Feminismus

[Feministische Essays #1] „The Future is Female!“

Im Zuge des feministischen September #femtember habe ich mich durch eine ganze Menge Essays gelesen. Es scheint, als wäre das Essay eine beliebte Textform bei Feminist*innen. Die Essaybände möchte ich euch in den kommenden Wochen gerne näher vorstellen. Als erstes vorgenommen habe ich mir „The Future is Female!“, das mir im Buchladen verdammt neonpink entgegen leuchtete. Da habe ich mir natürlich die Frage gestellt: Leuchtet das Buch von innen genauso sehr, wie von außen?

The Future is Female! | Herausgegeben von: Scarlett Curtis |
Verlag: Goldmann | Erschienen am: 08.10.2018

Was Frauen über Feminismus denken

Ich zähle insgesamt 60 Beiträge in „The Future is Female!“. Verrückt! Die Beiträge sind von Frauen aus verschiedenen Ländern, unterschiedlichsten Alters und variierender Bekanntheit geschrieben. Genauso divers wie die Autor*innen sind auch Länge und Qualität der Beiträge. Manche fand ich stark, berührend, neuartig, beeindruckend. Mit anderen wiederum konnte ich gar nichts anfangen. Ich schätze, das ist Segen und Fluch so eines Essaybandes.

Nachfolgend will ich euch ein wenig mehr über die für mich besonders interessanten Beiträge erzählen:

Alaa Murabit – Hochstapler-Syndrom

Alaa Murabit wuchs in Canada als sechstes von zehn Kindern auf und wollte schon als kleines Mädchen Ärztin werden. Schließlich sagte ihr zuhause niemand, dass Frauen a) etwas nicht können oder b) in etwas schlechter als Männer sind. Sie wurde schließlich auch Ärztin, gründete eine Frauenrechtsbewegung für Lybische Frauen während der Lybischen Revolution und arbeitet heute auch für die UN.

In ihrer Geschichte erzählt sie eindrucksvoll, wie ihr Selbstvertrauen erschüttert wurde, als sie auf einer ihrer ersten Konferenzen von einer Praktikantin ihres Platzes am Rednerpult verwiesen worden war. „Entschuldigen Sie, aber das ist Dr Murabits Platz, und ich habe gehört, dass er sehr schwierig ist.“ Alaa Murabit war zu perplex, um das Missverständnis klarzustellen und setzte sich stattdessen ganz nach hinten zum Personal. Sie musste später von den (älteren, weißen und männlichen) Kollegen extra aufgefordert werden, zurück an den Rednertisch zu kommen.

„Ich werde immer das kleine Mädchen sein, das in dem Glauben aufwuchs, dass sie es bis zum Mond schaffen könnte, und das in einer Welt, in der immer noch diskutiert wird, ob Mädchen zur Schule gehen und ob Frauen selbst über ihren Körper bestimmen sollten.“

Jameela Jamil – Sagt ihm

Die britische Moderatorin, Journalistin und Schauspielerin berichtet von den Manipulationen, denen Jungs ausgesetzt sind, damit sie sich in ein unterdrückerisches patriarchales System einfügen. Jameela Jamil plädiert dafür, den Jungs die Wahrheit zu erzählen: Die Wahrheit über den Kampf um die Frauenrechte, die Warheit über Alltagssexismus, die Wahrheit über Sex, …
Das Plädoyer hat mich sehr nachdenklich gemacht!

„Erzählt ihm etwas über die Geschichte des Wörtchens „Nein“ und darüber, seit wie kurzer Zeit es erst zu unserem Wortschatz gehört. Sagt ihm, dass es die schlimmste Sünde überhaupt und ein Zeichen allergrößter Schwäche wäre, sollte er jemals versuchen, unsere traditionelle Konditionierung, uns den Launen der Männer zu unterwerfen, auszunutzen.“

Milena Glimbovski – Weil ich ein Mädchen bin

Milena Glimbovski ist Gründerin des Berliner Lebensmittelgeschäfts „Original Unverpackt“ und setzt sich für Müllvermeidung ein. Anhand beispielhafter Szenen aus ihrem Leben beschreibt Milena Glimbovski sehr bildhaft den Alltagssexismus, dem Frauen tagtäglich ausgesetzt sind und der uns gar nicht immer bewusst ist.

„28 Jahre lang habe ich gelernt, freundlich und zurückhaltend zu sein. Die Gesellschaft lehrte mich: Das ist die Rolle einer Frau. Dabei tut es so gut, zu widersprechen. Auch gerne vulgär zu werden. Einfach mal alles rauszulassen. Manchmal braucht es nicht Eier, sondern Eierstöcke, um etwas zu verändern.“

Karla Paul – Ich sehe dich

Karla Paul, hat seit frühester Kindheit mit Büchern zu tun, soweit ich das recherchieren konnte. Sie schreib bereits für verschiedene Literaturredaktionen, arbeitete bei LovelyBooks und ist Literaturlobbyistin, was immer das bedeuten mag. Ihr Text handelt vom Umgang mit dem eigenen Körper, den sie schon zu oft äußeren Zuschreibungen überlassen und klein geredet hat. Nie mehr.

„Nie mehr will ich mich anders ansehen, als mit Liebe und mir Anerkennung zollen für das täglich Geleistete. Für das Atmen und Schlagen, das Gehen und Rennen, das Sprechen und Zuhören, das Verstehen und auch einfach nur das Sein.“

Was ich über das Buch denke

Stellenweise war es ein lehrreiches, stellenweise ein langweiliges Buch. Die Texte sind so unterschiedlich, dass ich das Buch nicht als ganzes bewerten kann und will. Gefallen hat mir auf jeden Fall die Vielfalt der Personen, die zu Wort kamen. Von bekannten US-Schauspielerinnen über einflussreiche Feministinnen bis hin zu (mir) vollkommen unbekannten Frauen kam jede zu Wort. Insgesamt fand ich die Beiträge ein wenig USA-lastig, was vielleicht mit der Herausgeberin zu tun hat, aber es kommen auch viele Frauen aus anderen Teilen der Erde zu Wort.

Für jeden Versuch, Feminismus in seiner Ganzheit zu erfassen, ist das sicher ein tolles und wertvolles Buch. Und alle, die sich noch nicht sicher sind, wofür sie einstehen und sich engagieren können, werden in „The Future is Female!“ eine Vielzahl an Möglichkeiten vorfinden. Wer schon viel weiß, ist vielleicht an der Ein oder anderen Stelle gelangweilt.

Was habe ich persönlich Neues erfahren? Ich habe gelernt, dass mein Feminismus intersektional ist: Für alle, mit allen. Ich bin mir meiner Privilegien bewusst, aber Menschen können wegen ihrer Hautfarbe, Religion, ihrem Körper, ihrer Klassenzugehörigkeit und Sexualität diskriminiert werden (nach Milena Glimbovski). Ich versuche, mir im Alltag dessen bewusst zu sein und gegen alle Diskriminierung aktiv zu werden.

Feminists don‘t wear pink

Ein Grund für das pinke Cover ist wohl der englische Originaltitel: „Feminists Don‘t Wear Pink (and Other Lies)“. Ein weiterer Grund erschließt sich beim Lesen. Gewählt wurde nämlich nicht irgendein Pink, sondern das Baker-Miller-Pink mit dem RGB-Code: R:255, G:145, B:175. Studien haben ergeben, dass diese Farbe aggressives Verhalten dramatisch reduziert und bereits ein zehnminütiger Aufenthalt in einem mit diesem Pink gestrichenen Raum reicht, um labile Personen zu beruhigen und physische und psychische Aggressionen zu senken.

Hier bin ich ambivalent: Klar, der überwiegende männliche Teil der Bevölkerung könnte eine deutliche Aggressionssenkung gut vertragen. Aber diejenigen, die dieses Buch tendenziell eher lesen, die sollen sich doch gerade nicht beruhigen! Das Patriarchat ist trotz vier Wellen des Feminismus nicht gestürzt, Sexismus ist weiterhin alltäglich, die Nazis im Bundestag wollen mühsam erkämpfte Rechte wieder rückgängig machen (ganz wie die Nationalsozialisten damals). Da kann es doch nicht um Beruhigung gehen, sondern um Empörung! Empört euch, empört euch weiter, seid und bleibt wütend und fangt bitte bloß nicht an, euch zu beruhigen!

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5 Kommentare

  • Anja

    Hi Nico,

    ich kann mich deiner Meinung zu dem Buch voll anschließen und bin schon gespannt, welche Essay-Bände du noch vorstellen wirst. Ich habe bis jetzt auch sehr USA-lastige Essay-Bücher gelesen. vielleicht haben sich einfach nur mehr Amerikanerinnen dazu bereit erklärt, einen Beitrag für dieses Buch schreiben zu wollen als andere Menschen.

    (Das Pink vom deutschen Cover ist nicht das Pink, das im Buch beschrieben ist, sondern in der Umschlagsinnenseite. Deine Gedanken dazu sind wunderbar!)

    Viele Grüße
    Anja

    • Nico aus dem Buchwinkel

      Hi Anja,

      Vielen Dank für das tolle Kompliment. Das freut mich sehr 🙂 Und ich habe gerade nachgesehen, du hast tatsächlich recht. Seltsam, dass das Pink nicht auch auf dem Cover ist. Was ist wohl dafür der Grund?
      Beim Lesen ist mir auch aufgefallen, dass recht viele Autor*innen aus den USA kommen. Ich schätze, das liegt an der Herkunft der Herausgeber*in und damit auch an der dortigen besseren Vernetzung. Trotzdem war ich positiv überrascht, dass zumindest versucht wurde, auch bei der Herkunft der Autor*innen auf Vielfalt zu achten.

      Liebe Grüße,
      Nico

      • Anja

        Du hast die Antwort auf die Frage nach dem Grund des Coverpinks denke ich bereits selbst gegeben 😀 Das Neonpink leuchtet mehr und erregt dadurch mehr Aufmerksamkeit. Das Originalcover der englischen Ausgabe ist, soweit ich mich erinnere, wirklich in diesem Beruhigungspink gedruckt worden.

        Das mit der besseren Vernetzung stimmt wahrscheinlich. Ich habe auch schon Rezensionen gelesen, bei denen die Repräsentation der Frauen stark kritisiert wurde, da doch viele weiße cis-Frauen aus der Oberschicht hier zu Wort kommen. Ich habe zu den Autorinnen jedoch selber nicht so viel recherchiert. Vielleicht muss ich das noch nachholen.

        LIebe Grüße
        Anja

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