„Der Hof der Wunder“ von Kester Grant

Stell dir vor, die französische Revolution wäre gescheitert und in den Jahren danach herrschte das Gesetz des Dschungels in den Pariser Straßen. Ein “Tiger“ terrorisiert die Unterwelt und nur die „schwarze Katze“ wagt es, sich seinem Terror entgegenzustellen, soweit die Ausgangslage in „Der Hof der Wunder“. Allerdings sind in dem Roman rund um die neun Pariser Verbrechergilden nicht nur Elemente des Dschungelbuchs zu finden, auch eine dicke Brise „Les Miserables“ ist beigefügt. So begegnet Protagonistin Nina unter anderem Valjean, Javert und Thénardier. Glücklicherweise ist der Cast im Buch deutlich diverser als im Musical.

Kester Grants Erstlingswerk „The Court of Miracles“ ist im Juni 2020 im englischen Original erschienen. Groß war daher meine Überraschung, dass die deutsche Übersetzung es in einer broschierten Variante im Dezember 2019 auf die Ladentische geschafft hatte. Das muss ja ein richtiger Verlagscoup von Piper gewesen sein. Anfang November ist nun das Taschenbuch mit neuem Cover erschienen. Kommen wir also zur wichtigsten Frage: Wie lesenswert ist der Dschungelbuch-Les Miserables-Mix ohne Gesang denn nun?

Der Hof der Wunder | Autorin: Kester Grant | Übersetzer: Andreas Decker
Verlag: Piper | Erschienen am: 02.12.2019 | Seiten: 416
Werbung: Rezensionsexemplar

Schwarze Katze gegen Tiger

Im Zentrum der Geschichte steht Nina, die Tochter von Thénardier. Der verkauft Ninas Schwester gegen ein hübsches Sümmchen an den Gildenmeister der Gilde des Fleisches, den „Tiger“. Nina ist fassungslos. Sie schwört, ihre Schwester aus den Klauen des brutalen Gildenmeisters zurückzuholen und dazu ist ihr jedes Mittel recht. Mit List und Tücke wird sie zu einem respektierten Mitglied der Diebesgilde, einer anderen der neun Verbrechergilden von Paris. Bald kennt die Stadt Nina als „die schwarze Katze der Diebesgilde“. Doch Nina muss schnell erkennen, dass der „Tiger“ die anderen Gilden mit seiner Grausamkeit in Schach hält. Er ist ein weitaus verschlagenerer Gegner, als sie es sich erträumt hatte. Schnell steht nicht mehr nur Ninas Leben auf dem Spiel.

An dieser Stelle ein Hinweis: Sexuelle Gewalt, Folgen von Drogenkonsum und generelle Gewalttaten werden im Buch recht anschaulich dargestellt. Dessen sollte frau* sich vor dem Lesen bewusst sein.

Zwei Herzen in einer Brust

Nach der gescheiterten Revolution spaltete sich die Stadt in zwei Hälfen. Die eine Hälfte von Paris ist ganz starr, besteht aus geraden, von Buchsbäumen gesäumten Straßen, die von der Aristokratie heimgesucht werden. Die andere Hälfte ist ein dämmriger Dschungel aus Verbrechen und Elend.Der Hof der Wunder, S. 75

Ebenso, wie es zwei Versionen von Paris gibt, so habe ich auch zwei Meinungen zum Buch. Einerseits ist das Erzähltempo in der ersten Hälfte des Buches teilweise unausgegoren, die Protagonistin Nina stellenweise unsympathisch, die Handlungen einzelner Figuren wenig nachvollziehbar und die französischen Begriffe für irgendwelche Süßwaren und Kleidungsstücke wirken aufgesetzt. Bella von bellaswonderworld.de findet zudem die Nebencharaktere fade, unscheinbar und oberflächlich. Für mich waren es auch einfach zu viele. Ich habe auch wenig den Überblick über die potentiellen Beziehungspartner von Nina verloren…

Andererseits ist das Setting hochinteressant. Die alternative Vergangenheit von Paris, in der Verbrechergilden aus den Schatten heraus agieren und sich mittels nur ihnen bekannter Laute verständigen, übt einen ziemlichen Reiz aus. Die Geschichte beinhaltet für mich genau die richtige Menge an Pathos, um noch nicht kitschig zu sein. Die Geschichte nimmt im letzten Drittel so sehr an Fahrt auf, dass ich das Buch fast nicht mehr aus der Hand legen konnte. Und nun will ich unbedingt wissen, wie es weitergeht. Also doch eine Empfehlung? Jein.

„Der Hof der Wunder“ ist das Debüt von Kester Grant und das merkt frau* dem Buch stellenweise noch sehr an. Allerdings ist die Prämisse, diese Mixtur aus Dschungelbuch und Les Miserables, sehr interessant und voller Potential. Das Szenario liest sich frisch und unverbraucht und ließ mich über die ein oder andere Schwäche gern hinwegsehen. Besonders zum Ende hin hatte ich beim Lesen jede Menge Spaß. Deshalb verleihe ich 3,5 von 5 Lesezeichen und spreche gleichzeitig eine Leseempfehlung für alle aus, die historische Romane mögen und die die Inhaltsangabe neugierig gemacht hat. Ich für meinen Teil freue mich schon auf die Fortsetzung.

Der Song zum Buch

1 Kommentar zu „„Der Hof der Wunder“ von Kester Grant“

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