Feminismus

[Feministische Essays #2] „Bad Feminist“

Im Rahmen des feministischen September #femtember habe ich mich mit feministischen Essaybänden beschäftigt. Heute: „Bad Feminist“ von Roxane Gay.

„Ich nehme ganz offen die Bezeichnung bad feminist, schlechte Feministin, für mich in Anspruch. Und zwar deshalb, weil ich ein unvollkommenes menschliches Wesen bin. In feministischer Geschichtsschreibung bin ich nicht besonders bewandert. Ebenso wenig kenne ich alle feministischen Schlüsseltexte so gut, wie ich sie gerne kennen würde. Ich habe gewisse… Interessen und persönliche Eigenschaften und Meinungen, die mit dem feministischen Mainstream vielleicht nicht übereinstimmen, und dennoch bin ich Feministin. Ich kann gar nicht sagen, wie befreiend es gewesen ist, das zu akzeptieren.“

Roxane Gay, S. 7
Das Cover zu "Bad Feminist" von Roxane Gay

Bad Feminist | Autorin: Roxane Gay | Übersetzung: Anne Spielmann
Verlag: btb | Seiten: 416 | Erschienen am: 13.05.2019

Persönlich und gleichzeitig gesellschaftlich relevant

Sehr erfrischend ist, wie offen und kritisch Roxane Gay mit sich selbst umgeht. Ja, sie kritisiert vieles und sie spricht – berechtigterweise – verschiedenste Missstände an, aber sie macht auch nicht vor sich selbst halt. Bereits in der Einleitung bekennt sie sich zu ihrer eigenen Unzulänglichkeit (siehe Zitat oben), ja selbst der Titel des Buches zeigt von einem Bekennen der eigenen Fehlbarkeit. Die Perspektiven und Ansichten von People und besonders Women of Colour sind in den Medien leider sehr unterrepräsentiert. Vielleicht leistet dieses Buch ja zumindest einen kleinen Beitrag für eine diversere Zukunft.

Für mich als mitteljunger weißer Mann, der in höchstem Maße privilegiert ist, war die Lektüre des Buches immer wieder eine Herausforderung. Roxane Gays Erfahrungen weichen in vielerlei Hinsicht stark von meinem Leben ab, umso wichtiger ist es für mich, meinen eigenen Horizont zu erweitern. Auch wenn ich ihr Leben nicht nachempfinden kann, so habe ich doch versucht, ihre Beweggründe und Ansichten so gut es ging nachzuvollziehen.

Essays von unterschiedlicher Qualität

„Bad Feminist“ ist ein Essayband, wie viele der Bücher zum Thema „Feminismus“, die ich bisher gelesen habe. Im Gegensatz zu „The Future is Female“ ist es nur von einer einzelnen Autorin geschrieben. Die Essays von Roxane Gay fand ich – leider – ganz unterschiedlich interessant. Ein Essay über das Fehlen von Race-Aspekten in der Serie „Girls“ von Lena Dunham fand ich zum Beispiel ziemlich gut. Klar strukturiert, deutliche Sprache und sehr interessante Gedanken. In „Jenseits männlicher Maßstäbe“ schreibt sie beeindruckend auf den Punkt über die Unterschiede in der Rezeption von „Männer- und Frauenliteratur“:

„Wann sind Männer zum einzigen Maßstab geworden? Wann haben wir gemeinschaftlich beschlossen, dass Texte von Männern mehr wert sind? Ich nehme an, der Beschluss ging vom „literarischen Establishment“ aus, angesichts der Tatsache, dass Männer seit langem den Kanon dominieren und Bücher von Männern für wertvoll gehalten werden, da sie die meisten angesehenen literarischen Preise und die größere Aufmerksamkeit von Kritikern bekommen.“

Roxane Gay, S. 228

Mit anderen Themen konnte ich weniger anfangen. In „Typisch Anfänger“ erzählt Roxane Gay davon, wie sie bei ihren ersten Scrabble-Turnieren abgeschnitten hat – okay. In einem anderen Essay analysiert sie die Protagonistin aus dem Buch „Green Girl“. Ohne das Buch zu kennen habe ich mich hier auch sprachlich nicht abgeholt gefühlt.

Was ich über das Buch denke

Richtig stark sind die Essays in „Bad Feminist“ immer dann, wenn Roxane Gay explizit persönliche Erfahrungen in ihre Essays einbringt. Traumatische Erfahrungen in Kindheit und Jugend (puh), Erlebnisse von Alltagsrassismus und -sexismus. Schonungslos und ehrlich schreibt Gay hier, auch und vor allem über sich selbst. Ihre Erfahrungen verwebt sie dabei präzise und sprachgewaltig mit gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen, so dass am Ende nicht nur sie, sondern alle Frauen im Mittelpunkt stehen.

Ich habe mich immer wieder herausgefordert gefühlt und war genötigt, meinen eigenen (manchmal doch engstirnigen) Horizont zu erweitern. „Immer wieder“ heißt aber nicht „durchgehend“. Rückblickend hätte ich auch guten Gewissens das ein oder andere Essay überspringen können. Wen das nicht stört, der erhält mit „Bad Feminist“ eine feministische Lektüre, die vor allem den Aspekt „Race“ in den Mittelpunkt stellt, der bei vielen anderen Büchern zum Thema (zwangsweise) zu kurz kommt. Zum Abschluss noch einmal ein Zitat, das mir besonders in Erinnerung geblieben ist:

„Es ist nur Musik. Es sind nur Witze. Es ist nur eine kleine Umarmung. Es sind nur Brüste. Lächle doch mal, du bist schön. Kann man dir nicht mal ein Kompliment machen?
In Wahrheit ist das alles ein Symptom einer viel bösartigeren kulturellen Krankheit: der Annahme, dass Frauen existieren, um die Wünsche von Männern zu befriedigen und dass der Wert einer Frau immer wieder heruntergesetzt oder völlig ignoriert werden darf.“

Roxan Gay, S. 247

Weitere feministische Essays

Weitere Rezensionen

„Ich habe ganz oft beim Lesen mit dem Kopf genickt.“
Tina von Frollein von Kunterbunt

„Wunderbare Texte zwischen Humor und Ernsthaftigkeit.“
Anja von anjasblog

„Zwischendurch habe ich mit einem Abbruch geliebäugelt.“
Mira von mirasbücherwelt

Ganz sicher möchte ich mehr von Roxane Gay lesen.
Feinerbuchstoff

„Ein Buch, das ich nicht mehr missen möchte.“
Janna von kejas-blogbuch

4 Kommentare

  • Janna | KeJas-BlogBuch

    Huhu Nico!

    Wundervoll das du als Mann zu dem Buch gegriffen hast, ich möchte dies anderen Männern nicht absprechen, bekomme so etwas aber äußerst selten bis gar nicht mit. Aber ich feier dich auch für den #femtember! Ich bin ebenso eine schlechte Feministin wie Roxane Gay und ich finde nicht das Feminismus Männer ausgrenzen sollte, sondern wir alle (unabhängig des Geschlechts, der Hautfarbe, der religion und und und) eine Gleichberechtigung aller statt finden muss!

    Mich hatte das Buch direkt gepackt und auch mir die Augen geöffnet! Die Filme mit der Besetzung schwarzer Schauspieler*innen nehme ich ganz anders war, aus meiner weißen Sicht heraus und diesbezüglich war das wirklich ein Aha-Moment für mich.

    Ich finde deine Ehrlichkeit auch wunderbar – gerade solche Einsichten, selbstkritischer Blick, sind selten zu lesen!

    Und hab liebsten Dank fürs Verlinken! Du bist unter meiner Rezension nun auch zu finden (=

    Einen mukkeligen Abend dir!

    • Nico aus dem Buchwinkel

      Liebe Janna,

      vielen herzlichen Dank für deine ermutigenden Worte und die Verlinkung. Ich finde, du kannst das „schlecht“ vor der Feministin weglassen, denn sonst wären wir wohl alle „schlechte“ Feminist*innen. Es gibt immer die Möglichkeit, mehr zu tun, an mehr Demos zu gehen, politisch aktiver zu sein, mehr Primärliteratur zu lesen, öfter den Mund aufzumachen, wenn man im Alltag offensichtlichen Geschlechterungerechtigkeiten begegnet. Also könnten wir alle noch besser sein.
      Aber der Schritt, sich selbst als Feminist*in zu bezeichnen, ist ein sehr wichtiger. Und auch wenn wir alle nicht perfekt sind, braucht es in meinen Augen da keine weitere Attribution. Genauso wenig natürlich wie bei Roxane Gay.

      Liebe Grüße,
      Nico

      • Janna | KeJas-BlogBuch

        Nachdem du bei mir warst, dachte ich, ich komm mal wieder bei dir vorbei – und da fiel mir ein das ich hier ja ein Kommi hinterlassen hatte. leider funktionierte das nicht mit der Benachrichtigung bei Folge-Kommis … 🙁 wusste gar nicht das du geantwortet hast.

        Ich handhabe das wie die Autorin, bad ja – aber gerne! Es gibt Filme, Verhaltensweisen (ich könnte jetzt ellenlang Beispiele schreiben), da ist Handlungsbedarf, dennoch schaue ich es. Ich frage mich auch aktuell was wichtiger ist, die Gleichstellung oder die Handlung jeden einzelnen Menschen in den Feminismus mit einzubeziehen – viele schießen ja bewusst gegen Männer, nehmen wir diesen einen Hashtag #mensaretrash oder wie war der? Bin ich absolut Kein Fan von, aber das darf auf Twitter ja auch nicht gesagt werden, ohne gelyncht zu werden. Nicht alle Männer sind Arschlöcher und unterdrücken Frauen. Weder interessiert mich das Geschlecht, noch die Hautfarbe, Kultur, Religion etc. mich interessiert der Mensch. Mir ist es wichtig das alle ein Mitspracherecht haben, sich auf Augenhöhe begegnen, das Gehälter verknüpft sind mit Berufserfahrungen und ähnlichem.
        Um mal kleine Beispiele zu nennen.

        Und nun hoffe ich mal bei deiner nächsten Antworten eine Mail zu bekommen (=
        Hab einen mukkeligen ABend!

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