Wie entsteht ein Comic beim avant-verlag? Ein Interview mit Gründer Johann Ulrich

Dieser Beitrag ist Teil des Themenmonats #ComicMärz 2021

Lieber Herr Ulrich, zuerst einmal vielen herzlichen Dank, dass Sie sich zu diesem Interview im Rahmen des Themenmonats #ComicMärz bereiterklärt haben. Es ist mir eine besondere Freude, gerade weil der avant-verlag ein sehr politisches Profil hat.

Allgemeines zum Verlag

Laut Ihrer Webseite publiziert der Verlag seit 2001. Mich interessiert natürlich: Wie funktioniert das, einen Comicverlag gründen?

Oh – das ist ja tatsächlich schon zwanzig Jahre her …
Neben den üblichen Formalien die jede Firmengründung betreffen (Gewerbeanmeldung, etc.) ist es nötig sich bei der MVB (Marketing- und Verlagsservice des Buchhandels) anzumelden um in das VLB (Verzeichnis lieferbarer Bücher) aufgenommen zu werden. Sonst existieren die Bücher nicht für den Buchhandel! Dort kauft man auch die ISBN- Nummern etc.
Wenn man länger im Geschäft ist wäre es auch eine Überlegung dem Börsenverein beizutreten um die Standesvertretung der Verlage zu unterstützen und auf deren Know-how evtl. zugreifen zu können. Es gibt aber durchaus gute Ratgeber dazu im Buchhandel oder online! Parallel muss man sich mit Vertrieben einigen und überlegen wie man seine Bücher publik macht! Nur dass ein Buch gedruckt ist verkauft ja kein Buch.
Und wichtig: Man/frau sollte das Wagnis nur eingehen wenn man (anfangs) nicht davon leben muss. Der finanzielle Aufwand im Verlagswesen ist gewaltig und es dauert eine lange Zeit bis die Investitionen zurückkommen – oft genug ist das nie der Fall!
Und noch wichtiger: Man/frau muss dafür brennen – nur wenn eine tiefsitzende Leidenschaft und eine daraus resultierende Zähigkeit vorhanden ist bewältigt man/frau die enorme Kraftanstrengung an Extra-Stunden und steckt unvermeidliche Fehlschläge weg.

Und wie sieht ein typischer Arbeitstag für Sie und Ihre Kolleg*innen im Verlag aus?

Es gibt die alltäglichen Arbeiten wie die Direktbestellungen über die Website zu verschicken. Lektorat, Korrekturen, Ausschreibungen, Druckfreigaben, Anzeigengestaltung, Verträge verhandeln, Lizenzgeschäfte, Autorenkommunikation, Soziale Medien bespielen, mit dem Buchhandel und ggf. Vertretern in Kontakt bleiben, Förderanträge stellen, den Hund streicheln – never a dull moment. 
Und, nicht vergessen, an jedem Buch arbeiten eine Handvoll Leute! Bei einem Buch wie z. B. „Ein Baby auf Abwegen“ von Benjamin Renner (ET März 21) sind das die Übersetzerin, der Lektor, die Grafikerin die die Seiten lettert und die Herstellung der druckfähigen Daten übernimmt, das externe Text-Korrektorat für einen allerletzten Blick mit frischen Augen um letzte Fehler auszumerzen. Also 4 – 5 Leute sind an einem Buch beteiligt – klingt überschaubar, aber man muss bedenken, dass wir ja an ca. 10 Büchern gleichzeitig arbeiten und 20-30 Bücher denken/planen! Dann bekommt man eine Ahnung von der Kommunikation die damit verbunden ist.
Hallo Schülerpraktikanten – was bei uns nicht passiert: Zeichnen! Verlagsarbeit ist in erster Linie ein Bürojob und wir sitzen die meiste Zeit am Computer! Unsere Autoren leben und arbeiten NICHT im Verlag!

Publikationen

Ich habe ja schon die politische Ausrichtung des Verlags erwähnt. Im Vergleich mit anderen Comicverlagen fällt mir direkt die große Anzahl an weiblichen Comicautorinnen bei avant auf. Was sind die Werte des avant-verlags und wofür möchte der Verlag auf dem Comicmarkt stehen?

Liebhaber moderner Grafik und Kunst gleichermaßen zu begeistern! 
Im Lauf der Jahre entstand so ein Programm aus anspruchsvollen Publikationen welche die neueren Tendenzen im internationalen Autorencomic repräsentieren und Heimat für viele deutsche AutorInnen geworden ist. 
Comics historisch betrachtet (wie alle anderen Medien auch) waren im 20. Jahrhundert eine zunächst männerdominierte Kunst. Inhaltlich umso mehr wenn wir nur auf die unzähligen Genre-Arbeiten z. B. der klassischen franko-belgischen Comicschule zurückblicken. Diesen Umstand und auch weil es auf Dauer einfach langweilig ist retardierende Genre-Geschichten zu lesen gilt es endlich zu überwinden und ich habe keinen Zweifel, dass Autorinnen diese Leistung erbringen werden. Wir sind mitten drin in dieser Veränderung. Und Deutschland ist eines der Länder in der diese Entwicklung erfreulicherweise sehr gut ablesbar ist. Von Autorinnenseite UND auch von Leserinnenseite – wir verkaufen tatsächlich mehr Bücher an weibliche Leser! Und das ist ein zukunftsträchtiger Aspekt der deutschen Comic-Szene: Mehr Comics von Frauen für Frauen!
Inhaltlich würde ich sagen, dass wir einen demokratisch-sozialkritischen Standpunkt vertreten. Aktuelle gesellschaftliche Themen interessieren uns und so passt auch ein Sachcomic über Feminismus ganz selbstverständlich in unser Programm. Es offenbart eigentlich die Notwendigkeit (die es nicht sein sollte!), wenn es immer noch besonders erwähnenswert ist, dass es feministische Comics gibt. Sollte eigentlich selbstverständlich sein …

Im Verlagsprogramm finden sich feministische Autorinnen, zum Beispiel Liv Strömquist, gg oder Leila Slimani. Auch antifaschistische Werke erscheinen regelmäßig im avant-verlag, diesen März zum Beispiel „Die Geschichte von Francine R.“ von Boris Golzio. Nach welchen Kriterien wird entschieden, ob ein neuer Comic in das Verlagsprogramm aufgenommen wird?

Ich finde diese Kategorisierung etwas einfach. “Die Geschichte von Francine R.“ ist eine Graphic Novel basierend auf den Erinnerungen der jungen Französin Francine. Diese wird von den deutschen Besatzern verhaftet, inhaftiert und verschleppt um als Zwangsarbeiterin ausgenutzt zu werden. Was ich schätze ist der Ansatz der „Geschichte aus erster Hand“ in der normale Menschen ihre Sicht historischer Ereignisse wiedergeben. Wenn jemand von Aufsehern im KZ gequält wird und durch fehlende Ernährung auf 30 kg abmagert – ist das zunächst einfach eine historische Tatsache und hat per se nichts mit einer Meinung zu tun. 
Genaugenommen ist auch gg’s Buch „Wie Dinge sind“ (Die Rezension zu „Wie Dinge sind“wird nach Erscheinen hier verlinkt) nicht feministisch – Feminismus spielt hier inhaltlich keine Rolle – oder wird  einfach der interne Dialog einer jungen Frau als Feminismus missverstanden? Ist es feministisch wenn die Hauptfigur eine Frau ist? Ich denke: nein.
Diese beiden Bücher passen letztlich gut in unser Programm weil wir das Thema interessant und die Umsetzung gut finden. Und es gab bei beiden Titeln ein zusätzliches Argument: Bei „Francine R.“ arbeiten wir mit der KZ-Gedenkstätte Ravensbrück zusammen (ein Teil der Handlung spielt dort und der Autor Boris Golzio hat sogar für die dt. Ausgabe etliche Details seiner Zeichnungen dem neuesten Stand der Forschung entsprechend überarbeitet!). Und gg’s „Wie Dinge sind“ war eben zudem einer unserer Beiträge zum Buchmesse-Gastland-Auftritt von Kanada 2020 – allerdings ist dieser PR Plan auch Corona zum Opfer gefallen … Zwei weitere Bücher in diesem Gastland-Kontext waren 2020 „Bezimena“ von Nina Bunjevac und „Das lange ungelernte Leben des Roland Gethers“ – beides Meisterwerke!
Die Aufnahmekriterien sind divers, wenn aber mehrere Gründe dafür sprechen erhöht das die Chancen für den Titel ins Programm zu rutschen.

Und welchen Weg geht ein Comic bei Ihnen, von der ersten Idee oder dem ersten Vorschlag bis hin zur finalen Veröffentlichung?

Eine schwere Frage denn dieser Weg ist ganz unterschiedlich. Es gibt Bücher, die wir seit Jahren begleiten und mit den AutorInnen bei der Entwicklung der Geschichte schon beim Entstehen im Austausch sind, es gibt Bücher die wir „quasi“ fertig als Lizenz einkaufen (da geht es dann „nur“ darum wie die optimale Version aussehen könnte – der Anspruch an uns selbst ist, dass die avant-verlag Ausgabe möglichst besser wird als das Original …), es gibt Bücher die wir initiieren und es gibt Bücher die wir in Kooperation mit einer Institution betreuen und die anschließend bei uns erscheinen. Es gibt also sehr verschiedene Ausgangspunkte, die dadurch entsprechend verschiedene Herangehensweisen bedingen.
Nachdem der Comic also (fast) fertig gezeichnet ist, kommt das Lektorat, dann tauchen die Fragen zur Gestaltung, der Herstellung und schließlich der Vermarktung auf (meist aber auch abhängig voneinander und gleichzeitig).

Ich vermute, Sie sind selbst begeisterter Comicleser. Welche sind Ihre absoluten Lieblingscomics und welche möchten Sie unbedingt weiterempfehlen?

Ich habe ein Faible für die großen Klassiker des Mediums: Winsor McCay, Milton Caniff, Roy Crane, Will Eisner, Jack Kirby, Alex Toth, Jean Giraud, José Muñoz, Andrea Pazienza, Osamu Tezuka, Yoshihiro Tatsumi, Hans Hillmann uvm. – das ist für mich die DNA auf dem die 9. Kunst basiert (und offensichtlich alles Männer). Und das ist schon ein großer Teil meiner Wunschbibliothek.
Von den zeitgenössischen AutorInnen Birgit Weyhe, Liv Strömquist, Mikael Ross, Simon Schwartz, Gipi sowie der Humor einer Julia Bernhard (hier wird die Rezension verlinkt, sobald sie veröffentlicht ist), einer Katharina Greve, eines Simon Hanselman oder eines Noah van Scivers.

Aktuelle Situation

Es ist ein leidiges Thema, ich weiß. Trotzdem möchte ich es auch mit Ihnen anschneiden. Seit Beginn der Pandemie hat der Buch- und Comicmarkt mit vielen Einschränkungen zu kämpfen. Läden sind geschlossen, Messen finden nicht oder nur eingeschränkt statt, es ist schwieriger, neue Veröffentlichungen der breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen. Gerade im vergangenen Jahr gab es auch große Ungewissheiten bei Veröffentlichungsterminen. Wie geht es dem avant-verlag in dieser Situation und wie kommt das Verlagsteam zurecht?

Das war ein vergebliches Jahr für PR Arbeit, denn alle Book-Release Partys, Lesungen, Signierstunden, Ausstellungen, Theaterinszenierungen, Buchmessen und am schlimmsten vielleicht der Comic-Salon Erlangen sind aufgrund der Pandemie abgesagt worden … viel Arbeit und Mühe, die da umsonst geleistet wurde … Was blieb waren das Internet, insbesondere die sozialen Medien und natürlich die Presse/Medienarbeit die aufgrund mangelnder Film- und Theaterpremieren, keine Konzerte etc. vielleicht sogar ein klein bisschen leichter war.
Am Anfang des Jahres haben wir den ET von drei Titeln in den Herbst verschoben. Inzwischen ist alles erschienen und wir gehen das Neue Jahr mit einer unveränderten Titelplanung an. Wir machen 24 Titel im Jahr. Und mehr wollen wir auch gar nicht machen. Qualität ist uns wichtiger als Quantität. 
Im Großen und Ganzen hat der Online-Handel natürlich auch im Buchhandel enorm profitiert – aber auch die Gegenbewegung der bewussten KundInnen: direkt bei den Verlagen oder dem lokalen Buchhandel zu bestellen hat zugenommen! Und das hilft uns direkt. Um auf die Frage zurückzukommen – 2020 war insgesamt kein schlimmes Jahr für das Betriebsergebnis. Die im Frühjahr gewährte Corona-Hilfe haben wir daher komplett zurückgezahlt.
Einige Buchhändler konnten die Krise nutzen und haben ein intensiveres Verhältnis zu ihren Kunden entwickelt. Insbesondere im Frühjahr gab es eine Welle an Solidarität. Das war besonders! Nun im aktuellen Lockdown stellen wir fest dass wir alle mehr und mehr ermüden. Das ist privat wie auch in der Firma ähnlich. Man kann eine Krise mit Extra-Engagement eine Zeitlang ausgleichen – aber auf Dauer ist es zu kraftraubend. Lesetipp dazu: „Warum wir müde sind“ von Michael Jordan – eine Graphic Novel, die fast so verstörend ist wie die Realität! 

Was können wir Comicliebhaber*innen tun (außer weiter fleißig Comics kaufen, idealerweise über den lokalen Händler oder beim Verlag direkt), um die Verlage in dieser schwierigen Situation zu unterstützen?

Insbesondere empfehle ich einen Blick in die Backlist der Verlage. Abseits des aktuellen Programms finden sich da unglaubliche Schätze, die leider aus dem Blick geraten sind. Als Verlag sind wir im Buch- und Comichandel immer am Tagesgeschäft, und mit den Neuerscheinungen beschäftigt. Die Arbeit der letzten Jahre, Jahrzehnte wird da leicht übersehen. Hier lohnt sich ein Blick auf wunderbare Bücher, die einfach nur in die zweite Reihe gewandert sind! Inzwischen sind fast 200 Titel im avant-verlag erschienen und man kann in alle online reinlesen!

Herr Ulrich, noch einmal vielen Dank. Ich wünsche Ihnen und dem restlichen Team beim avant-verlag weiterhin alles Gute!

Gerne.

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