„Gefolgt von niemandem, dem du folgst“ von Jan Böhmermann

Gibt es einen besseren Tag als den 3. Oktober, den Tag der deutschen Einheit, um eine Rezension zu Jan Böhmermanns neuem Buch „Gefolgt von niemandem, dem du folgst“ zu veröffentlichen? Ich weiß es nicht, aber das Datum passt doch.

Gefolgt von niemandem, dem du folgst | Autor: Jan Böhmermann | Verlag: KiWi
Erschienen am: 10.09.2020 | Seiten: 464
Werbung: Rezensionsexemplar

Momente des Jahrzehnts

Mein Ziel ist der bestmögliche Versuch einer Erzählung des vergangenen Jahrzehnts.Jan Böhmermann, S. 8

„Gefolgt von niemandem, dem du folgst“ ist allein von seiner Struktur her schon ein ungewöhnliches Buch. Es besteht hauptsächlich aus Tweets, einer „repräsentativen Auswahl der insgesamt 25.800 Tweets, Replys und Retweets“ des Autors und/oder der Kunstfigur Böhmermann, um genau zu sein. Beginnend am 16. Januar 2009 und endend vor Beginn der Corona-Pandemie im Februar 2020. Fließtext findet sich nur in den Fußnoten, die einen guten Teil der Randspalten auf den meisten Buchseiten einnehmen und die Tweets in einen Kontext einordnen.

Und tatsächlich wird frau* beim Lesen mit den meisten größeren Ereignissen des vergangenen Jahrzehnts noch einmal konfrontiert. Da wäre zum Beispiel der aberkannte Doktortitel für Guttenberg 2011, der Terroranschlag von Paris 2015 oder die Inhaftierung Deniz Yücels 2017. Zu vielem hat Böhmermann getwittert, mal satirisch, mal ernst, oft eine Mischung aus beidem.

Ich gebe gern zu, ich bin jahrelanger Neo Magazin Royale-Zuschauer und Hörer des fest und flauschig-Podcasts. Seit ich auf Twitter bin, folge ich Böhmermann. Und wie sein gesamtes Schaffen sind auch seine Tweets von unterschiedlicher Qualität. Manches ist genial, manches belanglos, manches (in meinen Augen) geschmacklos. Was nicht bedeutet, dass ich nicht total wichtig finde, wofür Böhmermann einsteht: Für Demokratische Grundwerte und ganz entschieden gegen jede Form von Diktatur und Rechtsextremismus. Dass nicht jedes seiner Worte meinen Nerv trifft – geschenkt.

Bemerkenswert finde ich, dass alle Fußnoten (wenn auch nicht die Tweets selbst) mit Gendersternchen versehen wurden. Da Böhmermann in der Vergangenheit nicht immer mit Fachkenntnis und nötigem Feingefühl über feministische und queere Themen gesprochen hat, ist das auf jeden Fall eine positive Entwicklung.

Wie geht Twitter?

„Gefolgt von niemandem, dem du folgst“ ist aber nicht nur eine Inventur der letzten zehn Jahre, das Buch zeigt auch auf, wie Twitter funktioniert. Reichweite schafft, was provoziert und Reaktionen lassen auf Twitter selten lang auf sich warten. Womit Böhmermann keinesfalls hinterm Berg hält, ist der ganze Hass, der engagierten Personen in sozialen Netzwerken immer wieder entgegenschlägt. Ebenfalls abgedruckt sind jede Menge Antworten auf Böhmermanns Tweets, die von „freundlichen“ Beleidigungen wie „Medienhure“ zu noch weit üblerer Hetze reichen. Böhmermanns Umgang damit: Manchmal eine Entgegnung, meistens ein Eintrag auf der sehr umfangreichen Blockliste, die für den Erhalt der seelischen Gesundheit auf Twitter sicherlich notwendig ist. Das versuche ich im Übrigen genauso zu handhaben.

Interessant ist auch, wer in dem Buch vorkommt – und wer nicht. Ich bin mir sicher, dass sehr viel Überlegung in die Auswahl der Tweets und Diskussionen geflossen ist. An einer Stelle findet sich zum Beispiel Peter Tauber, der Grüße von Böhmermann ausrichtet, an einer anderen stellt Autor Saša Stanišić Vermutungen über eine Verbindung zwischen Böhmermann und Alice Weidel auf. Hier ein Plausch mit Hasnain Kazim und Igor Levit zur Namensgebung von Reichsbürgern, dort ein Späßchen mit Renate Künast über die Überbürokratisierung Deutschlands. Und so häufig wie Ulf Poschardt, Chefredakteur der Welt, im Buch auftaucht, könnte frau* meinen, die beiden wären trotz aller politischer Meinungsverschiedenheiten Freunde.

Zur Lage der Nation

Erstaunlich, wie sich das letzte Jahrzehnt, die öffentliche Stimmung und ganz allgemein die Lage der Nation anhand des Twitter-Feeds einer einzelnen Person rekonstruieren lassen. Erstaunlich, erschreckend und politisierend. Da hat Böhmermanns immer wieder (auch im Buch) vorgebrachte Forderung nach stärkere Regulierung sozialer Medien durchaus seine Berechtigung. In meinen Augen bietet das Buch einen wahnsinnigen Mehrwert, nicht nur für Menschen, die Böhmermann sowieso gut finden, sondern auch für alle, die an den Mechanismen hinter Twitter und an der Macht sozialer Medien interessiert sind. Es gibt klare 5 von 5 Lesezeichen von mir.

Der Song zum Buch

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