Das episch-universelle Interview mit Comiczeichner Ingo Römling (Teil 1/3)

Dieser Beitrag ist Teil des Themenmonats #ComicMärz 2021

Gerade haben Richard Marazano und Ingo Römling eine neue große Comicserie gestartet, „Die Chroniken des Universums„. Anlässlich dieses Feiergrundes stand Ingo mir Rede und Antwort. Weil seine per Sprachnachricht aufgenommenen und von mir niedergeschriebenen Antworten aber den Rahmen eines einzigen Beitrages sprengen würden, habe ich das Interview in drei Teile geteilt. Teil 2 und 3 erscheinen in den kommenden beiden Tagen.

Zur Person

Guten Tag Ingo und vielen Dank, dass du dir angesichts der gerade erschienenen „Chroniken des Universums“ Zeit für dieses kleine Interview nimmst (da wusste ich noch nicht, dass es ein großes Interview werden würde).

Hallo Nico, ich bedanke mich recht herzlich für deine Fragen. Jetzt habe ich mir endlich einmal Zeit genommen, sie auch zu beantworten.

Ingo, ich kenne dich hauptsächlich als Zeichner der Malcolm Max-Reihe. Du zeichnest aber auch noch viele andere Comics, unter anderem Star Wars: Rebels, Plattencover und sogar Schulbuchillustrationen. Bist du in deinem Traumberuf angekommen?

Ich muss sagen: ja. Ich habe für mich schon sehr früh angefangen, Comics zu zeichnen, da war ich noch im Grundschulalter. Ich habe mir kleine Bildgeschichten ausgedacht und hatte einfache Helden, ganz simpel gezeichnet, die habe ich durch tausend verschiedene Abenteuer geschickt. Damals hatte ich noch keine Vorstellung davon, dass man das beruflich machen könnte. Wenn man 6, 7, 8 Jahre alt ist, dann ist das ja eher eine diffuse Vorstellung, was man später mit sich anfangen könnte und wie die Welt so funktioniert. 

Aber Comics gezeichnet und auch Comics gelesen habe ich sehr wohl. Ein paar Jahre später, im Teenager-Alter, mit 14, 15 vielleicht, habe ich das Schwermetall-Magazin in die Hände bekommen durch einen guten Schulfreund von mir, der stapelweise Comics zuhause hatte, U-Comics, das MAD-Magazin und auch Schwermetall. Klick gemacht hat es bei den Welten von Moebius, Enki Bilal und Caza. Das hat mich visuell komplett umgehauen und wenn ich rückblickend darüber nachdenke, könnte das der Zeitpunkt gewesen sein, an dem ich zum ersten Mal die Idee hatte: Das möchte ich auch! Das will ich machen! So möchte ich zeichnen können und solche abgefahrenen Sachen möchte ich machen! Insofern kann man jetzt sagen: Ja, ich bin in meinem Traumberuf angekommen, obwohl ich das ja schon eine ganze Zeit lang mache. 

Es ist erst jetzt so, dass ich einen Vertrag bei Dargaud habe. Vorher habe ich Star Wars-Serien gezeichnet. 2014 ging es los, dass ich wirklich Full-Time-Zeichner geworden bin und gar nicht mehr so viele Illustrationsjobs mache, im Moment sogar gar keine, weil ich mit Hochdruck am zweiten Buch von den „Chroniken des Universums“ arbeite und tatsächlich von morgens bis abends Comics zeichne. Insofern: Ich lebe meinen Traum, so kann man es wirklich sagen. Ich bin sehr sehr happy, im Moment ist es tatsächlich so, dass ich davon leben kann. Man wird nicht reich, aber es fährt so langsam in eine Zone, wo die ersten Tantiemen hereinkommen. Das ist wirklich nicht viel, aber es kommen öfters mal schwarze Zahlen. Man darf sich das nicht falsch vorstellen: Es rollen nicht gleich Gelder rein, wenn man ein Buch in Deutschland veröffentlicht hat. Aber ich werde vom Verlag, also Dargaud, regulär bezahlt und das ist fantastisch, weil ich davon leben und meinen Lieblingsjob ausüben kann. Was kann es Schöneres geben?

Wie ist es, in Deutschland Comiczeichner zu sein? Meinem Empfinden nach haben Comics hier (leider) immer noch einen geringeren Stellenwert als in anderen Ländern (z.B. Frankreich, USA). 

Kurze Antwort: schwer. Nicht unmöglich, aber sehr schwer. Man könnte stundenlang darüber philosophieren, woran das liegt. Es ist komplex. Vielleicht funktioniert es über einen Vergleich am besten: In den USA werden Comics sehr industriell hergestellt, die sind viel stärker verzahnt mit der Unterhaltungsindustrie, zum Beispiel Marvel oder Star Wars. Die Franchises werden als Massenfertigung fabrikartig hergestellt. Das soll wirklich nicht abwertend klingen, weil ich Star Wars auch sehr gerne gemacht habe, das hat schon wirklich großen Spaß gemacht. So etwas gibt es in Deutschland gar nicht.

Insofern ist in den USA die Community der Zeichner untereinander nicht nur größer, sondern auch viel homogener. Es gibt viel mehr Leute, die in ähnlichen Jobsituationen sind, die dieselben Fragen und Probleme haben und sich untereinander auch helfen können. In Deutschland ist das viel heterogener, viel zerfaserter. Es gibt mehr Einzelkämpfer, jeder macht sein eigenes Ding. Unter den Künstlern gibt es weniger Schnittstellen und Überschneidungen. Man kann sich viel austauschen und das ist super interessant. Aber wenn man zum Beispiel eine konkrete Problemstellung hat, dann kann es durchaus sein, dass es nicht viele Leute gibt, die einem weiterhelfen können. Es bauen sich kleine Communities auf, die ähnlich arbeiten wie man selbst, aber das sind dann eine Hand voll, drei bis fünf vielleicht. In Deutschland ist Comiczeichnen auch eigentlich eher der Nebenerwerb, wenn überhaupt Erwerb. Ich schätze der Normalfall wird sein, dass die Zeichner Illustratoren sind und nebenbei Comics zeichnen oder einen ganz anderen Beruf haben, mit dem sie Geld verdienen.

Zum Stellenwert: In Frankreich und den USA sind Comics einfach viel mehr mit verschiedenen anderen Geschäftsfeldern verzahnt, sowohl gesellschaftlich als auch wirtschaftlich. In den USA ist es wie gesagt die Unterhaltungsindustrie mit Filmen und Games, das geht alles ineinander. Eines ist der Ableger vom anderen. Und in Frankreich ist die Verzahnung kulturell, sehr stark in der Kunst- und Literaturszene beheimatet. In Frankreich wird gar nicht so stark unterschieden zwischen Comics und Literatur. Es ist beides Literatur, es steht beides völlig unkommentiert im Schaufenster eines Buchladens.

Hier ist es immer noch so: Hinten gibt es das Regal mit den Mangas und dann das Regal mit den Comics und das war’s dann, wenn überhaupt. Ich habe den Eindruck, dass Comics in Deutschland wachsen. Es gibt einen Generationenwechsel. Leute, die in ihrer Kindheit Comics gelesen haben, geben das auch an ihre Kinder weiter. Das habe ich zum Beispiel gemerkt bei Signierstunden im Star-Wars-Rahmen, dass dann Vater und Tochter generationenübergreifend beide im Sturmtruppenkostüm vor mir stehen. Ich finde schon, dass sich hier in Deutschland sehr viel tut. Das ist das Schöne an der deutschen Comicszene: Es ist eine sehr vielfältige, sehr bunte und sehr lebendige Community, die immer wieder mit neuen Sachen kommt. Leider halt klein. Ich sag mal so: In Deutschland Comiczeichner zu sein ist schwierig, aber auch sehr spannend und wird nie langweilig. Ständig passiert etwas, es kommt immer etwas neues, es kommen unglaublich talentierte Leute, von denen man vorher noch nie etwas gehört hat. Ich finde, es ist unglaublich viel in Bewegung gerade und schon eine spannende Zeit.

Allerdings, das muss ich dazu sagen: Aus meiner Situation heraus ist es mir erst durch meine Arbeit für Frankreich möglich geworden, davon zu leben. Es wird wahrscheinlich sehr schwer, als Comiczeichner in Deutschland zu veröffentlichen und davon zu leben, es sei denn, man macht vielleicht Cartoons oder so etwas, das funktioniert in Deutschland sehr gut und man ist gleichzeitig ein sehr guter Selbstvermarkter. Die Leute, die in Deutschland damit erfolgreich sind, zum Beispiel Joscha Sauer oder Ralph Ruthe, das sind ja eigentlich Multitalente. Ralph Ruthe macht seine Liveshows, er ist unglaublich aktiv in der Öffentlichkeit, genauso wie Joscha Sauer, die machen tausend verschiedene Projekte und sind ständig präsent, während ein Comiczeichner, der für Marvel oder DC arbeitet und davon auch sehr gut lebt, nicht großartig in der Öffentlichkeit in Erscheinung tritt, weil er keine Zeit dafür hat. So ähnlich ist es bei mir auch. Ich habe meinen Vertrag mit Dargaud, den ich erfülle und der mich erfüllt und zeitlich total auslastet und insofern bin ich in einer tollen Lage: Ich muss nicht gleichzeitig noch Entertainer sein. Wenn man in Deutschland hauptsächlich Comiczeichner sein will, dann muss man sich sehr gut selbst vermarkten, das ist so meine These. Ich hoffe, ich konnte die Frage einigermaßen beantworten.

3 Kommentare zu „Das episch-universelle Interview mit Comiczeichner Ingo Römling (Teil 1/3)“

  1. Hallo Nico!
    Dein episch-universelles Interview vermittelt direkt den gleichen Eindruck, den ich damals (!) vor zwei Jahren auf der letzten LBM auch schon von Ingo Römling hatte – er ist einfach ein super sympathischer, bodenständiger Mensch, mit dem man sich toll unterhalten kann. Was er hier sagt, ist auch mein Eindruck (von außen betrachtet): unsere deutsche Comicwelt ist zumindest in der Entwicklung, und das ist ja auch irgendwie spannend. =)

    Ich freu mich auf jeden Fall auf die nächsten Teile deines Interviews!
    Gabriela

    1. Hallo Gabriela,
      da bin ich ja fast ein wenig neidisch, dass du Ingo vor zwei Jahren auf der LBM getroffen hast (auf der ich selbst auch noch nie war). Stimmt, mein Gefühl ist ähnlich, was die Comicwelt angeht, aber ich bin auch Teil einer sehr aufgeschlossenen Buchblogger*innen-bubble, unter anderem mit dir und Bella. Leider habe ich wenig Einblick, wie es gesamtgesellschaftlich aussieht. Die Leute, die ich im privaten Umfeld kenne, gehören eher zu der Kategorie, die viele Vorurteile in Bezug auf Comics hat… So wie Ingo es auch beschreibt.

      Ich hoffe jedenfalls, dass Comics noch mehr als Kunstform anerkannt werden, als das bisher der Fall ist.

      Liebe Grüße,
      Nico

  2. Pingback: Das episch-universelle Interview mit Comiczeichner Ingo Römling (Teil 3/3)

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