„Die zehntausend Türen“ von Alix E. Harrow

Selten habe ich so nette Buchpost bekommen wie kürzlich vom Festa Verlag: „Die zehntausend Türen“ von Alix E. Harrow, toll verpackt und inklusive Goodies und sogar Süßigkeiten (nachträglich zu sehen auf meinem Instagram-Kanal). Eine Präsentation, die eines so guten Buches würdig ist! Ich habe die Originalfassung „The Ten Thousand Doors of January“ bereits vor einem halben Jahr gelesen und es ist direkt in mein Highlight-Regal gewandert. Dort steht mittlerweile auch „The Once and Future Witches“ von Harrow und es wird auch Platz für alle zukünftigen Bücher von ihr geben, ihr Schreibstil und die behandelten Themen begeistern mich nämlich auf besondere Art und Weise.

Ich habe mich also sehr auf die deutsche Übersetzung gefreut, war aber auch skeptisch, weil das Buch einige sprachliche Besonderheiten aufweist, die im Englischen zwar gut funktionieren, im Deutschen aber nicht. Doch dazu später mehr…

Die zehntausend Türen | Autorin: Alix E. Harrow | Übersetzt von: Aimée de Bruyn Ouboter
Verlag: Festa | Erschienen am: 15.07.2021 | Seiten: 576
Werbung: Rezensionsexemplar

Schlüssel eingepackt?

CN: Rassismus und rassistische Äußerungen, Misogynie, problematische Eltern-Kind-Beziehungen, selbstverletztendes Verhalten, Folter, Erzwungene Einweisung in eine Psychiatrie, Tierquälerei

Worum gehts? Es ist der Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA und die junge January ist ein besonderes Kuriosum in dem weitläufigen Herrenhaus des Kunstsammlers/Kulturdiebes Mr. Locke. Mit ihrer kupferroten Haut und den hellen Augen wird sie von ihm als „eine Art Zwischenwesen“ bezeichnet. Sie selbst weiß nicht, wozu sie gehört. Als nicht weißes Mädchen in einer extrem weißen und patriarchalen Umgebung hat sie es unheimlich schwer. Im Verlauf der Geschichte wird sie immer wieder mit Rassismus und Frauenhass konfrontiert.

January lebt auf dem Anwesen, weil ihr Vater im Auftrag Mr. Lockes durch die Welt reisen und diesem Kunstschätze beschaffen muss. January beschreibt ihren Gemütszustand selbst so:

Manchmal war ich so einsam, dass ich glaubte, ich müsste zu Asche zerfallen, die sodann vom nächsten Windstoß davongetragen werden würde.Die zehntausend Türen, S. 41

Januarys Lage ändert sich aber grundlegend an ihrem 17. Geburtstag, als sie ein seltsames Buch findet und lernt, dass es Türen und TÜREN gibt. Die einen führen in Gebäude, die anderen in fremde Welten. Die magischen Erzählungen in dem Buch offenbaren mehr und mehr Verbindungen zu Januarys eigenem Leben und so muss sie alles zurücklassen, was sie kennt, um die Wahrheit über sich selbst herauszufinden.

Wortwörtlich magisch

Januarys Geschichte an sich ist schon sehr lesenswert und auch außer ihr steckt „Die zehntausend Türen“ voller interessanter, diverser und sympathischer Figuren, etwas der Krämerjunge Samuel, Januarys geheimnisvolle Beschützerin Jane oder der Mischlingshund „Bad“. Die Handlung lebt in guten Teilen von den Figuren und der Interaktion zwischen ihnen. Actionszenen gibt es zwar, aber der generelle Ton des Buches ist ruhiger, wenngleich nicht weniger spannend.

Obwohl es zwischendurch düster wird und die Themen nicht immer leicht sind (siehe Content Notifications oben), ist der generelle Ton optimistisch und die Geschichte liest sich wie ein Liebesbrief an Vorstellungskraft, Kreativität und das geschriebene Wort, das die Macht hat, Dinge zu verändern. Diese Liebe zu Schrift und Sprache ist dem Buch in vielen Passagen deutlich anzumerken, die blumige Ausdrucksweise entfaltet ihre ganz eigene Magie (neben der Magie der TÜREN und der fremden Welten). In dieser Hinsicht hat mich das Buch auch immer wieder an „Das sternenlose Meer“ von Erin Morgenstern erinnert. Stellenweise wird es für die deutsche Übersetzung aber ganz schön tricky…

Die deutsche Übersetzung

Sorgen habe ich mir schon bei den ersten Sätzen gemacht. Im Englischen geht es nämlich um „doors“ und „Doors“, aber „Türen“ werden im Deutschen halt immer groß geschrieben, und mit „D“ fangen sie auch nicht an. Wie würde die Übersetzer*in damit umgehen? Hier mal der Vergleich:

Englisch

„When I was seven, I found a door. I suspect I should capitalize that word, so you understand I’m not talking about your garden- or common-variety door that leads reliably to a white-tiled kitchen or a bedroom closet.
When I was seven, I fond a Door. There – look how tall and proud the word stands on the page now, the belly of that D like a black archway leading into white nothing.“

Deutsch

„Als ich sieben Jahre alt war, fand ich eine Tür. Aber damit du weißt, dass ich nicht von einer ganz und gar gewöhnlichen Tür spreche – einer, die verlässlich in eine weiß geflieste Küche oder einen Schlafzimmerschrank führt -, sollte ich das Wort vermutlich lieber großschreiben.
Als ich sieben Jahre alt war, fand ich eine TÜR. Da! Siehst du, wie stolz es sich nun von allen anderen abhebt, das T die Angel, an der das ganze Wort zur Seite schwingt und uns einlässt in ein weißes Nichts?“

Im Deutschen werden Kapitälchen (leider hier auf dem Blog nicht darstellbar) genutzt, um zwischen normalen Türen und TÜREN zu unterscheiden. Auch der anschließende Absatz kann sich dann ja nicht um das dickbauchige „D“ drehen, sondern muss von dem „T“ handeln.

Ich muss zugeben, die übersetzte Lösung ist zwar nicht so elegant wie das Original, aber dennoch deutlich besser als befürchtet. Es rettet sich einiges von der sprachlichen Magie auch in die deutsche Übersetzung – keine einfache Leistung und deshalb ein besonderes Lob an die Übersetzerin Aimée de Bruyn Ouboter. Falls ihr könnt, empfehle ich euch die englische Ausgabe, aber auch die Übersetzung kann ich mit 5 von 5 Lesezeichen und einer fetten Leseempfehlung prämieren!

Der Song zum Buch

9 Kommentare zu „„Die zehntausend Türen“ von Alix E. Harrow“

  1. Hi Nico!

    Das Buch hatte ich schon im Auge und ich musste natürlich direkt in deine Rezension reinlesen. Das hört sich wirklich toll an und nach einer faszinierenden magischen Welt – auf mehreren Ebenen.
    Ich bin jedenfalls sehr gespannt. Vielen Dank für die tolle Rezi!

    Liebste Grüße, Aleshanee

    1. Moin!

      Ich hab deine Aktion zum #femtember heute gerne bei meiner Stöberrunde verlinkt!

      Vielleicht finden sich ja noch welche, die mitmachen möchten 🙂 Ich bin jedenfalls schon gespannt auf eure Beiträge!

      Liebste Grüße, Aleshanee

  2. Und wenn ich hier eh schon eine Runde drehe, verweile ich nochmal kurz (=
    Uh wie wundervoll solche Verlagspost <3 Der Titel lief mir am Rande über den Weg, aber du machst mich jetzt wirklich neugierig auf den Inhalt! Das es sprachlich nicht immer leicht ist, eine gelungene und bedeutungserhaltende Übersetzung zu schaffen skizzierst du mit em Beispiel gut und ist natürlich schade, aber wohl leider nicht vermeidbar. Die deutsche Ausgabe behalte ich mal im Hinterkopf (=

    Muckelige Grüße!

    1. Hey Janna,

      immer schön, wenn du vorbeischaust! =) Es gibt sicher viele Bücher, die sich recht gut übersetzen lassen, aber hier hatte ich echt Sorge. Auch die Übersetzung von Gedichten zum Beispiel stelle ich mir sehr fordernd vor. Oder die ganzen Shakespeare-Sachen. Da kommen mir direkt Ideen für ein Interview mit einer Übersetzerin… =)

      Liebe Grüße,
      Nico

  3. Pingback: Rezension | Die zehntausend Türen von Alix E. Harrow – Letterheart

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Scroll to Top