, in der sich Gothams Unterwelt an Batmans offenem Sarg versammelt. Batman ist offenbar tot und jede*r Schurk*in hat ihre eigene Version von Batmans Niedergang parat. An seinem Sarg werden viele dann doch ein wenig rührselig. Vielleicht vermisst ihn die ein oder andere sogar.

Das Graveyard Buch

“The Graveyard Book“ ist eines meiner liebsten Kinder- oder Jugendbücher. Es handelt von einem Kind, dessen Eltern ermordet werden und das dann auf einem Friedhof aufwächst, mit Geistern als Eltern und einem Vampir als Lehrer. Der Friedhof beschützt ihn, in der Welt außerhalb lauert allerdings immer noch der Mörder seiner Familie.

Die Geschichte ist toll, leider hat mich die Comicumsetzung nicht so begeistert. Sie ist zu nah am Buch, übersetzt die Geschichte quasi Satz für Satz in Panels, weshalb viele Stärken einer graphischen Umsetzung nicht so zum Tragen kommen. Hier hat mir der Mut zu einer freieren Ausgestaltung gefehlt.

The Problem of Susan and Other Stories

„Die Chroniken von Narnia“ haben Gaiman in seiner Kindheit sehr beschäftigt, weshalb er den Charakter „Susan“ in einer Kurzgeschichte noch einmal besucht, lange nach den Ereignissen in den Büchern. Da ich die Chroniken nie gelesen habe, konnte ich mit dieser Geschichte wenig anfangen. Besser gefallen hat mir „October in the Chair“: Die zwölf Monate kommen am Lagerfeuer zusammen und Oktober ist dran, eine Geschichte zu erzählen. Er erzählt die Geschichte eines einsamen Jungen voller Schmerz und Trauer. Die Krönung bildet aber das illustrierte Gedicht „The Day the Saucers Came“: Auf seine Art ein Liebesgedicht auf lediglich sieben Seiten, das auch für sich stehen könnte.

Snow, Glass, Apples

Neil Gaiman nimmt sich dem Schneewittchen-Mythos an und erzählt ihn auf seine Weise: Aus der Sicht der Königin, mit Horror-Elementen und einem gar nicht mehr so netten Schneewittchen. Die Story an sich ist schon toll zu lesen, erschienen in der Kurzgeschichtensammlung „Smoke and Mirrors“. Die Zeichnerin Colleen Doran hat daraus aber ein Kunstwerk gemacht. Es gibt wenige Panels, stattdessen gehen die Bilder fließend ineinander über. So gibt es auf den Seiten wahnsinnig viel zu entdecken, die Konzeption der Bilder muss aber eine wahnsinnige Arbeit gewesen sein. Davon zeugen auch die Sketche, die am Ende des Buches gesammelt sind. Das Buch ist eine Augenweide, allerdings nichts für Kinderhände.

A Study in Emerald

Sherlock Holmes gekreuzt mit Lovecrafts Cthulhu-Mythos, interpretiert von Neil Gaiman. Die Handlung orientiert sich an der Sherlock Holmes-Geschichte „Eine Studie in Scharlachrot“, ist aber durchsetzt von Horrorelementen. Veröffentlicht wurde die zugrunde liegende Kurzgeschichte unter anderem in Gaimans „Fragile Things“ und hat 2004 den Hugo Award für die beste Kurzgeschichte gewonnen. Das ganze ist toll in Szene gesetzt von Rafael Albuquerque, der besonders den verschiedenen Figuren ein sehr charakteristisches Äußeres verlieh. Insgesamt ein sehr kurzweiliges Lesevergnügen, und das Cover ist auch ein echter Hingucker.

How to Talk to Girls at Parties

„How to Talk to Girls at Parties“ existiert als Kurzgeschichte, Graphic Novel und sogar als Film. Im Mittelpunkt stehen der fünfzehnjährige Enn und sein Freund Vic. Enn hat einfach keine Ahnung von Frauen, sein Freund dafür umso mehr. Das ganze wird in dem Moment sehr surreal, als die beiden eine Party crashen und realisieren, dass die dort anwesenden Frauen soviel mehr sind, als sie zu sein vorgeben. Den Film habe ich (noch) nicht gesehen, aber Kurzgeschichte und Graphic Novel sind beide seltsam und weise zugleich, wobei die Zeichnungen von Fábian Moon und Gabriel Bá wunderbar zum Ton und zur Idee der Geschichte passen. Da bekomme ich beim Schreiben direkt Lust auf den Film…

7 Kommentare zu „Neil Gaimans Comicwelten“

  1. Lieber Nico!
    Was für ein wundervoller Beitrag, der mir so völlig aus dem Herzen spricht. Die gemeinsame Liebe zu Neil Gaiman kennen wir ja schon 😀 Und ich muss dir sagen, du MUSST im Sandman-Universum weiter voranschreiten, die Geschichte rund um Dream, Death und die anderen Endless ist so SO gut! (Empfehlenswert ist auch der Sammelband zu Death, neben Dream meine Lieblingszeitlose ♥)

    Auch die anderen illustrierten Geschichten wohnen bereits bei mir (oh Wunder) und ich bin immer wieder begeistert, wie vielfältig sich Gaimans Geschichtenstil in Bildern umsetzen lässt.

    Alles Liebe!
    Gabriela

    1. Liebe Gabriela,

      Death ist auch meine Lieblingsfigur, total grandios umgesetzt! Den Sammelband zu Death habe ich natürlich auch 🙂 Aber ich werde mir deinen Rat zu Herzen nehmen und mir ganz bald die weiteren Bände vom Sandman zulegen 🙂
      Hast du denn noch illustrierte Geschichten von Gaiman, die ich nicht vorgestellt habe, die du aber sehr empfehlenswert findest?

      Liebe Grüße,
      Nico

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