„Infidel“ von Pornsak Pichetshote und Aaron Campbell

Infidel (englisch, adj.): ungläubig, gottlos, auch: irrgläubig. Als Substantiv: Ungläubige*r, Gottlose*r.

Gemeinsam mit dem wahnsinnig ausdrucksstarken Cover ergibt sich für die Leser*in bereits ein Eindruck, worum es in diesem Horror-Comic geht: Um Glaube, und um Hass. „Infidel“ ist ein sehr politischer Comic. Ein Kommentar zu der Fremdenfeindlichkeit und dem Rassismus, der überall auf der Welt stattfindet. Es ist ein mutiger Comic, weil er eine Botschaft enthält und es ist eine gute Entscheidung vom Splitter Verlag, ihn in Deutschland zu veröffentlichen.

Infidel | Autor: Pornsak Pichetshote | Zeichner: Aaron Campbell | Colorist: José Villarubia
Übersetzt von: Katrin Aust | Verlag: Splitter | Veröffentlicht am: 01.08.2020 | Seiten: 168
Werbung: Rezensionsexemplar

Rassismus ist Horror

Wenn frau* mich nach meiner Affinität zu Horror- und Gruselgeschichten fragt, würde ich normalerweise laut auflachen. Ich bin ängstlich, gruselige Bilder und Vorstellungen verfolgen mich noch tage- oder wochenlang beim Einschlafen. Um Horror jeder Art mache ich normalerweise einen großen Bogen. Bei gruseligen Szenen in Filmen schließe ich schon mal die Augen oder halte mir ein Kissen vors Gesicht. Ich gebe es gerne zu, ich bin ein Schisser. Trotzdem übte „Infidel“ eine starke Anziehungskraft auf mich aus, vor allem wegen der Thematik.

Die Geschichte ist eine klassische Spukhaus-Story und spielt größtenteils in einem Hochhaus, in dem vor einigen Monaten eine selbstgebaute Bombe explodiert ist und die Bewohner*innen eines ganzen Stockwerks getötet hat. Um die traumatisierte Schwiegermutter zu unterstützen, zieht Aisha mit ihrem Verlobten Tom und dessen Tochter Kris zur Mutter in das Haus. Für Presse, Politik und die übrigen Mieter*innen genügt, dass der Bombenleger arabische Wurzeln hat, um die Tragödie als Terrorismus zu deklarieren und allem Fremden mit noch größerem Misstrauen zu begegnen.

Rassismus bekommt Aisha auch durch ihre Schwiegermutter zu spüren, die ihre Enkelin vor Aishas islamischem Glauben „beschützen“ will. Der Rassismus wird mit der Zeit so greifbar, dass er sich materialisiert und Aisha aktiv umbringen will. Ihre beste Freundin Medina, ebenfalls PoC, begreift Aishas Lage erst spät. Aber sie bleibt loyal und tut alles in ihrer Macht stehende, um das Böse noch aufzuhalten.

Comics sind politisch

„Infidel“ weicht in vielerlei Hinsicht von ausgetretenen Pfaden ab. Die Hauptpersonen sind Women of Color, die keine der üblichen Stereotypien reproduzieren. Gleichzeitig wird offen eine politische Botschaft gegen Rassismus transportiert, die das Publikum womöglich schmälert und die Autoren angreifbar macht. Genau das sind die Gründe, aus denen mir der Comic so gut gefallen hat, obwohl ich eigentlich einen Bogen um Horrorszenarien mache.

Apropos Horror: „Infidel“ ist teilweise wirklich unangenehm und gruselig – obwohl ein Horrorcomic ja mit deutlich reduzierteren Mitteln arbeiten muss, als beispielsweise ein Horrorfilm (kein Ton, schwieriger, Überraschungsmomente einzusetzen etc…). Die Bilder werden also noch eine Zeit lang in meinem Kopf nachhallen, aber im Kontext des gesamten Comics, den ich außerordentlich gelungen finde.

Einen großen Anteil daran haben auch die Zeichnungen von Aaron Campbell, der eine Mischung aus Gouache, Kohle, Buntstift und anderen Materialien. Mit unterschiedlichen Zeichenstilen werden auch die verschiedenen Zeitebenen und Träume kenntlich gemacht. Das alles macht einen sehr gelungenen und stimmigen Eindruck, auch wenn ich mir manche Bilder lieber nicht so genau angesehen habe.

Ein weiterer großer Pluspunkt: Das Bonusmaterial. Im Anhang befindet sich der Weg zum fertigen Cover sowie der Comic-Pitch, mit dem die Geschichte dem Verlag vorgelegt wurde. Und das fand ich absolut interessant, weil es Einblick in das künstlerische Schaffen der Verantwortlichen ermöglicht. Solche Anhänge kann es gerne häufiger geben! Für das rundum gelungene Horror-Politik-Gesamtpaket „Infidel“ vergebe ich deshalb fünf von fünf Lesezeichen!

Der Song zum Comic

5 Kommentare zu „„Infidel“ von Pornsak Pichetshote und Aaron Campbell“

  1. Ich bin mir noch nicht sicher, ob Horror-Comics für mich vergleichbar „schlimm“ sind, wie bewegte Bilder. Die Macher müssen sich auf jeden Fall mehr anstrengen bei der Konzeption, den Jump-Scare beispielsweise so im Panel platzieren, dass er nicht beim Umblättern der Seite vorweggenommen wird bzw. direkt am Seiten erinnert passieren muss. Dafür wirkt ein richtig gutes Schockbild so viel mehr nach, da es nicht nur ein sekündiges Auflackern auf dem Bildschirm ist, sondern einfach permanent stehen bleibt (wenn man’s als Leser drauf anlegt es länger als einige Sekunden zu betrachten). Die Macher von „Infidel“ geben im Bonusmaterial wenn ich mich recht erinnere ja auch ganz nette Einblicke zu dieser Thematik.

    Ich bin mir noch nicht sicher, wie mein Gesamturteil ausfällt. Ich hatte mir ein bisschen mehr erwartet, aber ich muss es noch einmal lesen, vlt überzeugt es mich dann.
    In Sachen Horror-Comics ist „Wytches“ auf jeden Fall auch eine Empfehlung wert. Weniger politisch, aber sehr atmosphärisch.

    1. Hey =)

      Ich stimme dir zu, der Gruselfaktor durch die Musik und die Bewegung ist nochmal ein anderer als der in Horror-Comics. Dafür können die Bilder unter Umständen lange nachwirken.

      Du meinst, du hattest dir mehr erwartet… in welcher Hinsicht dann? Ich habe auch schon die Meinung gehört, der Autor hätte zu viel zu erreichen versucht und der Comic wäre zu vollgepackt. Da gehen wohl wie immer die Meinungen auseinander =)

      Viele Grüße,
      Nico

  2. Hallo Nico,

    ich finde es super toll, dass du zugibst, ein kleiner „Schisser“ zu sein. Ich konnte lange Zeit alle möglichen Horror- und Splatterfilme sehen, ohne dass es mich auch nur ansatzweise gejuckt hat.
    Seitdem ich Mama bin, geht das nicht mehr. Ich hab auch schon gehört, dass es vielen Eltern so geht. Hach, die Kids machen einen wohl weich. 😉

    Ich erinnere mich, dass ich vor einigen Jahren von einem Kollegen, mit türkischen Wurzeln, als „Infidel“ bezeichnet wurde, nachdem wir eine kleine Meinungsverschiedenheit hatten, bei der er am Ende nicht Recht bekommen hat. Er hat sich dafür zwar ein paar Tage später entschuldigt, aber ich weiß, (das hat er auch gesagt) dass er mich damit treffen wollte.

    Nur da ich generell kein religiöser Mensch bin, ich bin weder getauft, noch habe ich sonst etwas mit einer Religion am Hut, hat mich die eigentliche „Beleidigung“ nicht getroffen. Da sie am Ende ja zutrifft. 😉

    Ich glaub, den Comic würde ich mir sogar gerne mal ansehen, auch wenn ich sonst nicht sonderlich für dieses Format zu begeistern bin. Aber aufgrund der Thematik klingt das alles super interessant.

    Danke, dass du mich darauf gestupst hast.

    Liebe Grüße,
    RoXXie

    1. Liebe RoXXie,

      sehr gerne habe ich dich darauf gestupst. Warts nur ab, irgendwann entfacht deine Comicliebe doch noch! Ich habe zwar noch keine Kinder, aber vielleicht bin ich ein Stück weit Kind – und damit Schisser – geblieben. Macht ja auch gar nichts, ist ja vollkommen in Ordnung.

      Sehr interessant, dass dich jemand als „Infidel“ beleidigt hat. Vielleicht trägt der Titel des Comics dann ebenfalls eine beleidigende Konnotation in sich?

      Viele Grüße,
      Nico

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