„Ich bin Gideon“ von Tamsyn Muir

Hand aufs Herz: Wann ist dir zum letzten Mal ein Buch beim Lesen nicht mehr aus dem Kopf gegangen? Wann hast du beim letzten Mal ständig an eine Geschichte gedacht, obwohl du das Buch gar nicht in der Hand hattest? Das war bei mir schon lange nicht mehr der Fall, bis… zu „Ich bin Gideon“ von der neuseeländischen Autorin Tamsyn Muir. Deshalb eine Warnung: Das hier wird weniger eine Rezension, als vielmehr eine Lobeshymne auf meine Favoritin für den Gewinn des diesjährigen HUGO-Awards.

Ich bin Gideon | Autorin: Tamsyn Muir | Übersetzt von: Kirsten Borchardt
Verlag: Heyne | Erschienen am: 13.04.2020 | Seiten: 608
Werbung: Rezensionsexemplar

Bin ich Gideon?

Als Gideon zum ersten Mal versuchte, den Orden des neunten Hauses zu verlassen und auf einen anderen Planeten zu fliegen, war sie vier Jahre alt. Mit 18 hatte sie ganze 86 Versuche unternommen. Mangelnde Willenskraft kann frau* ihr sicher nicht unterstellen. Das einzige andere Kind auf ihrem verfallenden Planeten ist Harrowhark Nonagesimus, Nekromantin, Erbin und zukünftige Herrin des neunten Hauses. Seit ihrer Geburt macht Harrowhark Gideon das Leben zur Hölle, was nur einer von vielen Gründen ist, warum die Waise Gideon unbedingt weg will. Woher ihre Mutter kam und warum Gideon nicht mit all den anderen Kindern des Planeten bei einem Unglück starb, weiß sie selbst nicht.

Als der göttliche Imperator aber die Erb*innen aller neun Häuser zu einem Wettkampf auf Leben und Tod zusammenruft, hat Harrowhark ein Problem: Ihr bisheriger Schwertmeister hat sich davon gemacht und die einzige Person, die ihn ersetzen könnte, ist: Gideon.

Ein Fleisch, ein Ziel

So wird Gideon gezwungen, Harrow als deren Kavalierin zum Planeten des ersten Hauses zu begleiten. „Ein Fleisch, ein Ziel“, so lautet der Schwur, den sich Nekromant*in und Kavalier*in schwören. Aneinander gebunden auf ewig also. Blöd nur, dass der Platz an Harrows Seite genau der Ort ist, an dem Gideon um keinen Preis im Universum sein möchte. Doch sie merkt schnell, dass keine von ihnen allein den kommenden Herausforderungen gewachsen ist.

Nebenbei: Dass Gideon auf Frauen steht, ist im Buch ganz selbstverständlich und bedarf weder einer expliziten Nennung, noch einer Thematisierung. Mehr zum queeren Aspekt von „Ich bin Gideon“ gibt es bei Hannah von queerbuch nachzulesen.

Frischer Wind

Tamsyn Muir benutzt bekannte Themen – Nekromantie, Schwertkampf, untergegangene Zivilisationen, eine Schnitzeljagd, eine Detektivgeschichte – und verbindet diese mit einem Weltraumsetting und futuristischer Technologie zu etwas Neuem und Unverbrauchten. Mittendrin: Zwei junge Frauen, die sich gegenseitig abgrundtief hassen – oder doch nicht? Es war ein wahnsinnig erfrischendes Lesevergnügen und die Geschichte hat mich nicht mehr losgelassen. Ich musste unbedingt weiter lesen.

Dabei beginnt die Handlung von „Ich bin Gideon“ recht gemächlich, baut die Charaktere auf, streut Rätsel über dieses seltsame Universum mit ein, in dem acht Häuser auf acht Planeten einem göttlichen und unsterblichen(?) Imperator dienen und ein neuntes Haus irgendwie aus der Reihe tanzt. Und dann, in der zweiten Hälfte dieses dicken Wälzers (608 Seiten) geht es so wahnsinnig und atemberaubend zur Sache, dass weder die Charaktere noch die Leser*innen zum Durchatmen kommen. Alles gipfelt in einem grandiosen Finale, das Einiges, aber längst nicht alles erklärt. Schließlich ist das Buch der Auftakt zu einer Trilogie. Band zwei, „Harrow the Ninth“ soll im August auf Englisch erscheinen. Ich habe es bereits vorbestellt, denn „Ich bin Gideon“ erhält von mir auf jeden Fall fünf von fünf Lesezeichen! Eine absolute Leseempfehlung für alle, die mit Fantasy und Science Fiction etwas anfangen können.

Bewertung: 5 von 5 Lesezeichen

Zum Abschluss ein für mich besonders eindrückliches Zitat:

„In der verschlossenen Gruft befindet sich der Leichnam eines Mädchens. Man hat sie in Eis gepackt – sie ist tiefgefroren – und ihr ein Schwert auf die Brust gelegt. Ihre Hände umfassen die Klinge. Um ihre Handgelenke sind Ketten geschlungen, die aus ihrem Grab hervorkommen und auf beiden Seiten des Grabes wieder in Löchern verschwinden, und auch ihre Fußgelenke und ihre Kehle sind mit solchen Ketten gesichert…“

Ich bin Gideon, S. 487-488

13 Kommentare zu „„Ich bin Gideon“ von Tamsyn Muir“

  1. Hallo Nico!
    Mensch, bei so einer euphorischen Rede – wie könnte man da abgeneigt sein? Das alles klingt nach sehr viel Spannung und einem interessanten neuen Setting. Vielen Dank für diese anregende Vorstellung!

    Liebe Grüße!
    Gabriela

  2. Hui, wenn das mal kein Wälzer ist, 608 Seiten, die sich aber wohl wirkl lohnen. Mein lieber Nico, du hast mich sowas von abgeholt mit deinen Worten zu dem Buch. SF finde ich immer spannender, dabei hab ich da wirklich lange einen gro Bogen drum gemacht.
    Jetzt die Fragen aller Fragen, direkt besorgen oder warten bis zumindest Band 2 erschienen ist?!
    Danke dir für die grandiose Besprechung.
    Komm gut ins Wochenende, liebe Grüße Kerstin

    1. Liebe Kerstin,

      stimmt, 608 Seiten hören sich nach einem ordentlichen Wälzer an. Ich hab das Buch aber schneller verschlungen als viele andere und kürzere Bücher. Also pass lieber auf, dass das Buch nicht zu Ende ist, bevor du richtig mit Lesen angefangen hast 🙂
      Ich würde sagen, lies es jetzt, denn das Abenteuer ist in sich abgeschlossen. Ein Ausblick auf Band 2 klingt an und macht ungeduldig, das Buch endet aber keinesfalls mit einem Cliffhanger.
      Ich hoffe, das hilft dir bei deiner Entscheidung hilft.

      Ganz liebe Grüße,
      Nico

  3. Hallo Nico,

    gestern habe ich bereits meinen Senf zum Cover auf Instagram abgegeben und auch, dass das Buch im englischen Original auf meiner Wunschliste liegt und mit Sicherheit im Juni einziehen darf.
    Deine Lobesgesang auf dieses Buch hat mir jetzt regelrecht das Lesewasser im Mund zusammen laufen lassen.
    Danke dafür.

    Liebe Grüße,
    RoXXie

    1. Hey Roxxie,

      tatsächlich hast du mich mit deinem Kommentar zum Cover darauf aufmerksam gemacht, dass ich mir ja den zweiten Band auf Englisch gönnen werde und dann keine zueinander passenden Editionen habe. Das kann ich gar nicht haben, um ehrlich zu sein. Ich habe mir also gestern (wegen dir, hihi) das englische Hardcover zusätzlich bestellt. Das Cover sieht schon noch ein wenig gruseliger und genialer aus.

      Liebe Grüße,
      Nico

      1. Ich bin aber auch eine kleine Böse, dass ich dich verleitet habe.
        Aber ich hoffe, du wirst das Buch aber auch noch einmal auf Englisch lesen und nicht einfach nur ins Regal stellen. Oder etwa doch?

        Aber schön, dass ich dich auf das, auch m.E., schönere Originalcover aufmerksam machen durfte.
        Da es bei mir ja erst wieder nächsten Monat ein neues Buch gibt, hab ich aber den zweiten englischen Band bereits vorbestellt. *hihi*

        RoXXie

        1. Liebe Roxxie,

          erstmal werde ich es nur ins Regal stellen xD Ich habe das Buch ja gerade erst gelesen. Vielleicht lese ich es in ein paar Jahren noch einmal, zum Beispiel vor Erscheinen des dritten Bandes, vielleicht nicht. Aber hauptsächlich steht es im Regal xD

          Das Cover von Band 2 sieht übrigens mindestens genauso genial aus, finde ich.

          Liebe Grüße,
          Nico

    1. OOOOOh 🙂
      Das freut mich aber ungemein. Schön, dass ich dich immer wieder auf dem Blug zu Besuch habe und noch schöner, dass ich auf eurem Blog auch immer was zum Nachdenken, Schmunzeln (und auf die Wunschliste setzen) finde.

      Viele liebe Grüße,
      Nico

  4. Fantasy – kann ich ab und zu lesen, mit SF kann ich jedoch überhaupt nichts anfangen. Von daher ist Dein Buch für mich nicht die richtige Lektüre, Deine Rezension macht aber Liebhabern ganz sicher Lust auf das Buch.

    LG Babsi

  5. Pingback: [Rezension] Ich bin Gideon von Tamsyn Muir – queerBUCH

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