Das episch-universelle Interview mit Comiczeichner Ingo Römling (Teil 2/3)

Dieser Beitrag ist Teil des Themenmonats #ComicMärz 2021

Gerade haben Richard Marazano und Ingo Römling eine neue große Comicserie gestartet, “Die Chroniken des Universums“. Anlässlich dieses Feiergrundes stand Ingo mir Rede und Antwort. Weil seine per Sprachnachricht aufgenommenen Antworten aber den Rahmen eines einzigen Beitrages sprengen würden, habe ich das Interview in drei Teile geteilt. Hier gibt es Teil 1 und Teil 3 erscheint morgen.

Zu „Die Chroniken des Universums“

Gerade ist der erste Band von „Die Chroniken des Universums“ erschienen, geschrieben von Richard Marazano und gezeichnet von dir. Wenn ich richtig informiert bin, erschien der Band zuerst auf Französisch. Kannst du ein wenig zu der Entstehungsgeschichte des Comics erzählen?

Ich war 2018 eingeladen nach Polen, ich glaube es war Warschau, zu einem Comicfestival. Wir waren dort mit einer kleinen Delegation: ein paar deutsche Zeichner und Stefan Neuhaus vom deutschen Comicverein. Wir waren eingeladen, um von der deutschen Comicszene zu erzählen. Wir haben dort eine Ausstellung gemacht und ich habe natürlich auch für Scream Comics signiert, weil bei dem Verlag Malcolm Max erscheint und durch einen Zufall habe ich Thomas Ragon kennengelernt, vom Verlag Dargaud. Der saß neben uns am Tisch und war ein lustiger Mensch. Wir haben uns Hallo gesagt und er hat mir gleich seine Visitenkarte gereicht und es stand halt „Dargaud“ drauf und mir ist gleich ein bisschen der Schweiß ausgebrochen: „Oh Gott, jemand von Dargaud sitzt neben mir.“

Ich habe ihm dann ganz schüchtern ein paar Bilder auf meinem Telefon gezeigt. Ich hatte damals gerade den vierten Band von „Malcolm Max“ in der Mache und hatte die Bilder auf meinem Telefon. Was irritierend war: Er hat sich das alles sehr genau angeschaut und sich richtig viel Zeit genommen, mindestens fünf bis zehn Minuten ist er durch meine Bilder durchgegangen und hat gar nicht viel gesagt. Naiv wie ich bin, habe ich gefragt, ob er denn Interesse hätte, Malcolm Max bei Dargaud zu veröffentlichen, was so gar nicht funktionierte. Er hat gleich gesagt: Nein, Dargaud macht keine Lizenzen, sondern nur Originalcontent. Lizenzen nur in Ausnahmefällen. Aber anscheinend fand er meine Zeichnungen ganz gut. Dann setzte sich noch jemand anderes an den Tisch, offensichtlich ein Freund von Ragon, und das war Richard Marazano. 

Durch einen weiteren Zufall haben wir tags darauf am selben Stand bei Scream Comics nebeneinandergesessen und signiert. Ich weiß gar nicht konkret, was Marazano im Programm hatte, aber wir hatten Spaß. Wir haben uns super verstanden und als es dann vorbei war mit dem Festival und meine Freundin und ich (wir waren beide dort) wieder nach Hause gefahren sind, haben wir uns verabschiedet und gesagt: Lass uns mal in Kontakt bleiben. Jeder ist dann zurück zu seinen Projekten und dann kam das Jahr 2019. Da ist mir meine Planung komplett zusammengebrochen, weil Star Wars: Rebels nicht eingestellt, aber sehr stark zurückgefahren wurde. So ist das mit amerikanischen Sachen: Man kann sehr schnell reinkommen, aber man ist auch sehr schnell wieder raus. Da wird eine Serie einfach eingestellt oder so stark zurückgefahren, dass für jemanden keine Arbeit mehr übrig bleibt und so war es in meinem Fall tatsächlich, dass ich mit der Redaktion von panini in Stuttgart gesprochen habe. Die Rebels Serie wurde in einem Magazin veröffentlicht und das wurde von monatlich auf vierteljährlich zurückgefahren. Da ich nicht der einzige Zeichner war und zu dem Zeitpunkt auch bereits Episoden auf Halde produziert hatte, sah es auf einmal so aus, dass ich 2019 überhaupt keine Serienjobs mehr hatte, obwohl ich das Jahr 2019 eigentlich so geplant hatte, dass ich wirklich volle Kanne Serien mache. Das war natürlich ein herber Schlag. Ich hatte mich schon nach Coloristen umgeschaut, die mich unterstützen könnten, und so weiter und so fort und auf einmal heißt es: Es gibt keine Arbeit mehr für dich. Das ist halt einfach so.

Meine Idee war dann allerdings: Ich habe Richard Marazano eine Mail geschrieben: „Hey, kannst du dich erinnern? Hier ist der Typ, der letztes Jahr neben dir gesessen hat. Wie geht’s so? Ich hab Zeit. Wollen wir was zusammen machen?“ Der Wahnsinn war, dass die Antwort ziemlich schnell kam und er sagte: „Ja klar, logisch, ich erinnere mich. Was wollen wir denn machen, worauf hast du Lust?“ Dann bin ich ein bisschen in mich gegangen und habe gesagt, ich hätte Bock auf so ein klassisches Weltraum-Epos, eine Crew an Bord eines Raumschiffes und die fliegen ins Abenteuer, aber ein bisschen moderner, mit Klischeebrüchen. Nicht wieder der alte weiße Mann im Kommandosessel. Ich wollte eine diverse Crew und da habe ich bei Richard offene Türen eingerannt. Er meinte dann: „Da habe ich was in der Schublade. Gib mir zwei Wochen und ich schreibe dir ein paar Demoseiten.“

Das hat er dann auch gemacht und dann habe ich drei Demoseiten gezeichnet. Dann habe ich ein Moodboard gezeichnet, also eine Schlüsselszene aus dem Comic atmosphärisch wiedergegeben (die Szene hat später so überhaupt nicht stattgefunden). Es ging darum, dass wir etwas haben, um es dem Verlag vorzustellen. Richard hat gesagt: „Klasse, wir nehmen die drei Seiten und das Mood-Board und er schreibt ein Exposé und dann zeigt er das mal Thomas Ragon und dann schauen wir mal, ob das was wird. Dann vergingen ein paar Monate. Im März oder April hieß es dann: Los geht’s! Grünes Licht. Wir machen das, „die Chroniken des Universums“.

„Die Chroniken des Universums“ sind eine Science-Fiction Geschichte um eine Gruppe Student*innen, die mit ihrem Dekan auf einer intergalaktischen Erkundungstour sind. Wie war deine Vision für das Design von Raumanzügen, Raumschiffen, Aliens und waren die Star Wars-Vorerfahrungen da eine Hilfe?

Wir hatten grünes Licht vom Verlag und natürlich haben wir uns vorher schon überlegt, wie alles aussehen soll. Die Crew ging relativ schnell, ich habe meine Vorstellungen optisch umgesetzt und Richard hat die Charaktere entwickelt. Ich habe eine kurze Abhandlung über die Charaktere bekommen, wo die Charaktereigenschaften geschildert werden und die nahmen direkt Gestalt an. Ich habe ja viel Character Design gemacht und auch Maskottchen gestaltet. Das geht immer aus von einer kurzen schriftlichen Beschreibung: Was ist das für eine Figur, wie ist die drauf? Ist sie eher schlau oder dämlich?

Möglichst viel, was dir über eine Figur einfällt, wird aufgeschrieben und das bekomme ich dann und dann entsteht die Figur vor meinem inneren Auge. Und dann mache ich die Entwürfe für die Figuren, das ging relativ schnell. Da habe ich fast direkt Richards Vorstellungen getroffen, bis auf eine Figur, Pearl. Du hast ja die Chroniken schon gelesen: Wir haben unsere Crew, das sind Qsi, Adya, Oot-Jah, Polly und Mark und der Dekan. Bei allen war das Design eigentlich ein „first take“, die wurden alle beim ersten Entwurf genommen und umgesetzt, also ich glaube, Adya und Qsi haben die Position gewechselt, die waren ursprünglich umgekehrt besetzt. Jetzt hat Qsi so ein bisschen die Kommandofunktion und Adya ist etwas im Hintergrund.

Pearl hingegen ist ein rätselhafter Charakter. Für die, die ihn nicht kennen: Es ist ein Alien, das im Gefangenentrakt des Raumschiffs gefangen gehalten wird, weil es unglaublich gefährlich ist. Man weiß noch nicht genau, wie er an Bord gekommen ist, das wird noch in einer späteren Geschichte erzählt. Pearl sitzt in seiner Hochsicherheitszelle und hat unglaubliche psychokinetische Kräfte. Er kann mit seinen Gedanken andere manipulieren, er kann Psychokinetik, also Gegenstände bewegen, Explosionen und Störungen verursachen. Er ernährt sich von Gedanken und Gefühlen von anderen denkenden und fühlenden Wesen, also schon ein unheimlicher Typ. Mein erster Entwurf war, dass der groß und gefährlich aussieht. Eine Statur wie ein Türsteher, Gesichtstattoos, ein bisschen wie ein Ork im Weltall. Und da sagte Richard: „Nein.“ Den hat er sich ganz anders vorgestellt, und zwar so, dass man ihn vom Äußeren erstmal total unterschätzt.

Ich habe dann das totale Gegenteil gemacht. Jetzt hat er die Statur eines Kleinkindes. Beibehalten habe ich sein Gesichtstattoo, das sieht jetzt ein bisschen aus wie eine Wrestlingmaske. Also wie so ein Baby in einem Wrestlingoutfit. Er sieht so ein bisschen lustig aus und ich habe eine Weile meine Schwierigkeiten mit dem Design gehabt. Mittlerweile kenne ich die Figur besser und weiß, wie er spricht und wie er tickt. Mittlerweile finde ich, er ist perfekt, wie er ist. Eine vielschichtige und schillernde Figur, von der man noch längst nicht alles weiß. Man kann ihm nicht trauen, aber er ist an Bord des Schiffes und er wird auch Teil der Crew. Das ist eine spannende Konstellation, muss ich sagen. So viel zu den Charakteren.

Raumanzüge, Raumschiffe, Aliens… da haben wir ein paar mehr Anläufe gebraucht. Die Thukydides, unser Raumschiff, brauchte drei Entwürfe oder so. Da haben wir uns herantasten müssen. Tatsächlich waren die Star Wars-Sachen insofern eine Hilfe als Vorerfahrung, weil ich auch hier 3D eingesetzt habe. Ich habe mir das Raumschiff nach und nach in 3D gebaut und nutze für die Hintergründe ganz viele 3D-Renderings. Damit habe ich damals bei den Star Wars-Sachen angefangen, weil da die ganzen Raumschiffe erstens gebrandet sind (als feststehende Designs und Marken) und zweitens einen hohen Bekanntheitsgrad haben. Man muss sie wiedererkennen und ich muss sie auch immer und immer wieder zeichnen. Also fing ich an, das in 3D zu zeichnen und genauso habe ich es hier auch gemacht, weil die Szenerie relativ komplex ist. Wir zeigen viel vom Inneren des Raumschiffs, insofern war das eine Hilfe. Ich konnte viel von den Arbeitstechniken und von den Softwarekenntnissen (ich mache das mit Cinema 4D) nutzen. Das hat mir sehr geholfen. Ich habe viel gelernt über 3D-Modelling und wie man schneller und besser zu einem Ergebnis kommt. 

Designmäßig habe ich versucht, nicht so viel zu kopieren. Den XY-förmigen Kopf von Oot-Jah gibt es bei Star Wars auch, ich habe versucht, das ein bisschen anders zu machen. Letzten Endes kann man gar nicht mehr so genau sagen, wann und wie eine Idee entstanden ist. Es ist einfach ein Prozess, wo man sich gemeinsam irgendwann für etwas entscheidet. Ich kann gar nicht mehr konkret sagen, was wo reingeflossen ist. Es gab natürlich Vorbilder: Ich wollte ein bisschen von dem Film „Alien“ übernehmen, was die Atmosphäre und das Innendesign des Raumschiffs angeht. Ich wollte das alles ein bisschen dreckiger und finsterer, nicht so hell und glänzend wie bei Star Trek. Das Raumschiff ist alt, es ist runtergerockt und verdreckt, ein bisschen wie eine Studenten-WG (lacht). Also „Alien“ und „Star Wars“ sind auf jeden Fall Einflüsse.

Raumanzüge hatte ich auch verschiedene Einflüsse, die dann gemacht, verworfen verändert wurden. Richard hat einiges an Anregungen gegeben. Am Anfang waren die Raumanzüge viel klobiger und mehr angelehnt an die realistischen Raumanzüge, die man jetzt so hat. Richard wollte das moderner und ich dachte: Warum nicht? Vielleicht hat man in der Zukunft Raumanzüge, die eng anliegen und Bewegungsfreiheit bieten, wie Taucheranzüge. Es spielt ja ein paar hundert Jahre in der Zukunft. Da gibt es vielleicht Materialien, mit denen das funktioniert. Dafür gibt es ja Science-Fiction.

Band 1 „Der Sternenstrudel“ ist der Auftakt zu einer Reihe. Wie viele Bände sind denn geplant und was erwartet uns in den nächsten Bänden?

Open End. Wir haben keine feste Anzahl von Bänden. Wir schauen einfach mal, wie viele es werden. Wie gesagt, ich arbeite bereits am zweiten Buch und was erwartet uns? So viel kann ich verraten: Es kommt ein mysteriöser Gast an Bord, ein Mensch, der aus einer ganz anderen Zeit kommt. Dieser Mensch ist auf eine rätselhafte Art und Weise verbunden mit einem Planeten und dem dort lebenden Volk. Der Planet ist Clax-Kalthia (Schreibweise unbekannt) und die Clax-Kalthianer sind ein sehr einfaches Volk, aber diese Kultur kann Zeit nach Belieben formen und verändern. Das ist deren Superpower, wenn man so will. Wie sich das Ganze auflöst und was dieser Gast im Schilde führt, das erfahrt ihr in Buch zwei der „Chroniken des Universums“.

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