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„Der mexikanische Fluch“ von Silvia Moreno-Garcia

Silvia Moreno-Garcia ist im englischsprachigen Raum schon etwas länger bekannt. Ihre bisherigen Veröffentlichungen lassen sich nicht wirklich in ein einzelnes Genre zwängen, vielmehr ist jede Geschichte eine neue Wundertüte: „Velvet Was the Night“ ist eher ein historischer Kriminalroman, „Certain Dark Things“ ein actionreicher Vampir-Noir. Als roter Faden zwischen ihren Romanen kann vielleicht der Schauplatz angesehen werden: Alle Geschichten spielen in Mexiko. Jetzt ist mit „Der mexikanische Fluch“, im Original „Mexican Gothic“, ihr erster Roman in deutscher Übersetzung erschienen. Genre diesmal: Ein Schauerroman in einem Gruselhaus.

Der mexikanische Fluch | Autorin: Silvia Moreno-Garcia | Übersetzt von: Frauke Meier
Verlag: Limes | Erschienen am: 26.10.2022 | Seiten: 416
Werbung: Rezensionsexemplar

Familienbande

Im Mexiko City der 60er wächst Noemi auf, behütet durch das Geld und den Einfluss ihres Vaters. Sie genießt die edlen Partys und die Aufmerksamkeit der Männer. Alles könnte so schön sein, wäre da nicht ihre Cousine und beste Freundin Catalina, die kürzlich überraschend geheiratet hat und nun zu ihrem Mann in ein Anwesen auf dem Land gezogen ist. Die Familie ihres Mannes Virgil ist aus Großbritannien eingewandert und hat in Mexiko bis zu deren Schließung eine Silbermine betrieben, in der viele Einheimische gearbeitet haben.

Als Noemi einen Brief erhält, in dem Catalina behauptet, ihr Mann würde sie vergiften, macht sie sich auf den Weg nach „High Place“. Von den “silbernen” Zeiten ist wenig übrig. Die Mine ist nach einer mysteriösen Seuche schon lange aufgegeben und das Anwesen ist im Verfall begriffen. Auf dem alten Familiensitz ist wenig, wie es scheint und Freunde sind rar gesät. Und wer „High Place“ einmal betreten hat, verlässt das Anwesen höchstens noch in einem Sarg…

Übersetzungs-Mist

An dieser Stelle ein paar Worte zur Übersetzung des Titels “Mexican Gothic” ins Deutsche. Die Handlung des Buches dreht sich unter anderem darum, dass Mexiko durch reiche und sich überlegen fühlende Brit*innen ausgebeutet wird. Es geht um Kolonialismus und die katastrophalen Folgen für die unterdrückte Bevölkerung. Wenn es also überhaupt einen Fluch gibt, dann ist es ein britischer und kein mexikanischer. Mit dem gewählten Titel wird Mexiko fetischisiert nach dem Motto “die Südamerikaner mit ihrem Voodoo verfluchen einen!!!” Das war mal wieder ganz große Übersetzungsarbeit. NICHT. Da waren echte Profis bei Limes am Werk…

Killer-Atmosphäre

Aber zurück zum Inhalt. Der große Pluspunkt von „Der mexikanische Fluch“ ist auf jeden Fall die Atmosphäre. Bis zum Schluss liegt eine fast greifbare Anspannung in der Luft, gepaart mit einem dezenten Grusel. Ständig hatte ich dunkle Vorahnungen, jederzeit hätte etwas passieren können. Ein sehr intensives Lesevergnügen, das mich auch nach dem Weglegen des Buches noch begleitet hat.

Allerdings: Es passiert lange wenig und zum Schluss fast zu viel auf einmal. Zwischendurch gab es für mich einige Längen, dafür ließen mich das Finale und die Auflösung atemlos zurück. Da hat für mich das Erzähltempo nicht immer gepasst.

Ein weiterer Minuspunkt waren die Charaktere. Von den Hauptfiguren, die mit wenigen Ausnahmen zu blass blieben bis hin zu den Nebenfiguren aus dem nahegelegenen Dorf, die mir manchmal ohne tiefergehenden Zweck in die Geschichte hineingeworfen schienen und deren Erzählstränge für mich nicht zufriedenstellend auserzählt wurden. Figuren, auch die aus der Erzählperspektive, müssen nicht sympathisch sein, aber sie sollten doch komplexere Motive haben und nachvollziehbar handeln. Naja.

Bei der Komposition der Einzelteile gab es für mich eindeutig noch Optimierungspotential. Dafür kann „Der mexikanische Fluch“ aber als ein Lehrbuch für den Aufbau einer intensiven Atmosphäre dienen.

2 Kommentare zu „„Der mexikanische Fluch“ von Silvia Moreno-Garcia“

  1. Hi Nico,

    schade, dass die das Buch nicht komplett überzeugen konnte. Wenn die Charaktere nicht so ausgearbeitet sind, fehlt es dann an Nachvollziehbarkeit… Nix für mich.
    Danke fürs Feedback zum Thema Übersetzung und Cover. Das hat mir bei der Einordnung des Titels geholfen 🙂

    Liebe Grüße
    Tina

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