„How to be a Woman“ von Caitlin Moran [Gastbeitrag]

Dieser Beitrag erscheint im Rahmen des feministischen September 2020

Über Gastbeiträge von Mitblogger*innen freue ich mich immer sehr, auch zum letztjährigen #femtember gab es zwei. Dieses Jahr erweist mir Yvonne von rezensionsnerdista.de die große Ehre und veröffentlicht hier eine Rezension zu „How to be a Woman“ von Caitlin Moran. Ihren Blog gibt es seit Juni 2020 und sie hat schon über 50 Rezensionen online, die meisten im Bereich Phantastik und Science Fiction mit einem Schwerpunkt auf Kurzgeschichten und Anthologien. Yvonne liest zurzeit circa acht Bücher im Monat, sofern man Hörbücher mit einberechnet und schreibt aus Zeitgründen im Moment nur Kurzgeschichten.

Menstruation. Onanie. Unterwäsche. Armut. Jugendliches Übergewicht. Feminismus. Erste Liebe. Sexismus. Kinderkriegen. Abtreibung. Schönheitsoperationen.

Die Themen werden sehr offen, teilweise explizit, immer mit Respekt und grundsätzlich mit viel Humor behandelt. Beim Lesen und Hören musste ich ständig laut lachen. 

Ich habe das Buch erstmals 2012 gelesen, kurz danach das Hörbuch gehört und anlässlich dieser Rezension 2020 erneut gehört. Heute ist mir aufgefallen, dass Caitlin zwar trotz allen Humors den nötigen Ernst aufbringt, aber wirklich heftige Dinge werden ausgeklammert. Sexuelle Gewalt wird nicht thematisiert, Vergewaltigung kommt nur als beiläufige Vokabel vor. Wer sich mehr Tiefe zu solchen Themen wünscht, muss Jessica Valenti lesen, das ist aber eine heftigere und deutlich weniger witzige Lektüre.

Dennoch hat Caitlins Kapitel zu Sexismus mich seit 2012 sehr geprägt. Sie macht einen Vergleich, den ich hervorragend finde. Sexismus ist wie Meryl Streep. Du schaust einen Film und erst nach einer halben Stunde merkst du: Oh my god that’s Meryl Streep! So gut ist Meryl darin, in unterschiedlichen Rollen aufzugehen, nicht wiederzuerkennen. Ähnlich Sexismus. Auf Deutsch würde man sagen, Sexismus ist wie ein Treppenwitz. Ich merke es oft erst, wenn es zu spät ist zu reagieren. Das ist irre frustrierend. Damit umzugehen, selbst wenn rechtzeitig bemerkt, ist auch nicht einfach und gute Konter fallen mir oft erst Tage später ein. Ihre Faustregel ist einfach: War das höflich? Wenn nicht, war es Sexismus. Wir können es dann aber als unhöflich anprangern, um eine Diskussion über Sexismus zu umgehen.

Caitlins Strategie, mit Sexismus umzugehen, ist vermutlich für die meisten von uns nichts. Das erfordert sehr viel Selbstbewusstsein, ein wenig Dreistigkeit und auch die Möglichkeit, entsprechend zu reagieren. Oft begegnet uns Sexismus in Situationen, in denen wir nicht frei und konsequenzlos agieren können, von Vorgesetzten oder noch Höheren. Ich erfuhr mal eine subtile, aber auch sehr unangenehme Form von Sexismus von jemanden, der über das Schicksal meines damaligen Arbeitgebers mitentscheiden durfte, was nicht nur mich, sondern auch 300 andere Menschen betraf. Zu so jemandem kann ich nicht einfach frech sein, jedenfalls nicht spontan und unüberlegt.

Thema Sexualität: Als Kind des sehr katholischen Emslands habe ich immer noch im Hinterkopf: Sei vorsichtig, sonst halten dich alle für eine Schlampe. Caitlin war nicht vorsichtig. Sie stand auf Sex. Als Feministin natürlich selbstbestimmt. Sie schreibt sehr frei von Onanie, Herumflirten und wildem Herumknutschen mit Arbeitskollegen. Recht früh im Leben findet sie sowieso den Mann fürs Leben, sie heiratet 1999.

Thema Kinderkriegen: 2012 war vor meinen Kindern, die wurden erst 2015 und 2019 geboren. Wie Caitlin ihre erste Schwangerschaft und Geburt beschreibt ist einfach herrlich. Sie war absolut sicher, dass sie das nicht hinkriegen wird und dementsprechend schwierig war dann die Geburt. Die zweite Geburtsstory liest sich in etwa so: Sie lief ein paar Stunden auf dem Flur hin und her, setzte sich dann und bekam das Kind.

Abtreibung ist ebenfalls kein Tabu-Thema für sie. Der Ton des Buchs ist an den meisten Stellen eher leichtfüßig. Hier gibt es durchaus den notwendigen Ernst und auch Trauer, aber eben auch Selbstbestimmtheit. Sie sagt ganz klar: Wer ein Kind hat, ist erst einmal weg vom Fenster. So deutlich habe ich das bisher nirgendwo anders gelesen. Wenn dich jemand fragt: “Wann planst du Kinder?”, möchte er/sie eigentlich wissen “Wann verschwindest du?” Sie schreibt sowohl von den tollen, liebevollen Momenten des Mutterseins, als auch von den anstrengenden und betont auch, wie wenig Zeit plötzlich da ist. 

Beim Hören 2020 für mich deutlich besser nachvollziehbar als damals 2012: Das Gefühl, die Freizeit vor den Kindern geradezu verplempert zu haben und sich zu sehnen nach Zeit. Seltsamerweise die wachsenden Ambitionen, sobald die Kinder da sind, a la: „Was würde ich alles erreichen können, wenn ich nur die Zeit hätte und mich nicht ständig um das Baby kümmern müsste”. So krass war es bei mir erst seit dem zweiten Kind, aber ja, jetzt weiß ich genau was sie meint.

Ihre Einstellung zu Schönheits-OPs und dem Tod ist bewundernswert, ebenfalls zu Übergewicht. 

Dieses Buch behandelt eine sehr breite Themenvielfalt und ist im richtigen Maß autobiografisch. Caitlin kann definitiv über sich selber lachen und ich lache gern dabei mit. Nach der Lektüre dieses Buchs habe ich mir 2015 zwei weitere Bücher der Autorin (How to build a girl & Moranthologie) gekauft. In diesem Monat erscheint übrigens ihr neuestes Werk “More than a woman”.

Über Caitlin Moran

Caitlin ist eine britische Musikjournalistin, Autorin, Feministin und Mutter von zwei Töchtern. Nur drei Jahre älter als ich (sie ist von 1975) sind wir ungefähr eine Generation. Sie hat acht Geschwister und hat sich als Kind und Teenagerin mit ihrer Schwester ein Zimmer geteilt, außerdem doch recht viel auf ihre jüngeren Geschwister aufgepasst. Sie ist ein Riesenfan von Terry Pratchett. Sie schreibt schon seit sie 15 ist (und was sie dann geschrieben hat, wurde auch veröffentlicht). Sie ist seit 21 Jahren verheiratet.

3 Kommentare zu „„How to be a Woman“ von Caitlin Moran [Gastbeitrag]“

  1. Hallo Nico und hallo Yvonne,
    herzlichen Dank für diesen Beitrag! Die Rezension ist sehr aussagekräftig und hat mir große Lust auf das Hörbuch gemacht! Werde gleich mal schauen, wo ich es herbekomme.
    Mir gefällt, dass es in einem guten Maße autobiografisch ist. Es fühlt sich authentischer an, wenn man weiß, dass die Autorin auch einiges erlebt hat, wovon sie erzählt. In Punkto Kinder kann ich das auch bestätigen. Bin auch von ´78 und meine Kids sind von 2014 und 2015. Es ist tatsächlich so, dass du erstmal beruflich weg vom Fenster bist. Es fühlt sich so an, als wäre man als Mutter weniger wert und ein anderer Mensch, weil die Arbeitgeber / Chefs einem nicht mehr das Gleiche zutrauen wie vorher.
    Bin schon sehr gespannt auf all die weiteren Bücher zum #femtember! 🙂
    GlG euch und auch ein schönes Wochenende!
    monerl

    1. Hallo monerl =)

      Schön, dass dir der Beitrag von Yvonne so gut gefallen hat und dass du da auch aus deiner eigenen Situation heraus so viel mit anfangen kannst. Schön, dass du beim #femtember als Leserin mit dabei bist =)

      Liebe Grüße,
      Nico

  2. Pingback: Meine Lesemonat September 2020 | In Retrospect | The Art of Reading

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