„Lotte, träumst du schon wieder?“ Ein Interview mit Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund

In letzter Zeit finden sich viele Interviews hier im Buchwinkel. Es freut mich sehr, dass mein kleiner Buchblog immer interaktiver wird. Heute habe ich die Freude, die Psycholog*innen Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund zu ihrem neuen Buch „Lotte, träumst du schon wieder?“ befragen zu dürfen. Das ist nämlich alles andere als ein „ganz normales Kinderbuch“ . Aber lest selbst…

Lieber Herr Grolimund,
Liebe Frau Rietzler,

schön, dass Sie sich anlässlich der Veröffentlichung Ihres Buches „Lotte, träumst du schon wieder?“ die Zeit für ein Interview nehmen. Stellen Sie sich doch selbst gerne kurz vor.

Wir sind Psychologen und leiten gemeinsam die Akademie für Lerncoaching, ein Beratungs- und Weiterbildungsinstitut in Zürich. Uns ist es ein Anliegen, dass es möglichst vielen Kindern in der Schule und mit dem Lernen gut geht – und den Eltern und Lehrkräften natürlich auch. Dazu halten wir Elternseminare, Fortbildungen für Fachpersonen und produzieren kurze Filme und Bücher.

Unser beider Leidenschaft ist das Schreiben. In jeder freien Minute sitzen wir zusammen im Café, sammeln Ideen, lesen und diskutieren – und tippen zusammen auf einem Laptop. Daraus entstehen Kolumnen für das Schweizer Elternmagazin Fritz + Fränzi, unsere Webseite www.mit-kindern-lernen.ch aber auch Bücher wie „Clever lernen“, „Erfolgreich lernen mit ADHS“, „Geborgen, mutig, frei – wie Kinder zu innerer Stärke finden“.

Ihr neues Buch ist erstmals kein Ratgeber, sondern eine Geschichte für Schulkinder. Dabei geht es um das Hasenmädchen Lotte, die es in der Schule ganz schön schwer hat. Wenn Sie überfordert ist, driftet sie in ihre eigenen Traumwelten ab und träumt stattdessen von großen Piratenabenteuern. Lottes Lehrerin Frau Luchs zeigt wenig Geduld mit ihr. Ich vermute, die Handlung wurde von Ihrem beruflichen Alltag inspiriert?

Wir arbeiten seit Jahren mit Familien, deren Kinder, langsam, verträumt, vergesslich und chaotisch sind. Die Probleme und Sorgen ähneln sich dabei stark: Eltern und Kinder geraten unter Druck, weil das Träumerchen morgens trödelt, obwohl man losmüsste, weil es im Unterricht Vieles nicht mitbekommt und bei der Stillarbeit gedanklich abdriftet, weil die Hausaufgaben Stunden dauern und es – trotz all der Mühen aller Beteiligten – immer wieder schlechte Noten hagelt und das Kind wichtige Materialien und Prüfungstermine vergisst. Bei den Kindern leidet dann oft das Selbstwertgefühl: „Ich bin eh zu blöd! Die anderen sind alle viel besser und schneller als ich!“ Die Eltern spüren, dass der Druck und das Tempo eigentlich zu hoch ist für ihr Kind, haben aber auch Angst, dass es in der Klasse den Anschluss verliert und sein Potenzial nicht ausschöpfen kann. 

Auf der anderen Seite begegnen uns viele Lehrkräfte und Heilpädagogen, die die Probleme des Kindes ebenfalls sehen – seine Konzentrationsprobleme, die Vergesslichkeit, die Langsamkeit – und sich fragen, wie sie dem am besten gerecht werden können. 

All diese Erfahrungen haben wir in unser Buch einfließen lassen. Inzwischen haben uns viele Familien geschrieben, dass sie sich in Lotte und ihren Eltern wiedergefunden haben. Ein Junge meinte sogar, das Buch sei bestimmt verhext oder heimlich von seiner Mama geschrieben worden – wie sonst könnten die Autoren alles so haargenau über seinen Alltag wissen?! Das freut uns natürlich sehr. 

Das Buch richtet sich an verträumte Kinder und ihre Eltern, außerdem an Kinder mit der Diagnose AD(H)S, Lehrpersonen, Psycholog*innen und weitere Fachgruppen. Im Buch werden auf kindgerechte Art und Weise Techniken vermittelt, die Lotte bei der Konzentration helfen: Sie absolviert bei einer weisen alten Wölfin ein „Wolfstraining“. Darüber hinaus stellt Lotte mit ihrer Mama die Hausaufgaben um, baut zum Beispiel mehrere Pausen ein, in denen sie sich bewegt – und vieles mehr. Worauf basieren Ihre Empfehlungen?

Im Vordergrund steht Lottes Geschichte. Wir wünschen uns, dass sie Kinder, Eltern und Lehrkräfte zum Nachdenken und gegenseitigem Austausch anregt. Den Leser/innen werden innerhalb der Geschichte aber auch Tipps und Tricks rund um die Konzentration nähergebracht. Dabei haben wir uns an den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen orientiert. Es gibt Achtsamkeitsübungen, bei denen die Leser/innen mit Lotte lernen, sich voll und ganz auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Sie entdecken Merkstrategien für die Hausaufgaben und das Schulmaterial, die ursprünglich aus der kognitiven Verhaltenstherapie kommen und schließlich beziehen wir eine Fähigkeit mit ein, die bei verträumten Kindern oft stark ausgeprägt ist: ihre Fantasie. 

Apropos Fantasie: Ganz toll finde ich, dass im Buch dem Tagträumen ein großer Wert eingeräumt wird – so es denn zur richtigen Zeit stattfindet. Ist es Ihnen auch ein Anliegen, besonders die Stärken und Ressourcen träumender Kinder bekannter zu machen? Ich glaube, im Schulalltag werden diese Stärken noch viel zu selten gesehen?

Oft haben wir Erwachsenen nur die Perspektive im Kopf, dass das Kind ZU langsam, ZU unkonzentriert, ZU vergesslich ist – um beispielsweise den Anforderungen der Schule gerecht zu werden. Uns ist es ein großes Anliegen, dass verträumte Kinder und ihre Eltern in Lottes Geschichte spüren: die Tagträume, die Kreativität, die Langsamkeit – all das können auch wertvolle Fähigkeiten sein. Die weise Wölfin Sakiba sagt dazu im Buch:

„Was das Träumen anbelangt: du musst den richtigen Moment dafür finden – dann ist es wertvoll.“

Lotte tritt etwas näher an die Wölfin heran und setzt sich im Schneidersitz zu ihr. „Warum wertvoll?“, will sie wissen.

„Viele Wölfe üben den Wolfsblick solange, bis sie das Träumen verlernen. Sie sind immer auf ihre Aufgabe konzentriert, sehen nur, was vor ihren Augen liegt, hören nur, was der Rudelführer ihnen befiehlt und vergessen, wer sie sind. Tagträume zeigen dir, was sein könnte. Sie sind das Tor zu neuen Ideen, zu deinen Wünschen und Gefühlen, sie führen dich zu Lösungen, auf die noch niemand zuvor gekommen ist.“

Mit Lottes Geschichte möchten wir verträumten Kindern zeigen, dass sie nicht „falsch“ sind, sondern dass sie mit ihrer Art gesehen und akzeptiert werden. Gleichzeitig wollen wir ihnen Verständnis entgegenbringen, dass es nicht immer leicht für sie ist – und ihnen hier und da Strategien vermitteln, die ihnen den Alltag ein weniger erleichtern können. 

Dass die Stärken von Kindern im Schulalltag ganz allgemein untergehen, können wir so nicht bestätigen. Heute versuchen viele Lehrkräfte, den positiven Seiten ihrer Schüler/innen bewusst Beachtung zu schenken. Aber auch diese Lehrer/innen befinden sich in einem Spannungsfeld: Auch ihnen sitzt der Lehrplan im Nacken, sie können nur bis zu einem gewissen Grad auf die langsameren Kinder Rücksicht nehmen und sie müssen Noten vergeben -auch schlechte. 

Im Buch kommen viele Tiere vor: Hasen, Bären, Wölfe, Luchse, … Schön illustriert von Marcus Wilke. Wie haben Sie die Tiere ausgewählt?

Am Anfang steht immer die Persönlichkeit. Wir fragen uns: Was zeichnet diese Figur aus? Was begeistert sie, was kann sie gut? Was fällt ihr schwer, was macht ihr Angst? Wie ist ihr Leben bisher verlaufen? Welchen Hürden begegnet sie im Alltag? Gibt es nervige Ticks oder liebevollen Macken? Und schließlich natürlich auch: wie kommt sie äußerlich daher, wie bewegt sie sich? Wie spricht sie?

Wenn diese Charakterisierung steht, überlegen wir uns, welches Tier am besten dazu passt. So ist aus Lottes Freundin, die in unserer Vorstellung gemütlich, ausgeglichen und loyal ist, gerne genießt, eine Leidenschaft fürs Ballett hat, aber mit ihrer Stämmigkeit hadert, die Bärin Frieda geworden. 

Und aus der -zugegebenermaßen übertrieben- strengen Lehrerin, die ihren kontrollierenden Blick über die Klasse schweifen lässt und auch mal mit den Krallen über die Tafel scharrt, um für Ruhe zu sorgen, eine Luchsin. 

Und was würde zu Lottes Freundin, die immer alles perfekt machen möchte, sehr fleißig und strebsam ist, aber es immer wieder mit der Angst zu tun bekommt, besser passen als eine kleine Ente? Ein Federvieh, das nervös mit den Flügeln schlägt und im Kreis herumrennt, wenn es sich Sorgen macht?

Das Buch ist sehr hochwertig und gedruckt auf dickem Papier. Ich persönlich kenne den Verlag Hogrefe nur als Anbieter standardisierter Testverfahren. Welche Herausforderungen gab es bei der Veröffentlichung von „Lotte, träumst du schon wieder“?

Wir haben im Hogrefe Verlag bereits einige unserer Ratgeber für Eltern und Jugendliche veröffentlicht. Was viele nicht wissen: Hogrefe hat neben seiner Testzentrale auch Fachbücher rund um Psychologie, Pädagogik, Medizin und Pflege im Programm und verlegt Fachzeitschriften. Kürzlich wurde zudem eine neue Linie psychologischer Kinderbücher lanciert, die Sachverhalte wie Trennungsängste, Verhaltensauffälligkeiten oder Trauer kindgerecht aufbereiten und erklären.

Dennoch war unser Projekt „Lotte, träumst du schon wieder?“ für uns alle – Autoren wie Verlag – Neuland. Plötzlich war da eine Geschichte, zwar wissenschaftlich fundiert, aber eben eine Geschichte für Kinder: mit vielen Bildern und allem, was dazu gehört. Anders als bei unseren bisherigen Veröffentlichungen mussten wir nun nach einer Lektorin suchen, die sich mit Kinderromanen auskennt, und mussten das Layout ganz neu denken: Statt den üblichen Infokästen, Merksätzen und Abbildungen in einem Ratgeber, sollten nun großflächige Aquarellbilder und der Text wie in einem „richtigen“ Kinderbuch ineinanderfließen. 

Dazu kamen die Unsicherheiten auf unserer Seite: Werden wir dazu in der Lage sein, eine Geschichte zu schreiben, die die Kinder mitreißt und berührt? 

Auf unseren ersten Manuskript-Entwurf gab es von einer unabhängigen Kinderbuchlektorin sehr kritische Rückmeldungen: Sie hätte anstelle der Protagonistin Lotte lieber einen Jungen gesehen, da sich «Kinder lieber mit Jungsfiguren identifizieren würden und diese sich besser verkaufen» – und meinte, dass Bücher mit Tieren sowieso für Grundschulkinder unpassend sind. Dann kam die erste neutrale Testleserin, eine Freundin unserer Verlegerin, die uns ziemlich deutlich zu verstehen gab, dass wir als Sachbuchautoren besser bei dem bleiben, was wir können.

Da mussten wir schwer schlucken und uns gegenseitig wieder aufbauen. Manche Stellen des Manuskripts haben wir dann überarbeitet, andere mutig beibehalten. Stärkend war für uns in dieser Zeit eine Gruppe von rund 60 Testleserfamilien mit verträumten Kindern. Sie gaben uns wertvolle Anregungen zur Geschichte und signalisierten uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Viele Familien schrieben auch wirklich rührende Rückmeldungen zu Lotte: Von ihren Kindern, die fleißig den Wolfsblick übten, um sich in der Schule zu konzentrieren; Die mit Lotte litten, wenn sie mal wieder die Hausaufgaben vergessen hatte, nachsitzen musste oder eine schlechte Note kassierte – und davon erzählten, wie sich das für sie anfühlt. 

Und die Eltern, die uns mitteilten, dass es bei ihnen ganz ähnlich abläuft – die morgendliche Hektik, Hausaufgabenmarathons mit einem trödelnden Kind und Eltern die schimpfen – und dass die Geschichte ihnen dabei geholfen hat, sich besser in ihr Kind einzufühlen und aus ungünstigen Mustern auszubrechen. 

Wo sähen Sie „Lotte, träumst du schon wieder?“ am liebsten? In Schulen, Arztpraxen oder ganz woanders?

Wir fänden es schön, wenn Eltern und Kinder das Buch gemeinsam lesen und über die Geschichte miteinander ins Gespräch kommen. Inzwischen haben uns aber auch viele Nachrichten von Grundschullehrkräften, Heilpädagogen und Erzieher/innen erreicht, die das Buch in der Schule oder der Nachmittagsbetreuung vorlesen und mit den Kindern zusammen „das Wolfstraining“ durchlaufen – das freut uns unheimlich! Einige Psychotherapeuten, Schulpsychologen, Lerncoaches, Ergotherapeuten und Lerntherapeuten nutzen die Geschichte und das Material für ihre Arbeit mit verträumten Klientinnen – auch das ist schön! Und einige Lehrkräfte meinten, sie wünschten sich das Buch an Pädagogischen Hochschulen, um verträumte Schüler/innen zukünftig besser abholen zu können. Auf welchem Weg unsere Lotte auch immer zu den Kindern (und ihren Bezugspersonen) findet – wir hoffen, dass sie sich dadurch verstanden und gestärkt fühlen!

Und zum Abschluss: Was ist ihr nächstes Projekt?

Wir schreiben gerade an einer Fortsetzung mit dem Titel „Lotte, findet uns das Glück?“ Darin spielt ein junger Fuchs die Hauptrolle, dem es schwer fällt, seinen Platz zu finden: Im Fußball verschießt er vor lauter Nervosität die Bälle, in der Klasse wird er von zwei Jungs gehänselt, sein bester Freund entgleitet ihm, sein vielbeschäftigter Vater hat wenig Zeit. Wie es der Zufall will, trifft er irgendwann auf Lotte und ihre Freundinnen. Mit vereinten Kräften machen sie sich auf die Suche nach dem Glück… 

Vielen herzlichen Dank, dass Sie sich Zeit für dieses Interview genommen haben!

Neugierig geworden? Mehr zu Lotte sowie einen Blick ins Buch findet ihr hier auf der Infoseite.

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