„Friedensklingen“ von Joe Abercrombie

„Süßer die Glocken nie kliiiiiingen…“, wird sich wohl das Team hinter der deutschen Übersetzung von „The Trouble With Peace“ von Joe Abercrombie gedacht haben. Auf Deutsch halt: Irgendwas mit -klingen, Nummer 5000. Dieses Mal hat „Friedensklingen“ das Rennen gemacht. Wohoo! Aber lassen wir das, ich habe mich bei ersten Band dieser Trilogie, „Zauberklingen“ schon über die Übersetzung geärgert. Immerhin passt das Cover besser und der Titel hat dieses Mal entfernt etwas mit dem Inhalt zu tun. Der Inhalt ist übrigens – nur damit das von Anfang an klar ist – über alle Zweifel erhaben. Abercrombie gehört weiterhin zu meinen absoluten Lieblingsautor*innen und liefert wieder ganz großes Kino ab. Kein Wunder, dass das Buch drei Mal den Weg in meine Regale gefunden hat.

Friedensklingen | Autor: Joe Abercrombie | Übersetzt von: Kirsten Borchardt
Verlag: Heyne | Erschienen am: 08.03.21 | Seiten: 848
Werbung: Rezensionsexemplar

Alles neu macht Buch zwei

CN: Explizite Gewalt, Folter, Hinrichtungen, Fremdenhass, Sex

„Friedensklingen“ ist der zweite Band der Trilogie, die mit „Zauberklingen“ gestartet ist. Band 3, „Silberklingen„, soll im November veröffentlicht werden. Es kommen aber Charaktere vor, die (bzw. deren Eltern) bereits in anderen Büchern von Joe Abercrombie eine Rolle spielten. Ich denke, die Bücher sind ohne Vorwissen lesbar, allerdings fehlt es dann an Hintergrundwissen und manche Handlungsstränge ergeben mehr Sinn, wenn die anderen Bücher aus der „Klingen-Saga„, wie es auf Deutsch heißt, ebenfalls bekannt sind.

Diese Rezension soll möglichst spoilerfrei bleiben, weshalb ich zum Inhalt nur so viel verraten möchte: Die Industrialisierung, die bereits in Band Eins Einzug hielt, schreitet unaufhaltsam weiter voran. Einige wenige profitieren davon, viele werden von den Rädern des Kapitalismus gnadenlos überfahren. Aber nicht nur die Welt entwickelt sich, auch die Entwicklung der Figuren schreiten in hohem Tempo voran.

Savine dan Glokta, Tochter des Erzinquisitors und knallharte Unternehmerin, tut sich mit dem „jungen Löwen“ Leo dan Brock zusammen. Ihr brennender Ehrgeiz und sein Wagemut ergeben eine gefährliche Mischung für die gesamte Union. Die Visionen von Häuptlingstochter Rikke aus dem Norden zwingen sie dazu, sich der Verantwortung für ihren Clan zu stellen. Nun muss sie herausfinden, wie dehnbar ihre alten Loyalitäten sind. Auch Kronprinz Orso findet sich unversehens in einer Machtposition wieder und handelt um ein Vielfaches kompetenter als erwartet.

Ihre Gläser schlugen mit einem freundlichen Klingen aneinander, und Orso dachte daran, wie gern er seins in Ischers Gesicht gerammt hätte, um ihn dann die zersplitterten Reste in den Schritt zu bohren.
Aber alles zu seiner Zeit.Friedensklingen, S. 237

Von Maschinenstürmern zu Niederbrennern

Die Geschichte um Rikke, Orso und Savine spielt zwar in einer Fantasy-Welt, trotzdem klingt immer wieder Gesellschaftskritik durch, die auf aktuelle Verhältnisse umgemünzt werden kann. Alte weiße Männer, die sich an die ihnen entgleitende Macht klammern und es dabei an Abscheu vor Frauen ganz generell nicht vermissen lassen. Gewissenlose Profiteur*innen, die die Meinung vertreten, der Markt diene den Interessen aller. Protestant*innen gegen tödliche Kinderarbeit und unzumutbare Arbeitsbedingungen, die realisieren, dass friedlicher Protest von den Machtvollen nicht gehört wird und sich zunehmend militarisieren. All das ist ebenso Teil der Geschichte.

Trotzdem ist die Geschichte nicht nur düster. Besonders gut gefallen hat mir die Interaktion von Rikke (sowieso die Beste!) mit ihren beiden Weggefährt*innen Espe und Isern. Auch die fatalistischen Gedanken des alten Nordmanns Klee lockern die Erzählung immer wieder auf.

Außerdem wären da noch Vick dan Teufel, Breit, König Jappo, Scholla, Zuri, … so verdammt viele so verdammt tolle und dreidimensionale Figuren, die mir alle irgendwie ans Herz gewachsen sind und deren Wege ich nur zu gern begleitet habe, auch mehrmals (die englische Fassung habe ich bereits letzten Herbst gelesen). Nun warte ich ungeduldig auf das große Finale und hoffe, dass möglichst viele meiner Lieblinge ein zumindest annehmbares Schicksal ereilt.

Ganz klar, „Friedensklingen“ erhält von mir 5 von 5 Lesezeichen und sei allen ans Herz gelegt, die auch nur im Entferntesten etwas mit Joe Abercrombie anfangen können. Den Menschen, denen der Autor noch nichts sagt, sei Joe Abercrombie im Allgemeinen ans Herz gelegt.

Der Song zum Buch

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