„Der Mauersegler“ von Jasmin Schreiber

Ohne zu flunkern kann ich sagen, dass ich alle bisher veröffentlichten Bücher von Jasmin Schreiber gelesen und sogar rezensiert habe: Sowohl ihr Erstlingswerk „Marianengraben“ , wie auch ihr Sachbuch „Abschied von Hermine“ . Mensch könnte mich also als kleinen Fan bezeichnen. Ungeduldig habe ich daher auf die Veröffentlichung von Schreibers zweitem Roman „Der Mauersegler“ erwartet, der letzten Monat endlich in meinen Briefkasten segelte.

Der Mauersegler | Autorin: Jasmin Schreiber | Verlag: Eichborn
Erschienen am: 27.08.2021 | Seiten: 240
Werbung: Rezensionsexemplar

Schuld und Strafe

CN: Krebs, Sterbeprozess einer nahen Person, Kindstod, Selbstmordversuch

„Der Mauersegler“ ist voller Bilder, Analogien und Verweise, besonders auf die griechische Mythologie. Da wäre zum Beispiel die Sage von Prometheus. Das ist der Typ, der den Menschen verbotenerweise das Feuer bringt und dafür von Göttervater Zeus aufs Schwerste bestraft wird: An einen Felsen gekettet kommt täglich ein Adler vorbei, der Prometheus wieder nachwachsende Leber auffrisst.

Auch in „Der Mauersegler“ gibt es einen Prometheus. Marvin Prometheus Grabow, der aber nur bei seinem (zugegebenermaßen seltsamen) Zweitnamen genannt werden möchte und sich ebenso wie der mythische Namensvetter als Heilbringer der Menschheit sieht. Immerhin ist er Arzt. Dass das mit dem Messiaskomplex nicht so gut funktioniert hat, ist gleich zu Beginn der Geschichte klar. Sein bester Freund Jakob ist tot und Prometheus ist irgendwie dafür verantwortlich. Nun ist sein Leben ein riesiger Kollateralschaden und er auf der Flucht vor Schuld, Vorwürfen und Strafe.

Er flüchtet nach Dänemark und versucht, sich das Leben zu nehmen. Das klappt aber nicht und das Schicksal führt ihn auf einen dänischen Pferdehof und in die Armer zweier alter Frauen, Helle und Aslaug. Hier prallen griechische und nordische Mythologie aufeinander, schließlich haben Namen in diesem Roman ein prophetisches Gewicht.

Im Buch wird Prometheus einmal mit dem Helden Herkules verwechselt (über dessen „Heldentaten“ sich allerdings streiten lässt), aber seine Geschichte bleibt eine tragische. Mich erinnerte der Protagonist nicht nur der namensgebenden Mauersegler wegen auch an Ikarus, der immer weiter und höher hinaus will, bis er der Sonne zu nahe kommt und abstürzt. Vielleicht ist Prometheus selbst ein solcher Mauersegler, zu denen Aslaug im Buch bemerkt:

Ein geschwächter Mauersegler kommt allein nicht mehr hoch, ist er einmal abgestürzt.Der Mauersegler, S. 223

Ohne Tempolimit

Im Gegensatz zu Schreibers erstem Roman „Marianengraben“ schlägt „Der Mauersegler“ eine andere Gangart ein. „Marianengraben“ ist in seiner Erzählweise vorsichtig, Humor und Trauer halten sich die Waage. „Der Mauersegler“ ist gewagter, voll nervöser Energie. Das Ergebnis ist von vornherein klar: Prometheus hat es verkackt. Aber wie kam es dazu? Wo ist er falsch abgebogen? Wie endet die Geschichte? Endet die Geschichte überhaupt?

Über diese Fragen entwickelt der Roman einen unheimlichen Drive, ein „Wissen-Wollen“. Meine Augen sind teilweise wie manisch über die Seiten geflogen weil ich immer schneller immer mehr wollte, bis hin zum großen Knall. Wie eine startende Rakete in einem langen Tunnel. Und ganz am Ende, da gibt es auch wieder Licht. Und Tränen. Bei Prometheus und bei mir. Ganz klar 5 von 5 Lesezeichen.

PS: Besonders gefreut habe ich mich auch über den kleinen Cameo von Paula aus Marianengraben. Er ist mir nicht entgangen =)

Der Song zum Buch

1 Kommentar zu „„Der Mauersegler“ von Jasmin Schreiber“

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