„Das Inferno“ von Michael Meier

Die „Göttliche Komödie“ von Dante Alighieri wird laut Wikipedia als eines der größten Werke der Weltliteratur angesehen. In jüngeren Jahren habe ich mich einmal ambitionierterweise daran versucht. Allerdings merkt mensch dem Text seine 700 Jahre deutlich an. Die unzugängliche Sprache zwang mich dazu, den Schinken schnell wieder zu vergessen – trotz der eigentlich ziemlich coolen Idee von der Reise durch die neun Kreise der Hölle. Bis heute finden sich Spuren der Göttlichen Komödie in der modernen Popkultur, zum Beispiel in Videospielen. Wie gut also, dass Michael Meier sich in seinem Comic „Inferno“ aufmacht und den Stoff aktualisiert und gleichzeitig zugänglicher macht.

Das Inferno | Autor und Zeichner: Michael Meier
Verlag: Reprodukt | Erschienen am: 05.08.2021 | Seiten: 136
Werbung: Rezensionsexemplar

Barba decet virum

CN: Leichen, Folter verschiedenster Art, Verstümmelungen, abgetrennte Körperteile

Die Aktualisierung der Geschichte beginnt schon beim Helden: Meiers Dante ist ein bärtiger Typ in Unterhemd und Midlife-Crisis, der mehr durch Zufall als gewollt in die Unterwelt stolpert und dort auf seinen Begleiter, den Schakal Vergil stößt. Gemeinsam müssen die beiden die neun Kreise der Hölle durchqueren, was für Dante, der ja noch lebendig ist, durchaus eine Herausforderung darstellt. Unterwegs begegnen den beiden sowohl Figuren aus der originalen göttlichen Komödie, wie dem Höllenhund Zerberus oder dem Fährmann Charon, aber auch aktuelleren Persönlichkeiten, etwa Silvio Berlusconi, Walter Ulbricht oder Nikola Tesla.

Auch die Höllenqualen haben sich im Laufe der Zeit gewandelt. Hier müssen wissenschaftliche Dissertationen auf Handydisplays getippt, andernorts die Bilder für Anti-Raucher-Kampagnen retuschiert werden (selbstverständlich inklusive chronischer Sehnenscheidenentzündung). Zum Glück sind Dantes stinkende Schuhe eine echte Geheimwaffe.

Quo vadis?

„Das Inferno“ ist stellenweise gesellschaftskritisch, vor allem aber: witzig. Der Comic steckt voller Wortwitz und Anspielungen. Der Gleichmut, mit dem der Protagonist Dante seine Situation erträgt und die Interaktion zwischen ihm und Vergil tun ihr übriges: Der Comic macht großen Spaß zu Lesen und Anzuschauen und hat mich an vielen Stellen zum Grinsen gebracht.

Da verzeihe ich gern den etwas holprigen Einsteig mit einem Wolf, der nur anfangs als Aufhänger für die Reise dient und den Gastauftritt von Beatrice, die Vergil um Hilfe für ihren Freund/Gatten(?) Dante bittet. Den Start empfand ich als etwas zusammenhanglos, das war allerdings schnell vergessen, sobald die beiden Gefährten in der Vorhölle ankamen.

Eventuell hängen diese Startschwierigkeiten damit zusammen, dass der Comic ursprünglich als täglicher Comicstrip in der „Frankfurter Rundschau“ erschien? Das ist sicher auch der Grund für die strenge und ordentliche Verteilung der Panels pro Seite sowie das lineare Erzählformat. Ich habe es eigentlich gern, wenn Panelgrenzen und die Aufteilung der Panels auch mal durchbrochen werden, allerdings hat mir die generelle graphische Darstellung in „Das Inferno“ gut gefallen.

Wer sich beim Comiclesen also mal wieder ordentlich amüsieren möchte, liegt mit dieser Neuinterpretation der göttlichen Komödie sicher nicht falsch. Ich habe mich gut unterhalten gefühlt und gebe vier von fünf Lesezeichen.

Der Song zum Comic

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