„Marianengraben“ von Jasmin Schreiber

Mit dem Erhalt von Jasmin Schreibers „Marianengraben“ ging für mich ein großer Bloggertraum in Erfüllung: Ich hielt plötzlich eine „Advance Reading Copy“ oder eine „Unkorrigierte Werkstattausgabe“, wie es wohl auf Deutsch heißt, in den Händen. Allein dafür hat sich das Bloggen seit bald einem Jahr schon gelohnt! Aber lohnt sich auch das Lesen des Buches, das am 28.02. als Hardcover in den Buchläden erscheint?

Marianengraben | Autorin: Jasmin Schreiber | Verlag: Eichborn
Erschienen am: 28.02.2020 | Seiten: 254
Werbung: Rezensionsexemplar

Reise zum Mittelpunkt des Meeres

Der Marianengraben ist eine Tiefseerinne, in welcher der tiefste Punkt der Welt liegt, etwa 11.000 Meter unter dem Meeresspiegel. Der Druck dort unten beträgt laut Wikipedia etwa 107 Megapascal, was vermutlich unglaublich viel ist, keine Ahnung. Um das Meer geht es in Schreibers Roman aber nicht, zumindest nicht nur. Im Mittelpunkt von „Marianengraben“ stehen Paula und Helmut. Paula, die den Verlust ihres kleinen Bruders nicht verarbeitet hat und seit zwei Jahren mit schwerer Depression vor sich hin vegetiert. Der Tod ihres Bruders hat sie sinnbildlich in den Marianengraben katapultiert.

„Und jetzt liebe ich dich nur noch gefangen in einer Zwischenwelt aus Präteritum und Konjunktiv und in einer Realität, die vor deinem Tod ein Leben und danach nur noch ein Zustand war.“

S. 8

Helmut ist ein schrulliger alter Mann. Er trauert ebenfalls und vielleicht eint das Gefühl des Verlustes eines geliebten Menschen die beiden so sehr, dass sie beschließen, einen Teil ihres Lebensweges gemeinsam zu gehen. Oder besser gesagt zu fahren, denn die beiden verreisen in Helmuts altem Wohnmobil. Ein Roadtrip also! Und „Marianengraben“ ist das Tagebuch dieser Reise. Grund und Ziel des Ausflugs seien an dieser Stelle nicht verraten, ich möchte ja nicht spoilern.

„Man kann das Leben nicht aufhalten, wissen Sie. Das geht nicht. Und den Tod kann man auch nicht kontrollieren, weil er nun einmal zu diesem bekloppten Ritt namens Leben gehört.“

S. 186

Achterbahn der Gefühle

Jasmin Schreibers Schreibstil hat mir beim Lesen außerordentlich gut gefallen. Sie schreibt behutsam von Verlust, Tod, Angst, Depression, Selbstzweifeln. Mit Vorsicht und Sorgfalt geht sie die Themen an. Nicht überrumpelnd, nie unaufrichtig. Vermutlich gegriffen aus dem Erfahrungsschatz des eigenen Lebens. Ihre Metaphern und Vergleiche veranschaulichen Paulas Gefühlswelt auf eindrückliche Weise.

„Trauer ist seltsam, dachte ich. Ich fühlte mich wie ein alter Rechner, der sich dauernd ohne offensichtlichen Grund aufhing und nur noch Fehlermeldungen auswarf, die alle aber keinen Inhalt hatten.“

S. 76

Immer wieder werden die teils tieftraurigen Passagen aufgelockert mit Humor, der aber nie mit dem Dampfhammer geschwungen wird. So musste ich beim Lesen manches mal grinsen, während mir an anderer Stelle die Augen feucht wurden. Nicht ohne Grund habe ich mir beim Lesen so viele Stellen markiert (siehe Bild). Eine schöne Idee fand ich auch die Kapitelüberschriften. Diese sind Höhenangaben und beziehen sich darauf, wie tief Paula in „ihrem Marianengraben“ festsitzt und wie sie langsam aber stetig den Weg zurück zur Oberfläche findet.

„Marianengraben“ war für mich ein zutiefst ehrliches Buch und gleichzeitig eine einfühlsame Geschichte über Trauer und Depression und Hilfe, die manchmal von unerwarteter Seite kommt. Von mir gibt es dafür ganz klar fünf von fünf Lesezeichen und eine ziemliche Leseempfehlung: Leute, kauft dieses Buch und lest es! Ihr werdet es nicht bereuen!

Bewertung: 5 von 5 Lesezeichen

Der Song zum Buch

3 Kommentare zu „„Marianengraben“ von Jasmin Schreiber“

  1. Huhu Nico!
    Von diesem Buch hab ich im Vorfeld auch schon so einiges gesehen und gehört und bin nun ganz begeistert, wie begeistert du davon bist! Ich finde den Vergleich zwischen dem tiefsten Punkt der Erde und dem tiefsten Punkt des inneren Empfindens als wirklich schön gewählt und werde mir dieses Buch bestimmt ebenfalls zulegen. Ansonsten weiß ich schon jetzt, wem ich es definitiv schenken möchte.

    Liebe Grüße!
    Gabriela

    1. Liebe Gabriela,

      das ist schön zu hören 🙂 es ist ein wunderbares Buch und auch so wertvoll in seiner Art, wie es mit diesen schwierigen Themen umgeht. Ganz ganz toll zu lesen.
      Außerdem weiß ich ja, dass du eine Affinität zum Meer hast xD

      Liebe Grüße,
      Nico

  2. Pingback: "Daisy Jones and The Six" von Taylor Jenkins Reid - Im Buchwinkel

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