„Die goldene Ananas“ von Dennis Kornblum

Es ist noch nicht allzu lange her, Anfang Februar war es, da flatterte eine Rezensionsanfrage in mein Postfach. Nun sind Rezensionsanfragen häufig eher nervig, weil sie teilweise einfachste Höflichkeitsformeln vergessen und nicht einmal an einen persönlich adressiert sind. Der Höhepunkt war einmal eine Anfrage, bei der die Mailadressen der hundert anderen Blogger*innen, die gleichzeitig angefragt wurden, sogar noch in der Mail zu sehen waren. Diese Nachricht allerdings war anders. Dennis Kornblum schrieb mir eine persönliche, freundliche und unaufdringliche Mail zu seinem Buch „Die goldene Ananas“. Er sagte, er sei selbst vom Asperger-Syndrom betroffen und habe in dem Roman auch autobiografische Erlebnisse verarbeitet. Zu dieser Anfrage habe ich sehr gerne „Ja“ gesagt, zumal da ich hier auf dem Blog auch schon andere Bücher zum Thema „Autismus“ vorgestellt habe.

Die goldene Ananas | Autor: Dennis Kornblum | Verlag: tredition
Erschienen am: 08.12.2020 | Seiten: 580
Werbung: Rezensionsexemplar

Und täglich grüßt das Murmeltier

Hauptfigur Elias ist Autist und lebt seit längerem in Wohnheimen für psychisch Kranke. Arbeiten kann er momentan diagnosebedingt nicht. Sein Tag ist streng getaktet und repetitiv: Aufstehen jeden Tag um 11:12 Uhr, zum Frühstück Haferflocken, dann sechs Stunden Technikübungen auf der Gitarre. Anschließend Musikalben hören (vorzugsweise Death Metal), dabei ein halbstündiges Sportprogramm, zum Abendessen fünf Scheiben Brot, zwei bis drei Filme schauen und gegen drei Uhr nachts ins Bett. Abweichungen von diesem Tagesplan stellen Elias vor große mentale Herausforderungen. Es fällt ihm schwer, sich an Veränderungen anzupassen.

Nun steht Elias allerdings eine ziemlich große Veränderung bevor. Er soll aus dem Wohnheim aus- und in eine eigene Wohnung im Dachgeschoss eines Fünfparteienhauses einziehen. Zwangsweise kommt er nach und nach mit allen anderen Bewohner*innen des Hauses in Kontakt und kann nicht verhindern, dass diese neuen Kontakte Einfluss auf ihn nehmen. Und natürlich beeinflusst er auch das Leben seiner Mitmenschen.

Elias ging langsam zur Tür und öffnete sie. Dann schwenkte sein Blick automatisch nach unten, denn auf Kopfhöhe war nichts zu sehen, und fiel auf die kleine Mara, die ihn mit einer Mischung aus Schüchternheit und Ängstlichkeit anlächelte.
„Hallo, Elias“, sagte sie höflich. Sie trug einen gelben Frottierschlafanzug mit violetten Sternchen darauf und hielt ihren blauen Stoffelefanten im Arm.
„Hallo“, entgegnete Elias verdutzt. „Kann ich reinkommen?“, fragte sie. „Bin allein zu Hause und hab Angst.“Die goldene Ananas, S. 186

Alles zu seiner Zeit

Dennis Kornblum erzählt die Geschichte von Elias in seinem ganz eigenen Stil, sehr ausführlich, sehr beschreibend, was gut zum Blickwinkel des Protagonisten passt. Auch die Geschichte an sich ist interessant und bietet ein autistisch gefärbten Blick auf die Welt. Natürlich folgt an dieser Stelle ein „Aber“. Aber das Buch ist einfach zu lang. Eine deutliche Kürzung und Straffung hätte der Handlung in meinen Augen sehr gut getan. Es gibt zu viele Wiederholungen und manche Beobachtungen sind nicht mehr nur ausführlich, sondern gar langweilig. „Die goldene Ananas“ ist zu sehr Alltagsbericht und zu wenig Verdichtung von Ereignissen.

Ich will nicht jedes Mal aufs Neue wissen, welche Technikübungen Elias nun während seines sechsstündigen Übungszyklus nun absolviert hat. Auch die Anzahl der Wiederholungen beim Krafttraining im Fitnessstudio interessiert mich wenig. Und ich brauche nicht zu jedem Death-Metal-Song, der im Buch vorkommt, so viele Hintergrundinformationen. Und so sind die Längen der große Kritikpunkt, den ich am Buch habe. Gabriela vom buchperlenblog sieht das ähnlich: Sie findet, dass dem Unterhaltungswert des Buches eine deutliche Straffung gutgetan hätte. Und schließlich soll Lesen ja auch unterhaltsam sein. Ida von idasbookshelf sieht das ähnlich, versteht aber auch, dass unter einer Kürzung vielleicht die Authentizität gelitten hätte. Ich stimme da zu, möchte aber beim Lesen trotzdem mehr unterhalten werden. Deshalb erhält „Die goldene Ananas“ von mir drei von fünf Lesezeichen.

15 Kommentare zu „„Die goldene Ananas“ von Dennis Kornblum“

  1. To me, there aren’t enough books on this subject published. It always pains me to read about the misunderstandings of persons with autism and Aspergers. Here in the US, there isn’t much help as in a special home or government services for treatment. Families here depend on community and social networks for help.
    I enjoyed reading your review of a patient from a German perspective.
    Thx, Nico

    1. Hey Scarlett =)

      Ich hoffe es ist in Ordnung, wenn ich dir auf Deutsch antworte. Ich habe den Eindruck, dass es in Deutschland (leider) auch noch viele Vorurteile und Missverständnisse gegenüber Autist*innen gibt. In meiner sonderpädagogischen Arbeit habe ich immer wieder auch mit Lehrkräften oder anderem pädagogischen Personal zu tun, denen es an Willen fehlt, sich intensiv mit dem Autismusspektrum zu beschäftigen. Dadurch fehlt die passende Unterstützung für die Autist*innen, die von ihnen betreut werden.
      Ich hoffe, dass Bücher wie „Die goldene Ananas“ einen Beitrag für mehr Aufmerksamkeit leisten können.

      Liebe Grüße,
      Nico

  2. Huhu Nico!
    Ich habe ja bereits auf deine abschließende Meinung gewartet und kann nur immer wieder mit dem Kopf nicken. Besonders nachdem ich erfahren habe, dass das Buch bereits von über 700 Seiten heruntergekürzt wurde, denke ich, da hätte noch viel mehr gerafft werden können. Keine Frage unterstützt dieses Buch die Aufmerksamkeit für Asperger-Autisten, jedoch will man wirklich nicht 600 Seiten lang immer wieder dasselbe lesen.

    Alles Liebe!
    Gabriela

    1. Hey Gabriela =)

      Wir haben uns ja im Vorfeld bereits ausgetauscht und es freut mich, dass du das ähnlich siehst. Wer weiß, vielleicht wird Dennis Kornblums nächstes Buch ja ein wenig kürzer =) Ich habe mich auf jeden Fall sehr über die individuelle und freundliche Anfrage bezüglich der Rezension gefreut.

      Liebe Grüße,
      Nico

    1. Hallo Frank,

      ich habe mir gerade auch deine Rezension durchgelesen. Du hast Recht, es ist kein Buch für die breite Masse. Das hätte es vielleicht werden können, wenn bestimmte Erzählungen gestrafft worden wären, allerdings hätte darunter vielleicht der individuelle autistische Blickwinkel des Autors gelitten.

      Liebe Grüße,
      Nico

  3. Pingback: Rezension | Die Goldene Ananas – ida's bookshelf

  4. Hallo Nico!

    Dank der lieben Gabriela bin ich nun auch endlich auf deinen wunderbaren Blog gestoßen – und gerade hier, bei der Rezension zu „Die Goldene Ananas“ muss ich dir in allen Punkten recht geben. Ich weiß noch, dass ich ganz schön große Augen gemacht habe, als das Buch, oder soll ich sagen, der Wälzer, bei mir ankam. Ein paar Kürzungen wären wirklich gar nicht so übel gewesen, auch wenn es natürlich sein kann, dass das eventuell der Authentizität Abbruch getan hätte. Ich habe deine Rezension als weitere Stimme unter der meinen verlinkt- ich hoffe, das ist für dich ok. 🙂

    Ganz liebe Grüße!
    Ida

  5. Hallo liebe Blogger,
    da sich nun mittlerweile schon ein kleines Grüppchen, eine Art Drei-Sterne-Fraktion, gegründet hat, auch mit den beiden heute erschienenen Rezensionen, die sich gegenseitig in ihrem Urteil bekräftigen, wollte ich mich als Autor doch auch mal dazu zu Wort melden. Ich respektiere eure Meinung (denn jeder darf eine eigene haben), wollte aber nur mal darauf hinweisen, dass auch noch auf sehr vielen anderen Blogs Rezensionen zu meinem Buch veröffentlicht wurden, von denen ich zum Teil auch deutliche bessere Bewertungen erhalten habe (z.B. Printbalance, Lesefieber, Cats and Books, Buchvogel, Seitenwandler), auf die hier leider nicht verwiesen wird. Meiner Meinung nach ist der Unterhaltungswert eines Buches nicht der einzige Bewertungspunkt, bei Unterhaltungsliteratur schon, aber dieses Buch sollte gar kein Unterhaltungsroman sein; es ist ein Entwicklungsroman, der einen möglichst realistischen Einblick in das Asperger-Syndrom geben soll. Und viele Leser haben das auch so verstanden und entsprechend bewertet.
    Entschuldigt, ich hatte einfach das Bedürfnis mich mal dazu zu äußern, nichts für ungut, ich finde eure Rezensionen alle ziemlich gut geschrieben, kann euren Standpunkt auch verstehen, und drei Sterne sind auch keine schlechte Bewertung.

    Viele Grüße
    Dennis

      1. Hallo Dennis,

        ich kann ein Stück weit nachvollziehen, wie schwer es ist, ein Werk, in das mensch so viel Arbeit gesteckt hat, gefühlt nicht entsprechend gewürdigt zu wissen.
        Büchergeschmäcker sind ebenso vielfältig, wie die Reaktionen auf ein Buch unterschiedlich sind. Auch eine Rezension auf einem Blog spiegelt immer den persönlichen Lesegeschmack der Blogger*in wider.
        Blogger*innen im Nachhinein zu kritisieren, weil diese das Buch anders sehen als es vielleicht gewünscht ist, halte ich aber in keinem Fall für eine gute Idee.

        Nico

        1. Hallo Nico,

          eigentlich wollte ich auch niemanden kritisieren, einfach bloß darauf hinweisen, dass es auch andere Meinungen gibt (auch für Leser dieses Blogs), denn wenn man sich die Kommentarleisten so durchsieht, erweckt es eher den Eindruck, als bestünde da eine universale Einigkeit. Natürlich sind die Geschmäcker verschieden. Und darauf wollte ich ja gerade hinaus: Dass es eine Geschmacksfrage ist. Ich wollte damit aber niemandem zu Nahe treten. Falls ich das doch getan haben sollte, tut es mir leid.

          Dennis

          1. Hallo Dennis!
            Eigentlich wollte ich nichts darauf antworten, möchte das aber nun doch nicht so im Raum stehen lassen, zumal du dich ja auch auf meinen Blogbeitrag beziehst.

            Ich weiß, dass du dich schon bei meiner Bewertung damals gewundert hast, war ich doch die erste, die dein Buch durchaus auch kritischer begutachtet hat. Dass sich nun eine „Drei-Sterne-Fraktion“ in deinen Augen gebildet hat, liegt vermutlich daran, dass es durchaus Punkte gibt, die besser gemacht werden könnten. Wir alle haben in unseren Rezensionen vermerkt, dass wir verstehen, warum das Buch geschrieben ist, wie es geschrieben ist. Das lese ich in jeder Rezension.

            Aber: Nur weil ich etwas verstehe, heißt das nicht, dass es automatisch gut ist. Man versteht auch Elias‘ Alltag und die wiederkehrenden Wiederholungen aller Tätigkeiten, wenn man sie auf 50 Seiten gelesen hat. Man braucht dazu keine 300 Seiten voller Widerholungen. Nur weil ein Buch authentisch geschrieben ist, ist es noch lange nicht zwingend gut. Auch Entwicklungsromane brauchen einen gewissen Unterhaltungswert, es sind Romane.
            Ich denke, du tust dir keinen Gefallen, wenn du mit fundierter Kritik so umgehst.

            Liebe Grüße,
            Gabriela

            PS: Das Verlinken anderer Blogs erfolgt meistens in den eigenen Bekanntenkreisen und ist immer freiwillig. Ich gehe nicht davon aus, dass du den genannten Blogs ans Herz gelegt hast, doch gern ein paar kritischere Stimmen noch mit zu verlinken, oder?

  6. Hallo Gabriela,

    ich verstehe, was du meinst, allerdings stört mich in deinen Ausführungen nun doch ein wenig, dass du es so darstellst, als sei das Buch tatsächlich nicht gut, und die anderen Blogger hätten die Kritikpunkte bloß übersehen, dabei ist es nur deine Meinung und kann auch anders gesehen werden.
    Ich maße mir nicht an, zu behaupten, dass das Buch objektiv betrachtet gut sei, natürlich kann man gewisse Dinge bemängeln, aber es haben eben bisher mehr Blogger und Leser diese Dinge nicht bemängelt. Selbst über den Unterhaltungswert könnte man sich streiten, da habe ich auch schon andere Rückmeldungen gehört.
    Aber ich will nicht mit dir streiten, belassen wir es jetzt einfach dabei, ich kann mich ja, was den Gesamtdurchschnitt meiner Bewertungen angeht, nicht beklagen.
    Was du über das Verlinken sagst, sehe ich ein, da hast du recht.
    Im Übrigen war ich damals nicht eigentlich über deine Kritikpunkte irritiert, sondern ich hatte dich noch mal angeschrieben, weil du nachträglich noch an der Bewertung zu meinen Ungunsten rumgebastelt hast, das hatte mich irritiert.

    Dennis

    Dennis

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