„Frauen und Macht: Ein Manifest“ von Mary Beard

Angepriesen von der Zeit als ein Buch mit der „Sprengkraft einer handtaschentauglichen Kleinwaffe“, kommt „Frauen und Macht: Ein Manifest“ von Mary Beard erst einmal recht schmal daher. Was findet sich auf den 112 Seiten, das nicht bereits gesagt wurde, das feministische Debatten bereichert und dazu auch noch Sprengkraft hat?

Frauen & Macht | Autorin: Mary Beard | Übersetzt von: Ursula Blank-Sangmeister, Janet Schüffel
Verlag: S. Fischer | Veröffentlicht am: 08.03.2018 | Seiten: 112
Werbung: Rezensionsexemplar

Warum schweigen Frauen?

Mary Beard, Frauenrechtlerin, Historikerin und Professorin in Cambridge, hat schon öfter mit (streitbaren) Aussagen auf sich aufmerksam gemacht und genießt einige Berühmtheit. In diesem kleinen Büchlein sind nun zwei Vorlesungen von ihr versammelt, gemeinsam mit beispielhaftem Bildmaterial. Beard widmet sich zentral der Frage: Warum schwiegen Frauen vor #metoo – und tun dies auch immer noch – statt von ihren sexuellen Demütigungen zu erzählen?

Die Antwort liefert sie gleich mit: Weil die Machtlosigkeit und das Schweigen der Frauen eine jahrtausendealte Tradition haben. Antike Beispiele für ihre These findet Mary Beard viele. Zum Beispiel in der „Odyssee“, als Telemachos, der Sohn von Odysseus, seiner Mutter Penelope den Mund verbietet. Oder im antiken Rom, der Zeit der großen Redner. Dass Frauen im Forum die Stimme erhoben – (beinahe) undenkbar. Frauenfeindliche Einstellungen, Annahmen und Vorurteile seien seit damals fest in Kultur, Sprache und Geschichte verankert, was große Auswirkungen auf uns und unsere heutige Gesellschaft habe, so Beard.

Mächtige Frauen

Mary Beard behandelt einige aktuelle Themen, etwas Hasskommentare gegenüber Frauen und kommt schließlich bei Frauen in Machtpositionen an. Natürlich hat sich die Stellung der Frau seit den 70er Jahren verbessert, aber von Gleichberechtigung keine Spur.

„Allerdings ist, so meine grundsätzliche Überzeugung, unser mentales, kulturelles Modell einer mächtigen Persönlichkeit weiterhin eindeutig männlich. Wenn wir die Augen schließen und versuchen, uns das Bild eines Präsidenten oder – um ein Beispiel aus der Wissensgesellschaft zu nehmen – eines Professors vorzustellen, sehen die meisten von uns keine Frau.

„Frauen und Macht: Ein Manifest“, S. 56/57

Die wenigen Frauen in sichtbaren Machtpositionen würden ihre Weiblichkeit verleugnen, um ihre Position zu sichern, lautet eine weitere These. Beispiele dafür findet Mary Beard genug. Die beiden Vorträge sind nachvollziehbar, einleuchtend und mit vielen Thesen stimme ich überein – allein: Das Buch ist kurz. Manchmal hätte ich mir gewünscht, Punkte würden nicht nur angerissen, sondern tiefergehend ausdiskutiert. Und ein wirkliches Mittel für Chancengleichheit findet Beard auch nicht. Missstände aufzeigen, Zusammenhänge bewusst machen und darüber diskutieren, das reicht mir einfach nicht. Allein auf rhetorischem Wege ist Gleichberechtigung in meinen Augen nicht zu erreichen. Dafür bin ich – im Gegensatz zu Mary Beard – nicht optimistisch genug.

„Frauen und Macht: Ein Manifest“ ist interessant zu lesen und sicherlich ein Beitrag mit Mehrwert in der Diskussion um Gleichberechtigung. Allerdings fehlt mir die auf dem Buchrücken angepriesene „Sprengkaft“, ich hatte mir (noch) mehr erhofft. 4 von 5 Lesezeichen von mir.

Bewertung: 4 von 5 Lesezeichen

4 Kommentare zu „„Frauen und Macht: Ein Manifest“ von Mary Beard“

  1. Ich fand ihre Analysen auch klasse und es gab da viel beim Lesen dem ich vollkommen zustimmte, aber mir ging es ähnlich wie dir. Ich hätte mir oft noch etwas mehr gewünscht. Leider war die Lektüre etwas kurz.

    LG
    Elisa

  2. Das klingt nach einem sehr interessanten Buch.
    Ich habe mir auch oft die Frage gestellt, wieso die betroffenen Frauen, abgesehen von der Scham, die sie empfinden könnten (die aber m.E. irrational ist), nicht mit der Sprache rausrücken.

    Cheerio,
    RoXXie

    1. Liebe Roxxie,

      das Buch verfolgt einen historischen Erklärungsansatz für deine Frage, hätte aber in meinen Augen noch tiefer gehen und idealerweise auch mehr Ansätze für eine Überwindung dieser Scham geben können. Ich finde das Buch in der Hinsicht zu optimistisch 🙂

      Liebe Grüße,
      Nico

      1. Hallo Nico,

        selbst der historischen Aspekt würde mich interessieren. Da ich mich nicht in die Frauen hinein versetzen kann, denen diese Grausamkeit angetan wurde, würde ich es doch gerne verstehen wollen.

        Das Buch hat es in jedem Fall auf meine Wunschliste geschafft.

        Schönes Wochenende,
        RoXXie

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