„Mutterschoß“ – ein Interview mit Autorin Elea Brandt

Dieser Beitrag erscheint im Rahmen des feministischen September 2021

Besonders freue ich mich immer, wenn sich jemand für ein Interview auf dem Blog bereit erklärt. Im Rahmen des diesjährigen #femtember habe ich Elea Brandt gewinnen können, die im Juni „Mutterschoß“ veröffentlicht hat, einen düsteren und feministischen Fantasy-Horror-Krimi. Elea stand mir Rede und Antwort zu ihrem Buch, ihrem Leben als Autorin und dem deutschen Literaturbetrieb im Allgemeinen.

Content Notifications / Triggerwarnungen zu „Mutterschoß“ finden sich auf der Webseite von Elea Brandt.

In „Mutterschoß“ kehrt Elea zu der bereits aus „Opfermond“ bekannten Wüstenstadt Ghor-El-Chras zurück, das mich in mancher Hinsicht an „Caldeum“ aus dem Videospiel „Diablo“ erinnert hat. In der Stadt herrscht ein blutiges Regime aus Priestern. Kein einfaches Pflaster für Ajeri, die eigentlich nur in Ruhe ihrer Tätigkeit als Hebamme nachgehen möchte. Als eine Geburt schief geht und Ajeri der Hexerei bezichtigt wird, beginnt für sie ein Wettlauf gegen die Zeit. Um ihre Unschuld zu beweisen, muss sie sich an eine Person wenden, die sie eigentlich niemals wiedersehen wollte: den Arzt Shiran. Gemeinsam kommen sie einem uralten Übel auf die Spur, das nicht nur ihr Leben zu zerstören droht.

Mir hat an „Mutterschoß“ besonders gefallen, dass das Erzähltempo so hoch war, die Geschichte sprudelte nur so aus dem Buch heraus. Vielleicht ein Symptom der Wut, die Elea beim Schreiben verspürt hat (siehe das Interview unten). Gleichzeitig kamen viele feministische Themen zur Sprache, wie das Recht am eigenen Körper oder der gesellschaftliche Status von Sexarbeit. Wenn ihr das Buch noch nicht gelesen habt, holt das schnell nach! Aber nun genug von mir, Vorhang auf für das Interview!

Hallo Elea, wie schön, dass du dich im Rahmen des diesjährigen #femtember zu einem Interview bereiterklärt hast. Vielen Dank dafür!

Zu dir

Ich kenne dich als Autorin von „Opfermond“ und „Mutterschoß“, sowie als Vorkämpferin für eine progressivere Phantastik auf Twitter. Außerdem hast du am Litcamp in Heidelberg einen Workshop zu Psychologie und Justiz gegeben. Aber ich habe das Gefühl, du machst noch viel mehr. Stell dich doch selbst einmal vor.

Aber gerne. Hallo, ich bin Elea und meine Pronomen sind sie/ihr. Ich bin Psychologin, Rollenspielerin, Feministin und Fantasyautorin. Schon in der Grundschule habe ich meine ersten phantastischen Geschichten geschrieben und bin dieser Leidenschaft bis heute treu geblieben. Mein erster Roman ist allerdings erst 2017 erschienen – vielleicht auch ganz gut, wenn ich mir die Jugendsünden in meinen Schubladen so ansehe. Die Freude an der Phantastik, aber auch an fremden Rollen und Charakteren, hat mich in der Jugend zum Rollenspiel gebracht und das prägt mich bis heute. Aber auch mein Psychologie-Studium hat viel dazu beigetragen, dass ich mich so sehr für die individuellen Entwicklungspfade meiner Figuren begeistern kann.

Soweit ich weiß, hast du neben dem Schreiben noch einen Brotjob. Wie und wann kommst du zum Schreiben und wie sieht dein Schreiballtag typischerweise aus?

Puh, ehrlich gesagt gibt es diesen „typischen“ Schreiballtag für mich nicht. Meistens versuche ich die Zeit nach der Arbeit dafür zu nutzen, aber oft ist meine kreative Energie dann auch schon verbraucht. Manchmal wünschte ich, ich hätte wieder etwas mehr Schreibroutine, aber die Corona-Pandemie  hat mir da doch sehr eindrucksvoll meine Belastungsgrenzen aufgezeigt. Momentan ist mein Ziel vor allem, mich nicht zu sehr unter Druck zu setzen, was das Schreiben angeht. Mein Brotjob gibt mir da sehr viel Sicherheit, weil ich weiß, dass ich finanziell und existenziell abgesichert bin. Deswegen kann ich es mir zum Glück leisten, etwas langsamer zu machen.

Zu „Mutterschoß“

Du hast vor kurzem den Roman „Mutterschoß“ veröffentlicht, ein Mix aus Dark Fantasy, Horror und Krimi, mit einem Schuss antiker Medizin. Ich find das Buch extrem spannend, mit hohem Erzähltempo. Du schreibst, es war für dich auch „ein Ventil, um Wut zu verarbeiten, Wut über Unterdrückung, Machtmissbrauch, systemische Gewalt und fehlende (körperliche) Selbstbestimmung.“ Und tatsächlich kommen in „Mutterschoß“ viele politische Themen zur Sprache, etwa Intersektionalität, Sexarbeit oder das Recht auf Abtreibung. Wie ist der Roman entstanden und hattest du Unterstützung bei einzelnen Aspekten?

Meine beiden Grimdark-Romane – „Opfermond“ und „Mutterschoß“ – hatten immer schon einen starken gesellschaftspolitischen Einschlag. In Ghor-el-Chras herrscht ein brutales, sozialdarwinistisches Patriarchat, und die Frage, wie Menschen in einer solchen Umgebung leben, wie sie mit Entbehrung, Gewalt und Unterdrückung umgehen, war von Anfang an eine zentrale Prämisse. „Mutterschoß“ ist für mich die konsequente Weiterentwicklung dieses Gedankens. Der Roman ist definitiv mit mir gewachsen und wahrscheinlich auch eine Spur radikaler geworden im Laufe des Arbeitsprozesses. Wenig überraschend, wenn man sich vergegenwärtigt, dass anti-feministische und faschistische Strömungen in der realen Welt immer weiter an Fahrt gewinnen. Ich hatte das Bedürfnis, dem etwas entgegen zu setzen, und sei es nur meine Wut. Das Thema Antike Medizin fand ich immer schon spannend, vor allem, weil es sich sehr gut mit düsterer Phantastik und (weiblichem) Bodyhorror verknüpfen lässt. Darüber habe ich für den Blog der „Phantastischen Antike“ einen längeren Beitrag geschrieben.

Bei „Mutterschoß“ habe ich zum ersten Mal mit Sensitivity Reading gearbeitet. Ajeri, die Protagonistin, ist eine lesbische, migrantische Frau mit einer Fluchtgeschichte und vereint damit verschiedene Aspekte, die meinen Erfahrungsschatz übersteigen. Deswegen bin ich sehr dankbar um die Unterstützung meiner Kolleg*innen Nora Bendzko und Susanne Pavlovic, die diese Themen einer genaueren Analyse unterzogen haben. Wie das genau ablief, kann man auf meinem Blog nachlesen. 

„Mutterschoß“ wurde bei dem Kleinverlag „Chaospony Verlag“ veröffentlicht. (Übrigens: Der Hammer, dass „Opfermond“ und „Mutterschoß“ zusammenpassen, obwohl sie in unterschiedlichen Verlagen erschienen sind!) Wie verlief die Suche nach einem Verlag?

Das war ein bisschen chaotisch dieses Mal. Eigentlich sollte „Mutterschoß“ – wie schon „Opfermond“ – im Mantikore Verlag erscheinen, aber dann kam es zu einigen Umwälzungen im Verlagswesen und der Verlag musste sein Programm umstrukturieren. Schweren Herzens entschieden wir uns daher, den Vertrag aufzulösen. Das war auf der Leipziger Buchmesse 2019 . Und da ich schon mal da war, beschloss ich, mich dort umzusehen und landete beim Chaospony Verlag. Mir war wichtig, einen Verlag an der Hand zu haben, der prinzipiell eine feministische Ausrichtung hat und zu meinen Vorstellungen passt, zum Beispiel in Hinblick auf Sensitivity Reading oder Content Notes. Über das „wie“ kann man gerne diskutieren, das „ob“ wollte ich aber ungern zur Debatte stellen. In jedem Fall bin ich froh, dass die Damen vom Chaospony Verlag so schnell eingewilligt haben, das Projekt mit mir zu realisieren – die Zusammenarbeit war wirklich angenehm. Und ja, dass die beiden Bücher so perfekt aufeinander abgestimmt sind, hat mich auch sehr glücklich gemacht.

Zum Literaturbetrieb

Ich möchte mit dir auch ein wenig über den deutschen Buchmarkt sprechen. Als Lesender erlebe ich den Literaturbetrieb hier in Deutschland als größtenteils sehr konservativ und weiß. Gatekeeping sorgt zum Beispiel dafür, dass Own-Voice-Autor*innen oft gar keinen Zugang zum Buchmarkt erhalten. Stattdessen immer dieselben alten weißen Autoren, die schreiben können, was sie wollen, und trotzdem veröffentlicht werden. Wie erlebst du das als Autorin?

Leider trifft das immer noch zu, zugleich merke ich aber, dass sich etwas verändert. Langsam, vielleicht zulangsam, aber dennoch hat sich in den vergangenen Jahren einiges bewegt. Selbst große Verlage erkennen mittlerweile die Notwendigkeit von Own Voices oder Sensitivity Reading und Diversität in Form queerer oder nicht-weißer Figuren wird immer mehr zur Normalität. Das hat sicher auch damit zu tun, dass die amerikanische Science-Fiction- und Fantasy-Szene zunehmend progressive Signale setzt, die auch der deutsche Markt nicht ignorieren kann. Dennoch, wenn ich sehe, mit welcher Vehemenz Autor*innen nach wie vor ihr Recht verteidigen, rassistische Beleidigungen oder queerfeindliche Tropes in ihren Texten zu verwenden oder wie unkritisch es aufgenommen wird, dass Science-Fiction-Preise nur an weiße Männer verliehen werden, wird deutlich, dass immer noch viel zu tun ist.

Welche Veränderungen wünschst du dir?

Fürs erste würde ich gerne den Kapitalismus abschaffen, dann sehen wir weiter. 😉 Nein, Scherz. Aber es steckt etwas Wahres drin: Die Entwicklungen, die wir auf dem Buchmarkt und in der Fantasy/Science-Fiction-Literatur sehen, beschränken sich nicht auf diese Branchen, sondern sind gesamtgesellschaftliche Phänomene. Auch, wenn der Gedanke tröstlich wirkt: Die Phantastik-Community ist keine Insel der Seligen, sondern genauso von reaktionären und anti-feministischen Strömungen durchdrungen wie unsere ganze Gesellschaft. Deswegen, glaube ich, stoßen wir an Grenzen, wenn wir nur versuchen, die alten Strukturen zu verbessern. Wir brauchen neue Strukturen. Strukturen, die gesellschaftliche Vielfalt in allen Ebenen abbilden. Die Kritik von Marginalisierten ernst nehmen, auch, wenn sie unbequem ist, und daraus Konsequenzen ziehen. Die anerkennen, dass auch die Phantastik politisch ist – und sein muss, wenn sie etwas bewegen will. Diese Veränderungen im Korsett des Kapitalismus durchzusetzen, dem wir leider alle unterworfen sind, ist eine Herausforderung. Aber ich sehe immer mehr Menschen, die sich dieser Herausforderung stellen, und das ist ein bedeutendes Signal.

Was können wir als Lesende denn dazu beitragen, den deutschen Buchmarkt diverser und bunter zu gestalten?

Ich denke, es ist wichtig, aktiv und bewusst zu lesen. Wenn wir uns nur auf die Platzierungen im Buchmarkt oder auf Bestsellerlisten verlassen, verpassen wir häufig die Chance, vielfältige Stimmen und Own Voices zu hören, weil diese Geschichten oft im Massenmarkt untergehen. Man kann das Experiment gut selbst durchführen: Wie viele Bücher stehen in euren Regalen, die von Männern geschrieben wurden? Wie viele von Frauen oder nicht-binären Menschen? Wie viele der Autor*innen sind nicht weiß, neurodivers, queer? Bis zu einem gewissen Grad haben wir in der Hand, welche Geschichten eine Chance haben, sich auf dem Markt durchzusetzen. Deswegen: Empfehlt besondere Geschichten weiter, macht Werbung in den Sozialen Medien, und seid angemessen kritisch. So haben wir vielleicht die Möglichkeit, künftig noch vielfältigere Literatur lesen zu können.

Und zum Abschluss: Gibt es Bücher, die du besonders empfehlen möchtest? Die möglichst alle gelesen haben sollten?

Ich bin kein Fan von diesen „muss man gelesen haben“-Listen. Aber wenn ich Empfehlungen aussprechen darf, dann würde ich allen Autor*innen, die sich rassismuskritisch weiterbilden wollen, Alice Hasters‘ „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten“ empfehlen. Oder Tupoka Ogettes „exit RACISM“. Auch wenn es dabei um Rassismus geht, lassen sich die Gedankenspiele auch auf andere Themenbereiche übertragen, zum Beispiel Queer- oder Behindertenfeindlichkeit. Zu letzterem kann ich auch empfehlen, „Ableismus“ von Tanja Kollodzieyski zu lesen, das ist ein kleines, feines Büchlein, das kompakt die wichtigsten Informationen zum Thema zusammenfasst. Was die Belletristik angeht, empfehle ich einfach einige Bücher, die ich unlängst gelesen habe. Zum Beispiel „Elektro Krause“ von Patricia Eckermann, eine Urban-Fantasy-Geschichte im Rheinland der 80er Jahre, die unter anderem das Thema Rassismus und NS-Vergangenheit aufgreift. Patricia ist selbst Schwarz und bringt hier viel aus ihrer eigenen Erfahrung ein. Oder „Knochenblumen welken nicht“ von Eleanor Bardilac, ein düster angehauchter High-Fantasy-Roman in einem vom Barocken Wien inspirierten Setting mit vielen queeren Figuren. Und natürlich „Anarchie Déco“ von Judith und Christian Vogt, ein historischer Urban-Fantasy-Roman, der im magischen Berlin der 1920er Jahre spielt. Das hab ich zwar noch nicht gelesen, weil es erst erscheint, aber ich bin schon riesig gespannt darauf. Darüber hinaus lohnt sich immer ein Blick auf die Nominierten und die Gewinner*innen des Nebula Awards, dort haben sich in den letzten Jahren viele Own Voice Autor*innen mit außergewöhnlichen Werken durchsetzen können, zum Beispiel N.K. Jemisin, Tamsyn Muir, Yoon Ha Lee oder Rebecca Roanhorse. Leider ist nur ein Teil davon auch auf Deutsch erschienen.

Oh ja, auf „Anarchie Déco“ freue ich mich auch schon sehr, das steht ebenfalls auf der Leseliste für den #femtember. Dass nur ein Teil der Bücher auch auf Deutsch erscheint, finde ich wirklich traurig, das ist auch mit ein Grund, warum ich zum größten Teil auf Englisch lese. Aber immerhin: Tamsyn Muirs zweiter Band „Ich bin Harrow“ erscheint am 13. September auch hier in Deutschland.

Ich danke dir ganz herzlich für das Interview und die tollen und ausführlichen Antworten. Es war mir eine große Freude und ich wünsche dir auch weiterhin alles Gute!

2 Kommentare zu „„Mutterschoß“ – ein Interview mit Autorin Elea Brandt“

  1. Wow, vielen Dank für das tolle Interview, ich liebe diese Einblicke in den Schreiballtag und den Literaturmarkt, gerade im Fantasy-Bereich! Und jetzt weiß ich ja, was auf meine Leseliste kommt.
    Liebe Grüße,
    Tala

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