„Die Götter müssen sterben“ von Nora Bendzko

Die (von mir) langerwartete Veröffentlichung von „Die Götter müssen sterben“ reiht sich ein in eine Auswahl diverser Neuerscheinungen diesen Sommer, die mir neue Hoffnung für die deutsche Phantastikszene machen. Weg mit den immergleichen patriarchalen Erzählstrukturen, Tropes und Figuren, hin zu einer progressiveren Phantastik. Neben Nora Bendzkos Buch erscheinen unter anderem diesen Sommer noch:

  • „Knochenblumen welken nicht“ von Eleanor Bardilac
  • „Mutterschoß“ von Elea Brandt
  • „Herz des Todes“ von Magret Kindermann
  • „Anarchie Déco“ von J. C. Vogt

Hier soll es aber nicht um diese ganzen tollen Veröffentlichungen gehen, sondern um „Die Götter müssen sterben“. In diesem Beitrag möchte ich euch von den vielen Punkten erzählen, die das Buch so bemerkenswert machen.

Die Götter müssen sterben | Autorin: Nora Bendzko | Verlag: Knaur
Erschienen am: 01.06.2021 | Seiten: 512

Vorab eine Kurzzusammenfassung: Die Geschichte spielt im antiken Griechenland und handelt von den Amazonen, die sich aufmachen, um an dem legendären Krieg um Troja teilzunehmen. Damit sind sie nicht allein, außer ihnen mischen Helden wie Achilles oder Odysseus mit und selbst die Götter ringen um die Stadt. Über kurz oder lang werden die Amazonen ihre Klingen auch mit Gött*innen kreuzen müssen, um Troja zu Hilfe kommen zu können.

So viel zum Inhalt. Wer noch mehr zur Handlung erfahren möchte, findet eine ausführlichere Zusammenfassung zum Beispiel beim Leseratz. Jetzt aber Vorhang auf für all die großen und kleinen bemerkenswerten Dinge an „Die Götter müssen sterben“!

– Es gibt eine Inhaltswarnung zu Beginn

Auch ich versuche in meinen Beiträgen Inhaltswarnungen/Content Notifications unterzubringen und schätze es, wenn das auch in Büchern passiert, am besten natürlich der Geschichte vorangestellt und nicht am Ende. Nora Bendzko hat dafür eine besonders elegante Lösung gefunden, die ich euch nicht vorenthalten möchte:

– Die Geschichte ist intensiv recherchiert

Bemerkenswert finde ich auch, wie viel Recherchearbeit in die Geschichte geflossen ist. Im Nachwort erzählt die Autorin davon, wie sie verschiedene Versionen griechischer Mythen verglichen und welche Quellen sie gesucht hat, um daraus ihre eigene Geschichte zu spinnen. Dieses Maß an Vorbereitung finde ich beeindruckend und es schimmert in der Geschichte immer wieder durch. Dazu ein Zitat von Nora Bendzko aus dem Nachwort, das ich besonders erinnerungswürdig fand:

Viele Elemente der griechischen Mythologie sind nicht rein griechisch oder europäisch, besonders nicht die Lore um den Trojanischen Krieg. Stattdessen werden sie auch von nordafrikanischer und westasiatischer Kultur, einem gegenseitigen Austausch geformt.Die Götter müssen sterben, S. 510

– Die Welt ist grau

„Gut gegen Böse“ ist ein Konzept, das ich in der Fantasy für wahnsinnig antiquiert halte und mit dem ich persönlich wenig anfangen kann. Menschen sind nunmal Menschen und auch die hehrsten Ideale halten höchstens einem flüchtigen Blick stand. Zum Glück ist die Welt der Amazonen voller Grauschattierungen. Auch im Matriarchat der Amazonen als Gegenentwurf zur griechischen Antike gibt es Sklav*innen, Missbrauch und Gewalt gegen Schwächere. Welchen Platz haben Schwächere in einer Gesellschaftsordnung, die auf Stärke beruht? Dieser Konflikt wird im Buch nicht totgeschwiegen.

– Die Protagonist*innen haben Makel

Das ist quasi eine Erweiterung des vorigen Punktes. Die Figuren im Buch sind allesamt „flawed heroes“ (ich habe lange wegen einer guten Übersetzung von „flawed“ hin und her überlegt, aber nichts zufriedenstellendes gefunden). Manche Personen sind zu stolz, andere feige. Sie werden von Ängsten geplagt und verlieren die Kontrolle über ihre Emotionen. Die Figuren haben und machen Fehler, allesamt. Und gerade deshalb eignen sie sich vielleicht besonders als Held*innen.

– Diversität wird großgeschrieben

Ja, das ist nichts Neues für Menschen, die Nora Bendzko kennen (und ihr zum Beispiel auf Twitter folgen). Sie setzt sich auf Social Media aktiv für marginalisierte Gruppen ein, thematisiert Rassismuserfahrungen, gibt Workshops in Literaturcamps und macht auch Sensitivity Readings. Kein Wunder also, dass diese Themen auch einen großen Stellenwert in „Die Götter müssen sterben“ einnehmen. Es gibt Schwarze und nonbinäre (vielseelige) Amazonen, queere Liebesbeziehungen, Personen mit psychischen Krankheiten, Asexualität, Polyamorie und wahrscheinlich noch einiges mehr, das mir entgangen ist. Ja! So muss das sein. Ich will die Vielfalt der Menschheit auch in der Literatur sehen und ich bin weiße cis-Männer, die Welten retten, so leid! Nebenbei: Der Buchdrache schreibt auf seinem Blog darüber, wie er die Darstellung der Depression im Buch fand.

– Mit Themen wird behutsam umgegangen

Einen letzten Punkt möchte ich noch erwähnen, und zwar die Art und Weise, wie die oben genannten Themen im Buch auftauchen. Die entsprechenden Stellen wurden von mehreren Sensitivity Readern gegengelesen, um einen empathischen Umgang mit den Themen sicherzustellen. Etwas, das leider (noch) viel zu selten im Literaturbetrieb vorkommt und meist auch von den Verlagen weder angefordert noch bezahlt wird. Ich habe gerade selbst ein Sensitivity Reading in Auftrag gegeben für mein Kinderbuchprojekt und zwar im Hinblick auf das Aufwachsen in einer türkischen Familie in Deutschland und kann nur sagen, dass es wahnsinnig hilfreich war und viele neue Perspektiven eröffnet hat. Es sollte also auf jeden Fall mehr Sensitivity Readings geben!

So, das waren die bemerkenswerten Punkte meinerseits. Worauf wartet ihr noch? Ab in den nächsten Buchladen und „Die Götter müssen sterben“ kaufen!

1 Kommentar zu „„Die Götter müssen sterben“ von Nora Bendzko“

  1. Lieber Nico,

    danke fürs Verlinken – und danke, dass du auf diese Punkte im Gegenzug genauer hinweist! Noras Buch ist ja auch für mich ein Beispiel, wo ich zwischendurch das Gefühl beim Schreiben der Rezension hatte, dass mir die Worte fehlen, um angemessen zu würdigen, welche Arbeit die Autorin da auf sich genommen hat.

    Wenn sich schon die Verlage offensichtlich scheuen, Verantwortung in diesem Kontext zu übernehmen und Trigger-Warnungen zu inkludieren (Ich kann mit „365 Tage“ gerade ein Liedchen davon singen, wie man es nicht machen sollte), ist es umso wichtiger, positive Beispiele hervorzustreichen.

    Ich weiß ja nicht, ob du meine Tweets dazu gesehen hast, aber offensichtlich steht die Chance nicht so schlecht wie ursprünglich angenommen, dass die Geschichte weiter geht 🙂 .

    Liebe Grüße
    Ascari

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