Rezensionen,  Sachbücher

„Anleitung zum Widerspruch“ von Franzi von Kempis

Auf Instagram bin ich über das Buch „Anleitung zum Widerspruch“ gestolpert, dessen Titel und Klappentext hohe Erwartungen meinerseits geschürt haben. In einer Zeit, in der sich der Diskurs immer weiter nach rechts verschiebt – frei nach dem Motto: Das wird man jawohl noch sagen dürfen – kommt ein „Spickzettel gegen Intoleranz“ gerade recht. Denn wer kennt sie nicht, die Tante, die bei der großen Familienfeier plötzlich verkündet, Frauen in Burka gehöre in den Kopf geschossen. Oder die Freundin, die Homosexualität immer noch für etwas Unnatürliches hält. Wie tritt frau* dem entgegen? Der Klappentext zum Buch verspricht Abhilfe:

„Doch was entgegnet man, wenn jemand den Klimawandel leugnet, an die BRD-GmbH glaubt oder gegen Geflüchtete hetzt? Fanzi von Kempis gibt uns fundierte Argumente und sorgfältig recherchierte Fakten an die Hand, damit wir uns sicherer fühlen, um populistischen, unwahren oder hetzerischen Parolen etwas entgegenzusetzen.

Das Buchcover von "Anleitung zum Widerspruch"

Anleitung zum Widerspruch | Autorin: Franzi von Kempis | Verlag: Mosaik
Seiten: 288 | Erschienen am: 30.09.2019
Werbung: Rezensionsexemplar

Wem wird widersprochen?

Von Kempis widerspricht in ihrem Buch so einigen – und sie tut das wohlüberlegt und gut informiert. Ganze 26 Seiten Quellenbelege in Schriftgröße 8 oder so am Ende des Buches zeugen davon. Dabei wird die ganze Bandbreite moderner Arschlöcher (frei nach dem Motto des Spiegels: „Sagen, was ist.“) abgegrast. Ob Klimawandelleugner*innen, Antisemit*innen, Verschwörungstheoretiker*innen, Sexist*innen oder Nazis: Häufige Argumente der Personen werden vorgetragen und dann wissenschaftlich fundiert widerlegt. Am Ende jeden Absatzes findet sich eine kurze Zusammenfassung der Argumente, sozusagen als „Spickzettel“.

Wenn also das nächste Mal jemand behauptet, Impfungen verursachen Autismus, oder laut darüber nachdenkt, wie die Islamisierung unsere christlichen Traditionen zerstöre, hätte ich jetzt theoretisch das wissenschaftliche Fachwissen, nicht nur zu widersprechen, sondern die Argumente meines Gegenübers auch noch in Kleinteile zu zerlegen.

Aber: Gewinne ich damit die Diskussion, beende die Debatte, bekehre vielleicht gar mein Gegenüber von ihrem* Irrglauben?

Was ist das Ziel des Widerspruchs?

Damit so eine Diskussion überhaupt eine Chance auf Fruchtbarkeit hat, muss mein Gegenüber doch grundsätzlich empfänglich für rationale Argumente sein – und wenn mein Gegenüber grundsätzlich empfänglich für rationale Argumente wäre, wie konnte sie* dann überhaupt zu solchen Überzeugungen geraten?

Auch von Kempis gibt zu, dass Argumente nicht immer weiterhelfen. Widerspruch sei wichtig, vor allem für die „stumme Mehrheit“. Denn „Was geschieht, wenn irgendwann im Netz nur noch Verschwörungstheorien stünden, weil schlicht niemand mehr dagegen hält?“. Frau* solle sich aber vorher bewusst machen, wie viel Energie sie in eine solche Diskussion investieren wolle und welche Ziele sie dabei verfolge. Also auf jeden Fall widersprechen? Ja, aber…

Mit oder gegen Rechte reden?

Mely Kiyak schreibt in ihrem sehr guten Essay „Haltung – Ein Essay gegen das Lautsein„:

„All denen, die meinen, mit Haltung in Form von permanentem, rhetorischen Widerstand gegen Demokratiefeinde auf der Gewinnerseite zu stehen, sei gesagt: Vergesst es! Indem wir uns ständig mit ihnen beschäftigen und versuchen, sie zu integrieren, sorgen wir nicht dafür, dass sie klüger und offener werden. Sie wollen uns zermürben.“

In einem Artikel der Zeit zum Thema „Lassen sich Rechtspopulisten entzaubern?“ (Online leider nur hinter einer Paywall) streiten sich Sascha Lobo und die Aktivistin Laura Zimmermann über genau dieses Thema. Lobo argumentiert für mich sehr nachvollziehbar:

„[Dass die Meinungsfreiheit auch für die absurdesten Äußerungen gelten soll] ist spektakulär naiv und gefährlich. Wenn man ernsthaft sagt, dass in der Öffentlichkeit jede Meinung einen Platz hat, dann hat man weder liberale Demokratie noch den Diskurs verstanden. Und erst recht hat man nicht verstanden, um was es den hier gemeinten Rechten geht: nicht um eine Debatte, sondern um eine Zerstörung der Debatte. Wenn man solchen Menschen nun entgegentritt und so tut, als sei deren Meinung diskutabel, dann ist das gefährlich.“

Also ja, Widerspruch ist unendlich wichtig und dafür ist das Buch sehr hilfreich. Aber Diskussionen mit Nazis, Verschwörungstheoretiker*innen und sonstigen Arschlöchern machen in meinen Augen nur bis zu einem gewissen Punkt Sinn und frau* sollte sich vorher gut überlegen, wie viel Energie sie in eine solche Debatte stecken möchte. Unabhängig davon liest sich „Anleitung zum Widerspruch“ auch so als informative Faktensammlung zu aktuellen politischen Themen, bei denen uns allen ein bisschen mehr Wissen nicht schadet. Von mir vier von fünf Gütesiegeln.

Der Song zum Buch

6 Kommentare

  • Marlene

    Ich glaube nach so einem Buch habe ich gesucht. Ich habe leider „Freunde“ die sich auf die Rechte Seite geschlagen haben und ich gegen keinerlei Debatte, wenn sie denn mal aufkommt, ankomme. Vielleicht gelingt es wenigsten mit diesem Buch nicht immer in Grund und Boden gequatscht zu werden. Danke für die Rezension Nico LG Mallefitz

    • Nico aus dem Buchwinkel

      Liebe Marlene,

      dann hoffe ich, dass dir das Buch bei zukünftigen Diskussionen hilft 🙂 Ich finde es manchmal schwierig, Freunde und was mich mit ihnen verbindet von ihren politischen Ansichten zu trennen. Leider weiß ich da aber auch keine andere Lösung, als bestimmte Themen irgendwann nicht mehr anzusprechen, nachdem es zu oft zu keiner Lösung geführt hat.

      Liebe Grüße,
      Nico

  • RoXXie SiXX

    Wow, was für eine klasse Rezi. Sehr informativ und interessant.
    Ob ich aber zum Diskutieren eine Anleitung benötige? Bin mir nicht so sicher!
    Da ich mich schon immer prinzipiell an mein eigenes Motto gehalten habe: „Wenn der/die DiskussionspartnerIn zu stur für andere Meinungen ist, dann lohnt die ganze Diskussion nicht.“ Und dann breche ich meist ab und lassen Sturkopf stehen. Mit der Hoffnung, es erzeugt ein Nachdenken in ihm/ihr, warum ich wortlos gegangen bin.

    • Nico aus dem Buchwinkel

      Ja genau, das ist eben auch, was ich schwierig finde: Will ich mit jemandem diskutieren, der sich sowieso nicht umstimmen lässt und seine eigenen alternativen Fakten über jegliche wissenschaftliche Ansichten stellt, die man selbst anbringen könnte?

      Vielen Dank für das Lob 🙂

  • Anja

    Hallo Nico 🙂
    meine Rezension zu dem Buch ging jetzt auch endlich online und ich habe mir deine Rezi für danach aufgehoben, damit ich unvoreingenommen schreiben kann 😉

    Du hast das Buch ziemlich gut auf den Punkt gebracht. Verschwörungstheoretiker*innen und Impfgegner*innen findet man aber auch auf der „linken“ Seite, jedenfalls erstere sind mir bereits untergekommen.

    Ich finde, es ist wirklich wichtig zu wissen, wie man selbst diskutiert bzw. diskutieren will, wie viel Energie man reinstecken will, wie man rhetorisch vorgeht, welche psychologischen Faktoren mitspielen etc. Da gibt das Buch wirklich eine gute Hilfestellung. Ich denke schon, dass man so beim Gegenüber dann besser ankommt und eben ein erfolgreicheres Gespräch zustande kommen kann.

    Liebe Grüße
    Anja

    • Nico aus dem Buchwinkel

      Hallo Anja,

      habe mir deine Rezension nun auch angesehen 🙂 Du bringst auch Vieles gut auf den Punkt, vor allem den kritischen Umgang mit den Quellen der Autorin. Das „Mit oder gegen Rechte reden“ war nur bezogen auf die Themen Flüchtlinge, Migration und Rassismus. Ich kenne selbst (leider) auch einige sehr umweltbewusste und ökologisch denkende Menschen, die beim Thema „Impfen“ aber komplett dagegen sind. Da hatte ich auch schon mehrere Diskussionen. Also viele Themen aus dem Buch sind sicher nicht auf ein politisches Lager beschränkt.

      Liebe Grüße,
      Nico

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