„Abschied von Hermine“ von Jasmin Schreiber

Ich möchte diese Rezension ausnahmsweise mit einer persönlichen Geschichte beginnen: Vor gar nicht langer Zeit hat eine Freundin mit mir die Verteidigung ihrer Doktorarbeit geübt (natürlich per Videokonferenz). Sie ist Biologin und das Thema war unter anderem Apoptose, Zelltod. Ich habe nicht alles verstanden, das macht aber gar nichts, denn kurze Zeit später las ich die Basics noch einmal in „Abschied von Hermine“ von Autorin Jasmin Schreiber, die ebenfalls Biologin ist. Darin geht es zuvorderst um den Tod. Unangenehmes Thema für viele, ich weiß. Im vorliegenden Fall aber gleichzeitig ein wahres Lesevergnügen.

Ich habe besagter Freundin übrigens das Buch dann zur Verleihung ihres Doktortitels geschenkt, weil sich Bücher von Jasmin Schreiber einfach super verschenken lassen (Nein, das signierte Exemplar habe ich behalten, so altruistisch bin ich dann auch wieder nicht). Ihr Erstlingswerk „Marianengraben“ habe ich – Stand aktuell – schon sicher fünf Mal in Geschenkpapier eingepackt und vermutlich wird noch das ein oder andere Mal folgen.

Abschied von Hermine | Autorin und Zeichnungen: Jasmin Schreiber
Verlag: Goldmann | Erschienen am: 29.03.2021 | Seiten: 288

Wir werden alle sterben!

CN: Tod, Sterbeprozess, Verwesung, Insekten (insbesondere Schmeißfliegen, Schnecken, Käfer)

Der Tod ist ein Thema, bei dem man nicht einfach sagen kann: Puh, nee, das ist ja was für Mitläufer:innen, das machen ja alle. Ich aber bin Individualist:in, deshalb ist das eher nix für mich, trotzdem danke für das Angebot!Abschied von Hermine, S. 11

Ähnlich wie in meiner Rezension vermischt auch Schreiber in „Abschied von Hermine“ sachliche Fakten mit autobiografischen Anleihen. Es geht zum einen um den Tod im Allgemeinen, zum anderen um den ganz speziellen Tod ihres Hamsters Hermine. Ein autobiografisches Sachbuch, wenn mensch so will.

Eingeteilt ist das Buch (wie das Leben) in Leben, Altern, Sterben, Tod und Trauer. Zwischendurch eingestreut ist faszinierendes Nischenwissen. Wusstet ihr zum Beispiel, dass manche Wasserbärenarten über 5000 mal mehr Strahlung überleben als wir Menschen? Was Wasserbären überhaupt sind, lässt sich natürlich ebenfalls nachlesen, genauso wie das, was bei der Schwangerschaft einer Nacktmullkönigin passiert. So liest sich das Buch trotz des schweren Themas herrlich unterhaltsam und kurzweilig, auch wenn einzelne Kapitel traurig und andere wiederum nichts für schwache Mägen sind. Ich fand es gar nicht mal so angenehm zu erfahren, was Schmeißfliegen alles auf einer verwesenden Leiche im Wald treiben und woher Schnecken den Kalk für ihre Gehäuse bekommen. Aber Sterben ist nunmal nichts Appetitliches, was will mensch machen?

Umso appetitlicher sind dafür die Zeichnungen der Autorin, die die Kapitel illustrieren und zum Beispiel den Lebenszyklus einer Qualle zeigen oder Weinbergschnecken beim Sex. Die Bilder passen in ihrer Schlichtheit sehr gut zum Buch und sorgen auch für den ein oder anderen Schmunzler, zum Beispiel wenn dargestellt wird, wie ein Stufenmodell des Trauerns in der Realität abläuft.

Literatur ist politisch

In meinem Zitat fällt es vielleicht schon auf: In „Abschied von Hermine“ wird gegendert. Aber nicht nur das. Jasmin Schreiber stellt (als es um Statistiken zu Lebenserwartung geht) explizit klar, dass für sie trans Frauen Frauen sind und trans Männer Männer. Schade, dass das nicht selbstverständlich und keiner Erwähnung wert ist. Schön, dass die Autorin sich entsprechend positioniert. Hätte es nun noch zusätzlich dazu eine Triggerwarnung zu Beginn des Buches gegeben, ich wäre wünschlos glücklich gewesen. Aber auch so finde ich das ziemlich gut.

Dementsprechend lautet mein Fazit: Toll aufbereiteter und illustrierter Inhalt, heiteres Herangehen an ein schwieriges Thema, das in den wichtigen Momenten aber nie den gebotenen Ernst vermissen lässt, wichtige Botschaften, 1A Lektüre, 5 von 5 Lesezeichen von mir. Ich freue mich schon mächtig auf Schreibers zweiten Roman „Der Mauersegler„, der Ende August erscheint.

Der Song zum Buch

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