„Dragman“ von Steven Appleby

Selten habe ich mich über Überraschungspost so gefreut wie über das Paket vom Schaltzeit Verlag (Danke Filip!), in dem „Dragman“ seinen Weg zu mir fand. Nicht nur, weil es ein interessanter (und hochwertig produzierter) Comic ist, sondern weil er thematisch auch wahnsinnig gut zu diesem meinem Blog hier passt.

Dragman | Bild und Text: Steven Appleby | Übersetzt von: Ruth Keen
Verlag: Schaltzeit Verlag | Erschienen am: 06.05.2021 | Seiten: 336
Werbung: Rezensionsexemplar

Wer bin ich?

CN: Transfeindliche Beleidigungen, Transfeindliche Gewalt, sexuelle Gewalt, Mehrfacher brutaler Mord

Im Mittelpunkt von „Dragman“ steht August Crimp, der Crossdresser ist. Er verspürt den inneren Drang, „Frauenkleider“ (Begriff aus dem Comic) zu tragen. Es ist sogar so, dass August durch das Tragen eines langen Kleides Superkräfte erhält und dadurch zu „Dragman“ wird. Das macht die Identitätsfindung und den Weg zur Selbstakzeptanz nicht unbedingt einfach, wie eine Skizze zu Augusts Selbstfindungsreise auf der Innenseite des Einbands verdeutlicht:

Dragmans Erscheinen löst bei den anderen Superheld*innen längst nicht nur Begeisterung aus. Besonders der Superheld „Fist“ hat ein Problem mit dem „Freak“. Weil er nicht akzeptiert wird, hängt August sein Superheldendasein schweren Herzens wieder an den Nagel. Auch seine Familie weiß nichts von seinem Doppelleben, seine Kleider sind tief in Kisten auf dem Dachboden verstaut.

Dann taucht allerdings eine Figur aus Dragmans Vergangenheit auf und bittet ihn um Hilfe: Jemand ermordet reihenweise Crossdresser und stiehlt deren Seelen (die Seele wurde im Comic nachgewiesen). Nun ist auch ein früherer Freund von August verschwunden. August muss sich entscheiden, ob er alle Aspekte seiner Persönlichkeit anerkennen und akzeptieren kann, oder nicht.

Die Identitätsfindung des Autors

Autor und Zeichner Steven Appleby (benutzt männliche Pronomen)ist ein bekannter britischer Cartoonist, der für mehrere Zeitungen zeichnet. Seit 2007 lebt er als trans Frau und besitzt kein einziges „männliches“ Kleidungsstück mehr. Laut Pressemappe und dem Material am Ende von „Dragman“ ähneln sich Augusts und Applebys Kindheit. Auch Appleby war Crossdresser, was in seiner Kindheit in den 70er Jahren noch deutlich weniger akzeptiert war, als heute. Appleby erzählt von Trauer, Angst und Schuldgefühlen, wenn er sich Kleider anzog. Erst mit dem aufkommenden Internet wurde ihm klar, dass er mit seiner Neigung nicht allein war:

Ich war nicht nur nicht allein, ich war einer von vielen. Wenn ich ein Perverser war, dann befand ich mich in Gesellschaft von unzähligen anderen Perversen.'Dragman' S. 329

Zunehmend erschienen in Applebys Werken auch Transvestiten. Zu Beginn der Nullerjahre war er es dann leid, ein Doppelleben zu führen. Laut eigener Aussage hat er glücklicherweise nie negative Reaktionen auf seine Offenbarungen erlebt. In „Dragman“ sind also durchaus persönliche Erfahrungen von Appleby mit eingeflossen, auch wenn er betont, dass er nicht das Vorbild für August war.

Mein Eindruck

Auf den ersten Seiten heißt es passenderweise „Dragman – ein Roman“. Format, Länge und Erzählweise ähneln tatsächlich eher einem Roman, als einem Comic und haben mich zum Beispiel an die Werke von Tillie Walden erinnert. Es erwartet die Leser*in also keinesfalls seichte Unterhaltung wie bei den üblichen Superheld*innen-Comics, sondern eine tiefgründige und wendungsreiche Geschichte um die Suche nach der eigenen Identität. Dabei sind gerade die Textabschnitte aus der Sicht des Serienkillers auch ziemlich brutal. Ich musste beim Lesen das ein oder andere Mal ziemlich schlucken.

Die Geschichte und die Hauptfiguren von „Dragman“ haben mir überaus gut gefallen. Nicht komplett glücklich wurde ich aber mit dem Zeichenstil, den langgezogenen Figuren und den Tuschezeichnungen. Auch beim Design der Panels (viele Seiten bestehen aus neun säuberlich angeordneten und aufgereihten Bildern) hätte ich mir ein wenig mehr Abwechslung beziehungsweise Einfallsreichtum gewünscht. Aber wie gesagt, der Comic fühlte sich für mich sehr nach einem in Bildern erzählten Roman an. Deshalb gibt es kleine Abzüge in der B-Note und 4,5 von 5 Lesezeichen von mir.

Der Song zum Comic

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Scroll to Top