Rezensionen,  Romane

„Herkunft“ von Saša Stanišić

Ich habe begonnen das Buch zu lesen, aber das war eine schlechte Idee: „Herkunft“ ist kein Roman zum Lesen, es ist eine Erzählung zum Hören, zum Zuhören. Abends am Lagerfeuer. Oder woanders, egal wo, Hauptsache frau* kann sich von der Außenwelt abschotten und sich ganz der Stimme des Erzählers hingeben. Und was für ein Erzähler das ist: Saša Stanišić, der Autor höchstselbst, leiht dieser – seiner – Geschichte Glaubwürdigkeit und Dramatik, wie es niemand anderes könnte. Immer wieder habe ich mich in und zwischen den Zeilen verloren, ganz im Sog von Stanišićs Stimme.

Buchcover zu "Herkunft" von Sasa Stanisic

Herkunft | Autor: Saša Stanišić | Verlag: Luchterhand
Erschienen am: 18.03.2019 | Seiten: 368
Werbung: Rezensionsexemplar

Wo kommst du her?

Im Gewinnerbuch des diesjährigen Buchpreises geht es um Jugend, Wachstum, Anpassung und natürlich um Herkunft. Dabei wollte Stanišić darüber anfangs gar nicht schreiben:

„Es erschien mir rückständig, geradezu destruktiv, über meine oder unsere Herkunft zu sprechen in einer Zeit, in der Abstammung und Geburtsort wieder als Unterscheidungsmerkmale dienten, Grenzen neu befestigt wurden und sogenannte nationale Interessen auftauchten aus dem trockengelegten Sumpf der Kleinstaaterei. In einer Zeit, als Ausgrenzung programmatisch und wieder wählbar wurde.“

Und doch ließ ihn die Sache wohl nicht mehr los. Auch immer wieder Thema, versteckt in Nebensätzen und doch allgegenwärtig: der Krieg. Wie eine eigene Zeitrechnung teilt der Krieg Stanišićs Kindheit in ein Davor und Danach. Davor: Jugoslawien, Višegrad. Danach: Deutschland, Heidelberg. Dazwischen: Krieg, Flucht. Stanišić kam also nicht umhin, über Herkunft zu schreiben. Aber was meint er damit überhaupt, Herkunft?

„Also doch, Herkunft, wie immer, dachte ich und legte los: Komplexe Frage! Zuerst müsse geklärt werden, worauf das Woher ziele. Auf die geografische Lage des Hügels, auf dem der Kreißsaal sich befand? Auf die Landesgrenzen des Staates zum Zeitpunkt der letzten Wehe? Provenienz der Eltern? Gene, Ahnen, Dialekt? Wie man es dreht, Herkunft bleibt doch ein Konstrukt! Eine Art Kostüm, das man ewig tragen soll, nachdem es einem übergestülpt worden ist. Als solches ein Fluch! Oder, mit etwas Glück, ein Vermögen, das keinem Talent sich verdankt, aber Vorteile und Privilegien schafft.“

Wo willst du hin?

Herkunft als Konstrukt. Stanišić konstruiert sich also seine eigenen Wurzeln. Aus Geschichten über Leben und Sterben, Fliehen und Ankommen. Welche Anekdoten wahr sind und wo der Autor geflunkert hat: unklar, aber auch irrelevant.

Stanišićs Erzählweise ist dabei keine, die direkt von A nach B führt, das gibt er selbst zu, die Abschweifung sei Modus seines Schreibens. Manche Geschichten werden immer wieder ein Stückchen weiter erzählt, andere nicht zu Ende, wieder andere sind vielleicht heute noch nicht vorbei. Manche nur Bruchstücke und kurze Einblicke in das Leben des Autors, andere von scheinbar elementarer Bedeutung für Stanišićs Werdegang. Und doch blieb immer wieder das Gefühl bei mir zurück, dass der bedeutsamste Teil gar nicht explizit versprachlicht wurde, dass dieser Teil vielmehr zwischen den Zeilen, frei zur Interpretation durch den Kopf der Leser*in oder Hörer*in versteckt war.

Ich gebe zu, ich habe geweint. Drei Mal. Vielleicht vor Rührung, vielleicht vor Ergriffenheit, vielleicht aus Scham vor meiner eigenen Ignoranz. Wer weiß das schon. Sich (Vor)urteile zu bilden, ist einfach. Aber diese Vorurteile fordert das Buch heraus. Und wer weiß, vielleicht findet ja durch das Buch noch bei der ein oder anderen ein Umdenken statt. Besonders, was das Thema „Herkunft“ angeht. Für mich ist das Buch jedenfalls ein verdienter Gewinner des deutschen Buchpreises. Fünf von fünf Gütesiegeln von mir.

Zum Abschluss ein Rat von Stanišićs Großmutter:

„Das Zögern hat noch nie eine gute Geschichte erzählt.“

Der Song zum Buch

9 Kommentare

  • monerl

    Hallo Nico,
    endlich komme ich dazu dir hier zu schreiben! Es ist dir gelungen darzustellen, wie komplex dieses Thema ist. Hierbei spielen immer Fakten und Gefühle mit rein, denn Herkunft und Heimat kann man nicht von Gefühlen trennen. Die einen berührt ein Schicksal mehr, die anderen weniger. Ich finde, dem Autor ist es wahrlich gelungen, über seine Herkunft zu schreiben und dabei den Makrokosmos der anderen zu berühren.
    Als ich deine Bewertung sah, war ich kurz geschockt, weil ich nur Gütesiegel entdecken konnte und noch in Erinnerung hatte, dass dein Maximum 10 sind. Doch dann las ich 5 von 5 und war beruhigt. hihi
    Ist glatt an mir vorbeigegangen, dass du dein Bewertungssystem geändert hast.
    Ich wünsche dir ein schönes Wochenende,
    GlG, monerl

    • monerl

      PS.: Gerade erblicke ich auf der rechten Seite, dass du zur Zeit das Hörbuch hörst! Super! Ich fand das Hörbuch wirklich grandios! Der Autor konnte mich mit seiner Stimme und Erzählweise in seine Geschichte mit reinziehen. Ich hoffe, dass es dir ebenso ergehen wird! 🙂 Ich möchte auch noch in das gedruckte Buch reinlesen. Dann hätte ich auch alles ausgeschöpft, was geht.

      • Nico aus dem Buchwinkel

        Liebe Monerl,

        das Hörbuch ist grandios! Ich bin irgendwann darauf umgestiegen, weil die Worte vom Autor direkt noch viel intensiver sind. Und weil es für mich mehr eine Geschichte zum Erzählen statt einer zum Lesen ist.

        Ich habe das Bewertungssystem geändert, weil ich nicht mehr nachkam mit dem Zeichnen immer neuer Bewertungen. Das war zwar spaßig, aber leider ziemlich unökonomisch. Das ging so weit, dass sich Artikel aufgestaut haben, bei denen nur noch die gezeichnete Bewertung fehlte. Deshalb jetzt erstmal Gütesiegel als Platzhalter (bis mir ein persönlicheres Symbol als Bewertung einfällt), die ich für jeden Beitrag verwenden kann.

        Liebe Grüße,
        Nico

  • Yvonne

    Lieber Nico,
    das Zitat der Großmutter ist ja mal richtig schön und vor allem so wahr! Ich glaube auch, dass man Zeit und Ruhe haben sollte, das Buch zu lesen und auf sich wirken zu lassen. Ich möchte es nächstes Jahr probieren und bin schon gespannt.
    Viele Grüße
    Yvonne 🙂

  • RoXXie SiXX

    Hallo Nico,

    Ende Oktober ist dieses Buch auch bei mir eingezogen. Noch bevor es den Buchpreis gewonnen hatte, stand es auf meiner Kaufliste und nun wartet es geduldig auf meinem SuB, bis es gelesen wird.

    Ich bin schon ganz gespannt. Dein Artikel macht wirklich Lust darauf.

    Liebe Grüße
    RoXXie

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.