Ein Interview mit Max vom Splitter-Verlag

Dieser Beitrag ist Teil des Themenmonats #Comicmärz

Wie entsteht ein Comic? Nach welchen Kriterien sucht ein Verlag neue Comics für sein Programm aus? Und wer arbeitet überhaupt in einem Comicverlag? Fragen über Fragen… Zum Glück steht Max Schlegel vom Splitter Verlag mir Rede und Antwort!

Das Splitter-Archiv © Splitter

Hallo Max, wie schön, dass du dich für ein Interview im Rahmen des #ComicMärz zur Verfügung stellst. Ich bin tatsächlich erst durch das Bloggen auf den Verlag aufmerksam geworden, habe seitdem aber schon einige tolle Comics und Graphic Novels von Splitter gelesen. Jetzt bin ich natürlich neugierig, wie die tägliche Arbeit bei euch aussieht.

Zunächst einmal: Max, wie bist du zu Splitter gekommen und wie sieht ein typischer Arbeitstag von dir aus?

Max Schlegel © Splitter

Hallo Nico! Ich bin ziemlich klassisch zum Verlag gekommen, über eine Stellenausschreibung im April 2017. Da ich direkt aus dem Studium kam, habe ich dann ein Jahr lang volontiert und bin im Anschluss fest angestellt worden. Da es in Deutschland gar nicht so viele Comicverlage gibt und diese eher selten offene Stellen haben, hatte ich damals echt Glück! Ich hatte mich aber schon im Literaturwissenschaftsstudium auf Comics spezialisiert und mal ein Praktikum in der Edition Moderne in Zürich gemacht, sodass ich gut reinpasste.

Mein Arbeitstag besteht vor allem aus E-Mails, Telefonaten, Social Media und einer Menge Gesprächen mit meinen Kolleginnen und Kollegen und vor allem meinem Chef Dirk, der unser Verleger ist. Ich bin bei uns für alles irgendwie mitzuständig, was nicht mit der Produktion der Bücher zu tun hat, von Presse über Katalogerstellung bis hin zur Messeplanung und Special Events. Mal ist das sehr viel in kurzer Zeit, mal habe ich auch ruhige Wochen.

Beim Blick in euer Verlagsprogramm sehe ich eine große Bandbreite an Genres, sowohl Fortsetzungstitel, als auch alleinstehende Novels. Ihr habt euch seit 2006 ja ganz schön weiterentwickelt. Laut eurer Webseite gibt es mittlerweile 15 Neuerscheinungen pro Monat. Wonach sucht ihr ein neues Werk für euer Programm aus?

Puh, das ist keine einfache Frage. Die letztliche Entscheidung, was wir bringen und was nicht, liegt bei den Geschäftsführern Dirk und Horst. Oft werden Bücher aber auch mit der ganzen Gruppe besprochen und eingeschätzt, denn wir haben hier sehr unterschiedliche Geschmäcker und Perspektiven. Splitter steht für bestimmte Qualitäten und Schwerpunkte, vor allem im grafischen Bereich. Darum findet man bei uns auch höchstens sehr selten einen schwarz-weißen Comic oder Graphic Novels in simpleren Cartoon-Stilen, obwohl die in Frankreich viel erscheinen. Genremäßig konzentrieren wir uns viel auf Sci-Fi, Fantasy und Western, und natürlich gibt es inzwischen zahlreiche Autoren und Zeichner, die wir pflegen: Jeff Lemire, Alessandro Barbucci, Christophe Bec, Nicolas Jarry und Jean-Luc Istin und viele mehr. Manchmal kommen aber auch spezielle Comics um die Ecke, die uns einfach stark ansprechen und die wir dann ins Programm nehmen, auch wenn sie auf den ersten Blick nicht unbedingt zum Profil passen. „Nennt mich Nathan“ oder „Betty Boob“ waren solche Titel.

Wenn wir schon beim Verlagsprogramm sind: Wie hoch ist der Frauenanteil bei euch im Verlag und im Programm? Schaut ihr darauf, extra auch Autor*innen und Künstler*innen zu unterstützen und Diversität in euer Programm zu bringen?

Im Verlag sind es von 5 festangestellten Mitarbeitern zwei Frauen. Bei den frei arbeitenden Übersetzern ist es ungefähr die Hälfte. Wir streben ein thematisch diverses Programm an, das Geschlecht der Künstlerinnen und Künstler spielt dabei keine wirkliche Rolle. Wir nehmen sehr gerne feministische und anders diverse Titel ins Programm, auch hier könnte man gut „Nennt mich Nathan“ und „Betty Boob“ nennen. In letzter Zeit konnten wir mehrere großartige deutsche Zeichnerinnen verlegen, nämlich Frauke Berger, Claudya Schmidt und Katrin Gal, aber die haben uns einfach künstlerisch überzeugt, und nicht dadurch, dass wir durch sie eine Quote erfüllen können. Das Thema Gleichstellung und gleichberechtige Repräsentation ist auch im Comic-Bereich definitiv wichtig, aber wir denken, dass wir da bisher keinen schlechten Beitrag geleistet haben, ohne es uns extra auf die Fahnen zu schreiben.

Die Splitter-Redaktion ©Splitter

Ich weiß von Büchern, dass da generell auch im Hintergrund eine Menge Leute bis zur finalen Veröffentlichung beteiligt sind. Ich stelle mir vor, dass das im Comicbereich ähnlich ist. Wie verläuft denn der typische Weg eines Comics bei euch von der Idee bis zur Veröffentlichung und wer ist alles daran beteiligt?

Splitter-Mitarbeiter des Monats: Pepe ©Splitter

Die meisten unserer Comics stammen ja aus dem Ausland und erscheinen bei uns als Übersetzung, darum betreuen wir die Projekte gar nicht von der Idee an, sondern kriegen vieles fertig geliefert. Auf verschiedenen Wegen erhalten wir Infos zu neuen Serien von den Originalverlagen, und wenn uns etwas gefällt, machen wir Angebote für die Veröffentlichung hierzulande. Wenn wir den Zuschlag erhalten, nehmen wir den Comic ins Programm und kündigen ihn an, meistens 4 bis 10 Monate im Voraus. Dann geben wir auch schon die Übersetzung in Auftrag. Die erhalten wir etwa 3 Monate vor Erscheinen, und dann erhalten wir auch die Bilddaten vom Originalverlag. Unsere Grafikerin setzt diese dann im Layoutprogramm zu einem Dokument zusammen, das unseren Standards entspricht. Dabei wird zum Beispiel das Impressum ausgetauscht und die Logos usw. Danach wird der Comic gelettert, das heißt die deutschen Texte kommen in die Sprechblasen. Im Anschluss wird er mindestens zweimal Korrektur gelesen, dann druckfertig gemacht und etwa einen Monat vor Erscheinen zur Druckerei und zur Buchbinderei geschickt. Eineinhalb Wochen vor dem offiziellen Termin landen die fertigen Bücher bei unserer Auslieferung, die die komplette Logistik für uns handhabt. Zwischendrin hat unser Hersteller Horst alle gedruckten, noch nicht gebundenen Bögen, die man Fahnen nennt, zur Farbkorrektur erhalten. Die Auslieferung schickt die Bücher dann in den Handel, an Privatkunden und sonstige Abnehmer. Zu dem Zeitpunkt geben wir aber gerade schon die Druckdaten für den nächsten Monat ab und arbeiten aktiv an den Comics für den übernächsten Monat. 😉

Achso, und bei unseren wenigen Eigenproduktionen wie „Radius“, „Myre“ oder „Die Schöne und die Biester“ erhalten wir die Daten natürlich von den Künstlerinnen und Künstlern direkt, und der Übersetzungspart fällt weg. Da ist dann auch etwas mehr Hin-und-Her mit den Macherinnen und Machern der Comics, aber im Großen und Ganzen mischen wir uns wenig ein. Zu den Autoren und Zeichnern im Ausland haben wir übrigens fast gar keinen Kontakt.

Ich persönlich finde auch die technische Seite der Comicproduktion interessant, ich war auch schon bei der örtlichen Zeitung und habe mir deren Entstehung angeschaut. Sind denn Führungen bei euch durch den Verlag generell auch möglich?

Kurze Antwort: Nein 🙂 die Redaktion ist eher klein und auch nicht besonders interessant, da stehen nur ein Haufen Computer herum und es herrscht kreatives Chaos. Die komplette Herstellung und Logistik passiert woanders. In dem Zusammenhang weise ich aber einfach mal komplett eigennützig auf die letzten Seiten des Winterkatalogs hin, wo in einem „Blick hinter die Kulissen“ die Arbeit unserer Auslieferung vorgestellt wird. Den Artikel stellen wir demnächst auch frei ins Netz.

Anmerkung: Mittlerweile sind zwei Beiträge zu „Hinter den Kulissen“ auf der Splitter-Homepage erschienen. Hier geht es zu „Teil 1 – Das Team“ und „Teil 2 – Zu Besuch bei der Verlagsausliederung„.

Der Buchmarkt steht ja gerade vor vielen Herausforderungen: Digitalisierung, Wegfall des Einzelhandels, generelles Lesedesinteresse. Wie hat sich der Comicmarkt seit eurer Gründung 2006 verändert? Und wie, denkst du, wird die Zukunft eures Verlags und der Szene insgesamt aussehen?

Da ich 2006 noch in der Schule war, kann ich diese Frage in den ganz großen Zügen nicht super kompetent beantworten. Als Splitter gegründet wurde, herrschte in unserem Segment, den frankobelgischen Alben, ziemliche Flaute. Das ermöglichte uns ein recht rasantes Wachstum, und wir sind in dem Segment auch immer noch führend. Inzwischen existieren allerdings viel mehr Klein- und Kleinstverlage, deren Verleger das Ganze eher als Hobby machen. Das ist eine gewisse Herausforderung. Im Vergleich zum Buchmarkt allgemein entwickeln sich Comics wie auch Kinder- und Jugendbücher eigentlich erfreulich, sprich, man hat leichtes Wachstum im Gegensatz zu Stagnation. Das liegt vermutlich auch daran, dass die gefürchtete Digitalisierung diese Warengruppen nicht so stark bedrohen, denn sowohl Comicleser als auch Kinder beziehungsweise Eltern lieben das Haptische, Hochwertige. Wenn man sich anschaut wie unfassbar viele neuerscheinende Filme und Serien auf Comics basieren, sehen wir die „Bedrohung“ durch Netflix & Co. Bisher auch vergleichsweise gelassen, denn crossmediales Marketing funktioniert oft ziemlich gut. 

Zum Abschluss: Ihr habt ja eine riesige Bandbreite an Graphic Novels und Comics im Programm. Einige werden sicher auch im Verlauf des #ComicMärz vorgestellt. Aber welche Werke sind deine absoluten Favoriten und was würdest du mir unbedingt ans Herz legen?

Ich versuche mal, das nicht ausufern zu lassen, indem ich nur meine absoluten Top-Favoriten der letzten Monate aufzähle: Definitiv „Der große Indienschwindel“, weil er ein nahezu perfekter Comic ist. Dann „Schwarze Seerosen“, weil ich selten einen so brillanten Krimi gelesen habe. „Die Schöne und die Biester“ ist jetzt ganz neu und unfassbar lustig, außerdem kenne ich die Macher dahinter, und das verschafft natürlich Sympathiepunkte 😉 Und ich finde unsere „Conan“-Reihe ziemlich cool, weil die Autoren und Zeichner wirklich die Crème de la Crème aus Frankreich sind, und ich es spannend finde, wie sie jeweils an die Werke herangehen.

12 Kommentare zu „Ein Interview mit Max vom Splitter-Verlag“

  1. Hallo Nico!
    Ein interessantes und vor allem sehr sympathisches Interview! Auch wenn ich das meiste schon irgendwo in den Tiefen des Internets aufgeschnappt hab, so lernt man doch nie genug über die Comicbranche. Im übrigen finde ich den Pepe ja sensationell 😀

    Liebe Grüße!
    Gabriela

    1. Liebe Gabriela,

      dass frau* dir als alter Comic-Veteranin nur noch wenig Neues erzählen kann, glaube ich sofort 🙂 Ich muss sagen, Max war total freundlich und kooperativ. Es hat Spaß gemacht, das Interview zu organisieren. Und Pepe war einfach bei den von ihm geschickten Bildern mit dabei 🙂

      Liebe Grüße,
      Nico

  2. Lieber Nico,
    ich freue mich, dass es mit dem Interview geklappt hat! Das klingt alles nach einem sehr netten und kollegialen Verlag. 🙂
    Ich habe natürlich auch schon von ihm gehört und den einen oder anderen Comic / GN gelesen.
    „Der große Indienschwindel“ und „Schwarze Seerosen“ sind sogleich auf meiner Einkaufsliste gelandet! Da freue ich mich schon sehr drauf! Danke, für diese tolle Vorstellung des Verlags.
    GlG, monerl

    1. Liebe Monerl,

      ja ich habe sehr gute Erfahrungen mit dem Splitter Verlag gemacht, deshalb habe ich auch dort für ein Interview angefragt (wobei andere Comicverlage sicher auch toll und nett und kollegial sind).

      Den großen Indienschwindel kann ich nur empfehlen, eine tolle Graphic Novel! Ich werde gegen Ende des Monats auch noch einen Beitrag zu der Geschichte veröffentlichen, denn sie hat mich richtig begeistert.

      Ich muss wirklich sagen, ich bin sehr zufrieden mit dem #ComicMärz und der vielen Beteiligung.

      Liebe Grüße,
      Nico

  3. Lieber Nico, lieber Max,

    danke für den Blick hinter die Kulissen und das sehr sympathische Interview! Mir war gar nicht bewusst, wie klein das Team des Verlags ist und umso mehr ziehe ich gerade den imaginären Hut vor dem riesigen Programm, das jedes Jahr erscheint! Tatsächlich ist der Splitter Verlag der Comic-Verlag, aus dessen Haus ich die meisten Titel im Regal stehen habe – was nicht zuletzt an der erwähnten Vielfalt liegt.

    In diesem Sinne: Danke für tolle Lesestunden an den Verlag und danke an dich, Nico, für diesen großartigen Comic-März!

    Liebe Grüße
    Kathrin

    1. Liebe Kathrin,

      bei dir sind sogar die meisten Comictitel im Regal von Splitter? Nicht schlecht! Ich mag an den Splittercomics, dass es häufig abgeschlossene Geschichten sind und nicht wie bei Marvel oder DC riesige Universen hintendran stehen, die viel Hintergrundwissen erfordern. Wobei das natürlich auch seinen Reiz hat.

      Ich glaube, aktuell stehen noch am meisten Comics generell von Neil Gaiman, die aber in verschiedenen Verlagen erschienen sind. Ein paar mehr Splitter-Bände könnte mein Regal aber sicherlich sehr gut vertragen!

      Liebe Grüße,
      Nico

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