Fantasy und Science Fiction,  Rezensionen

Joe Abercrombie – A Little Hatred

Am 18. Oktober 2012 erschien „Red Country“, Joe Abercrombies letztes Buch in der „First Law“-Welt (Kurzgeschichtensammlungen zählen nicht). Das ist wichtig, weil es zeigt, wie lange ich auf „A Little Hatred“ gewartet habe. Beinahe sieben Jahre. Beinahe sieben Jahre, in denen ich zwar immer wieder an meine alten Bekannten Logen Neunfinger, Großinquisitor Glokta, Monza und Calder gedacht, aber nichts neues gehört habe. Kein Brief, nichts. Jetzt sind sie alle auf einen Schlag wieder da, mitsamt ihrer Welt voller Grautöne, die niemanden unversehrt aufwachsen lässt und jeden auf die eine oder andere Weise korrumpiert. Hier gibt es kein „Gut gegen Böse“ , höchstens ein „Besser gegen Schlimmer“ . Gott, wie habe ich es vermisst! Aber muss ein Buch, dessen Veröffentlichung mit so vielen Versprechungen und Erwartungen einhergeht, nicht zwangsweise enttäuschen?

A Little Hatred | Autor: Joe Abercrombie | Verlag: Gollancz (UK)
Erschienen am: 17.09.2019 | Seiten: 480

Ein Hoch auf den Fortschritt

Nein! Die klare und eindeutige Antwort lautet hier: Nein. Ich war begeistert, betört, beglückt und zwar von Anfang bis Ende des Buches. Joe Abercrombie (weder verwandt noch verschwägert mit dem Arsch von der Modemarke) war, ist und bleibt einer meiner absoluten Lieblingsautor*innen. Kein Wunder also, dass ich mir das Buch direkt doppelt gekauft habe: Beide signiert, einmal mit rotem Buchschnitt von Goldsboro Books, einmal mit extra Kurzgeschichte von Waterstones.

Der Anfang dieser neuen Trilogie hat mich unheimlich gepackt und hungrig nach mehr hinterlassen. Warum? Nun, da ist zum einen die Welt. „A Little Hatred“ spielt 15 Jahre nach den Ereignissen des letzten Buches „Red Country“ und 28 Jahre nach der ersten Trilogie. Die Welt hat sich weiterentwickelt, die Industrialisierung hat Einzug gehalten und mit ihr unfassbarer Reichtum – und Armut. Die Magie zieht sich zurück, an ihre Stelle treten Geschäftsfrauen und Banken. Ich fand das Szenario ziemlich unverbraucht und wahnsinnig spannend. Es ist rauh, es ist blutig, es fließt Blut, wie von Abercrombie gewohnt. Ein Teil der Handlung spielt in einem Elendsviertel, viele Charaktere sind mittendrin im Klassenkampf.

Alinghan closed his eyes. It was like some story of the Fall of Aulcus, chaos and debauchery on the streets. He had always thought of civilisation as a machine, cast from rigid iron, everything riveted in its proper place. Now he saw it was a fabric gauzy as a bride’s veil. A tissue everyone agrees to leave in place, but one that can be ripped away in an instant. And hell lurks just beneath.

Ganz viel Charakterliebe

Sagte ich gerade „Charaktere“? Ach ja, die Charaktere. Und was für Charaktere das sind! In einem Interview mit dem Guardian spricht Joe Abercrombie offen darüber, dass seine früheren Werke doch recht männerdominiert waren. Man müsse aber nur zehn Sekunden nachdenken, schon könne man die Welt viel diverser bevölkern und viel mehr wichtige Figuren auch weiblich machen. Eine richtig gute und wichtige Einstellung! Es ist wohl, nicht nur von den Charakteren her, sondern auch von den politischen Ansichten, die immer wieder durch die Handlung transportiert werden, ein wahrhaft feministisches Fantasy-Buch. Meine drei liebsten Figuren in „A Little Hatred“ waren:

Rikke

Rikke ist die Tochter des Hundsmanns, eines großen Kriegsherrn im Norden. Sie ist gesegnet – oder verflucht, das kommt auf den Standpunkt an – mit der Gabe des „Langen Auges“. Sie sieht Visionen der Zukunft, leider sind diese nicht immer so klar und leider verliert Rikke während der Visionen vollkommen die Kontrolle über ihren Enddarm, was ihr einen leicht zweifelhaften Ruf eingebracht hat. Als junge Frau muss sie mit den Herausforderungen des Erwachsenwerdens fertig werden inmitten einer vom Krieg verwüsteten Welt. Sie ringt darum, einen Platz für sich im Leben zu finden und gleichzeitig die, die ihr am nächsten stehen, zu beschützen.

Rikke had never been able to understand why you’d care a shit who someone you’d never even met lay with. How few problems do you need to have before you count that among ‚em?

Savine dan Glokta

Auch Savine hat einen berühmten Vater. Sand dan Glokta ist Großinquisitor des Königs und vermutlich der meistgefürchtete Mann des Reiches. Zuhause in den erlesensten Zirkeln, verbringt sie die Tage als gerissene Investorin, für die Profit über allem anderen steht. Schön, schlau und rücksichtslos wähnt sie sich unbesiegbar. Bis sie mitten in einen blutigen Arbeiteraufstand gerät und plötzlich auf die Hilfe derer angewiesen ist, die sie zuvor so verachtete.

„Women, “ said Savine, shifting in her uncomfortable chair. If a man was struck in the balls during a fencing match, he would be expected to howl and weep and roll around, while his opponent gave him all the time he needed and the crowd murmured their sympathy. If, during days of monthly agonies, a woman once let her smile sour, it would be considered a disgrace.

Kronprinz Orso

Orso ist der Inbegriff eines guten Kronprinzen – zumindest aus dem Blickwinkel derer, die hinter den Kulissen die Strippen ziehen: Er ist faul, egoistisch, träge und ständig auf Drogen. Wenigstens ist er sich seiner vielen Schwächen bewusst und eigentlich, ja eigentlich würde er wahnsinnig gerne wenigstens einmal in seinem Leben etwas wirklich Sinnvolles tun. Wenn das nur nicht mit so wahnsinnig viel Aufwand verbunden wäre…

„I could’ve… I could’ve…“ Orso struggled to find the words. „Stopped this.“ Tunny handed him the cup and gave his shoulder a fatherly pat. „No, you couldn’t.“

Im Laufe der Handlung trifft frau* noch auf viele weitere einzigartige Charaktere, teils alte Bekannte, teils neue Gesichter. Alle haben nachvollziehbare Beweggründe, niemand ist nur böse oder gut. Ich habe mit ihnen allen mitgefiebert.

Spätestens also, wenn das Buch in Deutschland am 13. Januar 2020 unter dem Titel „Zauberklingen“ erscheint, sollte jede*r zugreifen. Die sieben Teile davor sind kein Muss, erleichtern aber das Verständnis der Welt und sorgen für freudige Wiedersehen und Anekdoten. Wenn frau* jetzt anfängt, sind alle Teile locker bis Januar schaffbar. „A Little Hatred“ ist mein Buch des Jahres, noch vor „Herkunft„, dem diesjährigen Buchpreisgewinner. Fünf von fünf Gütesiegeln + Krönchen dafür von mir.

Der Song zum Buch

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Dieser Beitrag wurde in der Linkparty auf MonerlS Bunter Welt gepostet.

2 Kommentare

  • Buchbahnhof

    Guten Morgen,
    ich bin über Monerls LinkParty hierher gekommen und muss sagen: Hut ab, vor deiner Rezension. Das Buch entspricht zwar so gar nicht meinem bevorzugten Genre, aber du schreibst mit so viel Leidenschaft und Herzblut über das Buch, dass ich tatsächlich ein bisschen neugierig darauf geworden bin.
    Ich wünsche dir ein schönes Wochenende
    LG
    Yvonne

  • Nico aus dem Buchwinkel

    Liebe Yvonne,

    es freut mich sehr, dass ich meine Liebe zu dem Buch auch ganz gut nach außen vermitteln konnte. Du kennst es ja sicher: Manche Rezensionen sind Arbeit, andere sind Vergnügen. Manche werden möglichst schnell abgetippt, für andere nimmt frau* sich Zeit und es fließt ganz viel Liebe zum Detail ein. Es freut mich, dass dir das so aufgefallen ist.

    Liebe Grüße,
    Nico

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