„Kamala Harris – Die Biografie“ von Dan Morain

Als Kamala Harris am 20. Januar ihr Amt als Vizepräsidentin der USA antrat, hatte ich das Gefühl, dass die Welt ein klitzekleines Stückchen besser wurde. Ich wünschte, es wäre nicht nennenswert, weil selbstverständlich, aber so weit sind wir (noch) nicht: Sie ist die erste Frau auf diesem Posten und gleichzeitig auch die erste Person of Color und ihre Geschichte hat viel vom Narrativ des American Dream. Autor Dan Morain hat die Gunst der Stunde genutzt und eine brandaktuelle Biografie veröffentlicht, die mit Harris Wahlsieg Ende letzten Jahres schließt.

Kamala Harris – Die Biografie | Autor: Dan Morain | Verlag: Heyne
Veröffentlicht am: 25.01.2021 | Seiten: 384
Werbung: Rezensionsexemplar

Dan Morain war 27 Jahre lang als Redakteur bei der „Los Angeles Times“ und acht Jahre bei der „Sacramento Bee“ tätig. So kreuzten sich seine Wege mit Kamala Harris schon früh, denn Harris begann ihre berufliche Laufbahn im Bezirksstaatsanwaltschaft von Alameda, das ebenfalls im Bundesstaat Kalifornien liegt. Gerade mit den lokalpolitischen Begebenheiten scheint Morain sich gut auszukennen. Er skizziert Harris Laufbahn mitsamt ihren Erfolgen und Rückschlägen von diesem Anwaltsbüro aus hin zur Generalstaatsanwältin von Kalifornien, dann in den Senat und schließlich zu einer Präsidentschaftskandidatur.

How to get away with…

Gerade in der ersten Hälfte der Biografie habe ich immer wieder stärkere „How to get away with murder“-Vibes gespürt. Im Gegensatz zur Serienfigur Annalise Keating arbeitet Kamala Harris zwar als Saatsanwältin und nicht als Strafverteidigerin, aber beide bringen einen Fall vor den Supreme Court und beide setzen sich für die ein, deren Stimmen nicht gehört werden. Ob die Parallelen mehr als nur Zufall sind, konnte ich aber nicht herausfinden. Warum Harris Anwältin geworden ist, begründet sie folgendermaßen:

Ich wusste, dass in unserer Gesellschaft die Menschen, die am häufigsten Opfer krimineller Gewalt werden, meist diejenigen sind, die keine eigene Stimme haben und am verletzlichsten sind.Kamala Harris - die Biografie, S. 50

Quadratisch, faktisch, gut

Die Quellennachweise zum Buch sind lang, immer wieder wird auch aus Harris Autobiografie (erschienen 2019, ab März auch in deutscher Übersetzung erhältlich) zitiert. Trotzdem schafft es Morain nicht, alle Hintergründe aufzudecken. Warum Harris zum Beispiel plötzlich die Entscheidung trifft, ihre Präsidentschaftskandidatur abzubrechen, kann auch er nur mutmaßen.

Generell empfand ich das Buch zusammenhängend geschrieben und auch gut verständlich für Menschen, die nicht in alle Einzelheiten US-Amerikanischer Politik eingeweiht sind. Hin und wieder wird der Schreibstil für meinen Geschmack zu ausladend und verliert sich in unnötigen Details. An einer Stelle erwähnt Morain zum Beispiel, dass eine Rede in vier Sprachen übersetzt wurde. Warum? Welche Sprachen? Das bleibt der Leser*in verborgen.

Die Biografie zeichnet ein Bild von Kamala Harris als manchmal sehr herzliche, gleichzeitig auch politisch eiskalte Frau, die sich nur schwer von etwas abbringen lässt, das sie sich in den Kopf gesetzt hat. Auch wenn sie nicht alle ihre Kämpfe gewinnt, lässt sie selten Zweifel daran, wofür sie kämpft. Wer weiß, wohin sie ihre Wege noch führen werden.

In vielen Dingen bist du vielleicht die Erste, aber sorge dafür, dass du nie die Letzte bist.Kamala Harris - die Biografie, S. 10

Ich kann die Biografie allen empfehlen, die mehr über die faszinierende Vizepräsidentin oder über US-Amerikanische Politik generell erfahren möchten. Von mir gibt es 4,5 von 5 Lesezeichen. Die bald auf Deutsch erscheinende Autobiografie vermittelt vermutlich einen noch persönlicheren, dafür aber auch einseitigeren und weniger einordnenden Blick auf Harris Leben. Vielleicht eine ideale Ergänzung zur Biografie…

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