„Cursed – die Auserwählte“ von Thomas Wheeler

Lancelot. Gawain. Guinevere. Merlin. König Artus. Namen, die bei mir Freude entfachen. Schon als Kind habe ich die Geschichten um die Ritter der Tafelrunde in mich aufgesogen, aus Büchern und Filmen. Thomas Wheeler vermengt die Sage mit einer weiblichen Hauptfigur, Illustrationen vom legendären Frank Miller und einer dazu passenden Netflix-Serie. Als ich das hörte, war meine Vorfreude riesig. Wie, frage ich mich, konnte „Cursed – Die Auserwählte“ das alles nur so versauen?

Cursed – Die Auserwählte | Autor: Thomas Wheeler | Illustriert von: Frank Miller
Übersetzt von: Michelle Gyo und Petra Koob-Pawis
Verlag: FISCHER Tor | Erschienen am: 27.05.2020 | Seiten: 470

Da hast du den Salat!

Das Dilemma beginnt damit, dass Thomas Wheeler verschiedene Ideen und Konzepte nimmt, und sie in eine Schüssel wirft. Da haben wir die Artus-Sage, oder zumindest die Figuren daraus, die aber komplett andere Rollen einnehmen, doch dazu später mehr. Zusätzlich spielt die römische Besatzung Großbritanniens eine Rolle. Ein weiteres Thema sind Flüchtlinge, die durch Krieg aus ihren Dörfern vertrieben werden und eine neue Heimat suchen. Außerdem ein Glaubenskrieg zwischen fanatischen roten Mönchen, die den einen Gott anbeten und den Anhänger*innen des alten Volks, die verschiedenen Stämmen angehören: wilde Menschen mit Eberzähnen, die sich durch den Boden graben können, Angehörige des Himmelsvolks, die auf Bäumen leben und so weiter.

Ehrlicherweise passt das alles nicht so richtig zusammen. Wie bei einem gemischten Salat, bei dem die einzelnen Zutaten für sich genommen vielleicht gut schmecken, aber in der Summe ein schlecht schmeckenden Salat ergeben. Vielleicht hätte frau* doch nicht die getrockneten Tomaten mit den Pfirsichen und dem Wirsing mixen sollen.

Besonders sichtbar wird die unpassende Zusammensetzung der Geschichte an den Illustrationen. Während die monochromen Zeichnungen gut zur Handlung passen, sind die Farbillustrationen beinahe willkürlich zwischen die Seiten geklatscht und passen überhaupt nicht zur aktuellen Erzählung. Was bringt mir ein Bild von der Hauptfigur Nimue, die mit Wölfen kämpft, wenn die Begegnung selbst erst zwanzig Seiten später passiert? Dann lieber ganz lassen.

Die Ritter der Schwafelrunde

Nach Ende des Buches habe ich mir die Frage gestellt: Was soll das mit der Artus-Sage? Den Figuren fehlt jede Ähnlichkeit zu ihren mythischen Vorbildern, die Geschichte wäre zumindest ein Stück besser, wenn die gekünstelten Verbindungen ausgelassen worden wären. Gawain als menschenhassender Prügelknabe. Lancelot als Vollstrecker der roten Mönche, der seine Verbindungen zum alten Volk leugnet. Morgan, die wenig mehr als eine Gasthausbesitzerin ist. Merlin der Säufer, der schon vor langer Zeit seine Zauberkraft verloren hat und nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Und allen voran Arthur der Söldner, der sich aus dem Staub macht, sobald es brenzlig wird.

Generell bleiben einfach zu viele Figuren eindimensional, mehr Karikatur ihrer selbst als echte Person. Und die Charakterentwicklung, die stattfindet, wirkt oft gekünstelt, vorhersehbar und erzwungen. Und immer wieder wird deutlich, dass Nimue zwar eine weibliche Hauptfigur ist, aber von einem Mann geschrieben wurde. Es gibt, gerade in der aktuellen SFF-Literatur, viele Autoren, die das deutlich besser machen (z.B. Mark Lawrence oder Joe Abercrombie).

Brett vorm Kopf

Von den Dialogen will ich gar nicht erst anfangen. So hölzern und ungelenk, dass ich mich mehr als einmal innerlich beim Lesen schämte. Vielleicht liegt es daran, dass Thomas Wheeler Drehbuchschreiber ist, aber er lässt nirgendwo Platz für die Imagination, jede Gefühlsregung und jeder Gedankengang wird beschrieben. Nichts mit „Zeigen, statt Beschreiben“. Die folgende Passage ist ein ganz gutes Bespiel für die hölzernen Dialoge und den drehbuchartigen Schreibstil:

„Glaub mir, ich bin nichts Besonderes. Tut mir leid, wenn ich dich enttäuschen muss, aber ich bin ein Niemand.“, sagte Nimue. Dennoch hatte sie bei Morgans Worten eine tröstliche Wärme verspürt. Offenbar sehnte sie sich mehr nach Anerkennung, als sie es sich selbst eingestehen wollte.
Morgan packte Nimue an den Schultern und schüttelte sie. „Du bist die Einzige, die den Paladinen die Stirn geboten und sich gewehrt hat. Den Flüchtlingen bedeutet das viel. Sie verdienen ein bisschen Hoffnung, und sei sie auch noch so flüchtig.“
„Flüchtig?“, wiederholte Nimue.
Cursed, S. 158

Die Kirsche auf der Sahne

Und zum Schluss, als i-Tüpfelchen, endet das Ganze in einem Cliffhanger. Soweit ich erkennen kann, ist das Buch aber gar nicht als Di- oder Trilogie angelegt. Das heißt also, frau* muss dann die Serie schauen, um die weitere Geschichte zu erfahren? Fast schon unverschämt.

Ich kann also, trotz der Illustrationen von Frank Miller, nur von der Lektüre abraten und vergebe für „Cursed – Die Auserwählte“ lediglich 1 von 5 Lesezeichen. Es gibt so viele Bücher da draußen, verbringt eure Zeit lieber mit was Besserem.

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11 Kommentare zu „„Cursed – die Auserwählte“ von Thomas Wheeler“

  1. Huhu,

    krass, dass deine Meinung so unterschiedlich zu meiner ausfällt.
    Vielleicht liegt es daran, dass ich die Artus-Sage im Original nicht kenne?

    Ich habe mich beim Lesen anfangs schwer getan, aber das hat sich nach und nach gelegt und die Lesefreude war groß. Die angesprochenen Dialoge haben mich zum Beispiel gar nicht gestört, ich mag diese Art Schreibstil ganz gerne. Es hat seinen ganz eigenen Flair vom Kopfkino 😉

    Bezüglich der bunten Illustrationen im Buch kann ich nichts sagen. Im eBook sind die bunten Illustrationen nämlich hinten abgebildet. Schade, dass man das beim Print-Exemplar anders gelöst hat.

    Liebe Grüße
    Kasia

    1. Hallo Kasia,

      schön zu hören, dass du mehr mit dem Buch anfangen konntest. Lesegeschmäcker sind ja immer sehr subjektiv und natürlich auch die Rezensionen dazu. Jede*r hat seine eigenen Vorstellungen und Erwartungen an ein Buch. Während mir der Schreibstil gar nicht zusagte, wurdest du gut mit ihm warm. Es gibt halt auch keine Bücher, die allen gefallen =)
      Ich werde trotzdem mal in die Serie schauen, die (glaube ich) am 17. Juli bei Netflix starten soll, du auch?

      Viele Grüße,
      Nico

  2. Hey Nico,

    schade, dass das Buch für dich der absolute Reinfall war.
    Von deiner Besprechung her bin ich auch sehr durcheinander und kann mir gar nicht vorstellen, wie das alles zusammen passen soll und dann auch noch Sinn ergeben könnte.

    Ich denke, das Buch und auch die Netflix Serie kann ich mir demnach schenken.

    Danke für deine ehrlichen Worte.

    Cheerio,
    RoXXie

    1. Hey RoXXie,

      ich werde trotzdem mal in die Netflix Serie reinschauen, allerdings mit entsprechend niedrigen Erwartungen. Und ich glaube, unser (vielleicht) nächster buddy read von „Court of Miracles“ wird wesentlich mehr Erwartungen erfüllen, als „Cursed“ hier. Ab einem gewissen Punkt habe ich auch nur noch weitergelesen, weil ich wusste, dass das eine bitterböse Rezension wird und nicht, weil ich das Buch gerne gelesen habe.

      Viele liebe Grüße,
      Nico

  3. Hi Nico,

    vielen Dank für deine ausführliche Besprechung. Ich hatte das Buch auch ins Auge gefasst und es erstmal auf der Wunschliste geparkt. Doch nach deinen Worten bin ich davon überzeugt, dass mich das Buch auch nicht überzeugen könnte. Ich bin ein großer Freund von „Show don’t tell“ und bin dann vielleicht mit einem Werk das näher an der mythologischen Saga dran ist besser bedient. Kannst du da was empfehlen?

    Viele Grüße
    Bella

    1. Hey Bella,

      also ich habe hier im Regal stehen „The Story of King Arthur and his Knights“ von Howard Pyle, was aber von 1903 ist und demnach recht altertümlich, aber in meiner Erinnerung recht nah an diesem mythischen Sagen-Charakter.

      Dann habe ich in meiner Jugend die drei Bücher der „Artus-Chronik“ von Bernhard Cornwell gelesen. Die gehen schon weg von diesem Mythos und nutzen die Figuren eher ein bisschen wie „Cursed“, das habe ich aber besser in Erinnerung. Nur würde ich aus heutiger Sicht sagen, Cornwell ist nun nicht unbedingt ein feministischer Schriftsteller und ich glaube mich auch an Szenen sexualisierter Gewalt zu erinnern. Also vielleicht auch nicht mehr zeitgemäß.

      Mit den „Nebeln von Avalon“ von Marion Zimmer Bradley konnte ich immer wenig anfangen, da gab es ja auch diese Filme dazu.

      Ich denke, der Klassiker ist „Der König auf Camelot“ von T. H. White, der gerade auch neu von der Hobbitpresse aufgelegt wurde. Da gibt es eigentlich fünf Bücher, wobei in der deutschen Ausgabe laut meiner Recherche wohl seltsamerweise nur die ersten vier zusammengefasst sind. Das schreit ja geradezu nach einer Suche nach einer englischen Ausgabe, die alle Bände enthält! Hihi

      Ich hoffe, das hilft dir schon mal etwas.

      Viele liebe Grüße,
      Nico

  4. Hey 🙂
    Wow ich hatte das Buch auf meiner Wunschliste und wollte er tatsächlich meinem Freund vorschlagen, da er sehr gerne Adaptionen zu mythischen FIguren liest. Aber nach deiner Rezension bin ich mir nicht mehr so sicher. Ich liebe es, wenn man die Vorbilder nimmt wie zB. Merlin, Arthus usw. und sie in ein anderes Setting setzt. Aber ich find es sehr schade, dass die Figuren im Buch offenbar gar keine Ähnlichkeit mit den „Originalen“ haben. Das finde ich eigentlich immer sehr wichtig.
    Vielleicht werde ich mir das Buch dennoch als Hörbuch anhören, wenn ich mal nicht weiß, was ich hören soll. Aber so richtig Lust macht mir deine Rezension jetzt nicht mehr.
    Danke für deine wirklich ehrliche Meinung!

    1. Hey Andrea,

      ich muss leider auch sagen, dass ich mich sehr auf das Buch gefreut hatte und dann umso mehr enttäuscht war. Aber die Geschmäcker gehen ja auch hinsichtlich Büchern total auseinander. Kasia (Kommentar weiter oben) hat das Buch ja zum Beispiel gefallen. Wenn du dir unsicher bist, kannst du ja vielleicht ab dem 17. Juli mal in die Netflix-Serie reinschauen und dann entscheiden, ob ihr das Buch lesen/hören wollt?

      Liebe Grüße,
      Nico

  5. Pingback: „Cursed: Die Auserwählte“ von Frank Miller und Thomas Wheeler – Nicht noch ein Buchblog!

  6. Hi Nico!

    Da blättere ich ganz friedlich durch deine Rezis, bis ich auf einmal auf dieses rote Cover stoße und mir denke, oha, das hab ich ja auch noch auf meinem Zwerg-SuB liegen … allerdings als Hörbuch. Das Print hatte ich im Laden in der Hand, die Zeichnungen haben mir aber nur teilweise gefallen. Jetzt bin ich mal gespannt, ob das Hörbuch da noch was rausreißen kann.

    Liebe Grüße
    Ascari

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