„Anarchie Déco“ von J. C. Vogt

Dieser Beitrag erscheint im Rahmen des feministischen September 2021

Berlin, die 1920er, Nazis – einerseits Setting von „Anarchie Déco“, andererseits Themen, die auf meiner persönlichen Beliebtheitsskala ziemlich weit unten rangieren. Wäre das Buch also von jemand anderem als Judith und Christian Vogt (alias J. C. Vogt) geschrieben worden, ich hätte es vermutlich gar nicht erst in die Hand genommen. Bei den beiden weiß ich aber, dass in ihren Büchern immer auch ganz andere Dinge eine Rolle spielen: Feminismus, Nonbinarität, der Sturz des Patriarchats, das Aufbrechen heteronormativer Vorstellungen und der Kampf gegen -ismen (wie Sexismus und Rassismus). Und das, wiederum, sind genau meine Themen!

Anarchie Déco | Autor*innen: Judith und Christian Vogt
Verlag: Fischer TOR | Erschienen am: 25.08.2021 | Seiten: 480

Magie und Wissenschaft

CN: Mord, Verstümmelung, Sexismus (Alltags- & Universitätskontext), Referenz auf vergangene Abtreibung, antisemitischer Rassismus, Klassismus & Elendsviertel, Missbrauch und Gefangenschaft, PTSD, Militarismus, Nazis und Faschismus, Erdbeben, einstürzende Gebäude

Das ganze beginnt mit der Solvay-Konferenz 1927 in Brüssel. Wir begegnen Albert Einstein, Marie Curie, Niels Bohr und Werner Heisenberg. Allerdings sollte es nicht „nur“ um die neu formulierte Quantentheorie gehen, sondern um etwas, das viele nicht anders als mit dem Wort „Magie“ zu beschreiben wissen: Im Zusammenspiel aus Wissenschaft und Kunst, Röntgenstrahlen und Malerei, entsteht aus Wasserdampf das Abbild der Person auf einem Gemälde. Dieses Abbild bleibt nicht starr, sondern winkt dem Publikum zu.

Die bahnbrechende Entdeckung bringt viele Herausforderungen mit sich. Die Ergebnisse lassen sich unter Laborbedingungen noch nicht zuverlässig reproduzieren, Ergebnisse erscheinen oftmals zufällig. Auch der gesetzliche Rahmen magischer Nutzung ist noch nicht ausgelootet. Und nicht nur in der Universität wird fleißig mit den neuen Möglichkeiten experimentiert… Als es zum ersten magischen Verbrechen kommt, sind Justiz und Polizeiapparat komplett überfordert. Eine Sondereinheit wird zusammengestellt, bestehend aus dem kurz vor der Pension stehenden Seidel und Nike Wehner, die von der Universität aus an den magischen Phänomenen forscht und auch das Experiment während der Solvay-Konferenz durchgeführt hat. Auch Nikes künstlerischer Magiepartner Sandor hilft bei der Aufklärung. Gemeinsam decken sie eine Verschwörung auf, die ganz Berlin aus den Angeln zu reißen droht.

1+1=2

Einen besonderen Blick wert ist das Magiesystem in „Anarchie Déco“, das anfangs binär zu sein scheint. Ein Duo aus Gegensätzen muss gemeinsam zaubern, sonst klappt es nicht: Mann und Frau, Künstler und Wissenschaftlerin. Dass dieser einengende binäre Blickwinkel von den Autor*innen im Laufe des Buches spektakulär gesprengt wird, kommt ehrlicherweise nicht ganz unerwartet, wenn mensch andere Werke der beiden kennt.

Nicht nur die Magie an sich, auch die Menschen, die sie wirken, sind einen zweiten Blick wert. Da wäre zum Beispiel die Dynamik zwischen Nike und ihrer Mutter, die aus Ägypten nach Deutschland kam (soweit ich weiß, wurden diese Stellen auch einem Sensitivity Reading unterzogen). Oder Sandor, der seinen besten Freund wahnsinnig vermisst und sich gleichzeitig zu einer deutlich älteren Architektin hingezogen fühlt. Am meisten Eindruck bei mir hinterlassen hat aber Georgette, die tagsüber den Arzt „Herr Kalinin“ spielt und nur nachts sie selbst sein kann.

Alle drei versuchen sich im progressiven und gleichzeitig rückständigen Berlin der 20er Jahre zwischen Antisemitismus, Kommunismus und aufkommendem Nationalsozialismus zurechtzufinden. Und alle drei bewegen sich außerhalb heteronormativer Zuschreibungen, für die es damals noch keine Worte gibt:

„Weißt du, dass Professor Hirschfeld eine Theorie entwickelt hat, nach der es dreiundvierzig Millionen mögliche Kombinationen von sogenannten Geschlechtscharakteren gibt?“
„Was soll das denn heißen?“
„Dass ‚weiblich‘, ‚männlich‘, ‚homosexuell‘ und ’normalgeschlechtlich‘ vielleicht nicht genug sind, um Menschen zu beschreiben.“ Georgette zwinkerte.J. C. Vogt, S. 280

Tut Gutes!

Ich bin froh, dass es dieses Buch gibt. Und dass die Autor*innen sich (neben anderen, z.B. Elea Brandt oder James A. Sullivan) mit jedem ihrer Werke dafür einsetzen, traditionelle und veraltete Muster in der Phantastik aufzubrechen, die Figuren zu diversifizieren und marginalisierten Gruppen eine Stimme und eine Bühne zu geben. Dass das nicht immer einfach ist, lässt sich zum Beispiel im Nachwort nachlesen. So war die zeitliche Organisation der Sensitivity Readings etwa bei „Anarchie Déco“ eine große Herausforderung. Auch das Finden eines Verlags im immer noch reaktionären deutschen Literaturbetrieb ist eine Hürde, gerade auch für Bücher, die ausgetretene Pfade verlassen.

Deshalb kann ich nur empfehlen: Tut euch und eurem Lesegeschmack etwas Gutes und lest „Anarchie Déco“! Damit unterstützt ihr gleichzeitig die Bemühungen um einen Wandel hin zu einer progressiveren Phantastik, denn alles, was kommerziell erfolgreich ist, wird von den Verlagen auch weiter eingekauft. Und ich persönlich brauche keinesfalls auch noch den 10. Andreas Eschbach oder George R. R. Martin mitsamt ihrem Verhalten bei irgendwelchen Awards.

Auch wenn für mich persönlich das Setting nicht komplett gepasst hat, habe ich das Lesen besonders der Figuren wegen sehr genossen und freue mich umso mehr auf die nächste Geschichte der beiden (es geht um Wikinger*innen, aber pssst!)

Die Songs zum Buch

Auf Spotify gibt es sogar eine ganze Playlist passend zum Buch (inklusive Bella Ciao!):

4 Kommentare zu „„Anarchie Déco“ von J. C. Vogt“

  1. Hi Nico!

    Über das Buch bin ich jetzt schon öfter durch das ungewöhnliche Cover gestolpert – ich bleibe einfach meist am optischen Aufhänger hängen xD

    Neugierig gemacht hat es mich schon, aber deine Rezi gibt dem ganzen nochmal einen Schubs auf der Wunschliste weiter nach oben. Es hört sich wirklich total spannend an!

    Danke für deine Leseeinblick!

    Liebste Grüße, Aleshanee

    1. Hey Aleshanee,

      es freut mich, dass ich dich mit meiner Rezension noch ein wenig mehr für das Buch begeistern konnte! Und das Cover ist wirklich sehr ungewöhnlich und hebt sich vom Rest ab. Ich muss ja zugeben, dass man mich mit einem guten Cover genauso begeistern kann.

      Liebe Grüße,
      Nico

  2. Huhuuuuu (=

    Ooohh, der Titel steht schon als Hörbuch auf meiner Merkliste! Oder gar schon gekauft? Bin mir gerade unsicher XD Und nun bin ich nach deinen begeisterten Worten unsicher, ob ich Print oder Hörbuch will … oft möchte ich besondere Geschichten oder jene die mich gänzlich einnehmen und begeistern lieber als Buch im egal stehen haben und dieser Titel scheint solch eines zu sein! Ich habe noch ein Buch ungelesen von den Beiden hier und es sind Herdengegenstände, wenn ich den Titel also noch nicht irgendwo in meinen Apps habe, wird dies wohl ein Gönnungskauf nach dem Auszug *-*

    Muckelige Grüße!

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